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Regen-Popsongs : „Have you ever seen the rain?“

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Liste der Regen-Popsongs ist sehr sehr lang. Meist steht die Nässe von oben für Trübsal und die Sonne fürs große Glück

Der Japaner Akihide veröffentlichte 2014 das Album „Rain Story“, das sich ausschließlich mit Regen beschäftigt. Das Thema hatte sich Akihide quasi aufgedrängt, da er als „ame otoko" (Regen-Mann) gilt, seit es bei seinen Open-Air-Auftritten immer wieder pladderte. Erst nannte er eine seiner Konzertreisen „Rain Man“-Tour, dann schrieb er einen Regen-Song und am Ende ein ganzes Album, das komplett im Regen versank.

Der Regen ist – neben anderen Wetterphänomenen – in der Popmusik seit je präsent. Was daran liegen könnte, dass Wetter immer da ist, so wie Stimmungen und Gedanken. Und es taugt ja auch schön zum Bildermalen, wenn man Liebesglück und Liebeskummer mit poetischen Worten beschreiben will, die auch der dümmste Dudelradiohörer auf Anhieb versteht. Sonne scheint, Himmel weint – oder lacht Freudentränen, denn natürlich gibt’s noch den schönen Sommerregen, durch den man barfuß tanzen kann, am besten unterm Regenbogen.

Das Vokabelpärchen Sonne und Regen ist bei den Liedtextern dieser Welt – egal, ob alte, junge, berühmte, noch unbekannte, coole oder uncoole – stets gern gesehen. Die Liste bekannter Regenlieder aus der jüngeren Populärmusik-Ära ist so lang wie die Niederschlagszeit auf der hawaiianischen Insel Kauai, wo es weltrekordhafte 335 Tage im Jahr auf den Berg Wai’ale’ale schüttet.

Schon vor 80 Jahren schmachtete Zarah Leander mit ihrer tiefen Bauchstimme „Ich steh’ im Regen und warte auf Dich“, während Rudi Carrell vier Jahrzehnte später bei ähnlichem Wetter missmutig-heiter auf den richtigen Sommer wartete. Der Showmaster hatte aus dem (gegen Präsident Nixon gerichteten) Protestsong „City of New Orleans“ des US-Folksängers Steve Goodman den Schlager „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ gemacht. Der kühle Sommeranfang jenes Jahres mündete just nach dem Radioeinsatz des Lieds in einen sonnigen August.

Auch abseits des Schlagers bleibt Regen ein Dauerthema für deutsche Popkünstler, wobei der Niederschlag sehr zielgruppenspezifisch ausfällt. Teenager in der Tokio Hotel-Phase mussten sich „Durch den Monsun“ kämpfen, was man auch als Synonym für die Pubertät deuten konnte. Den niedlichen Charme, den das Apokalyptische des Niederschlags dort hat, findet man im „Regen“-Lied der Böhsen Onkelz natürlich nicht. „Der Himmel weint / Sieht Gott unsere Tränen / Es regnet Elend / Es regnet Wut“.

Böse, böse, und immer ohne Regenschirm – das können natürlich auch die Rapper. Bei Kollegah klingt der genretypische Klischee-Niederschlag so: „Fick’ den Rest, ich bin der Beste / Ich steig’ aus dem Benz und laufe Richtung Skyline im Regen“.

Nicht alle Musiker finden es allerdings toll, dass dem Regen permanent Düsternis angedichtet wird. „Regen, Regen, alle pflegen / sich darüber aufzuregen“, singen Die Prinzen in ihrem „Regen“-Lied und befragen sich selbst: „Lass mich überlegen / Bin ich dafür oder bin ich dagegen“. Auch Rapper Chefket sieht vor allem die Dialektik, quasi stellvertretend fürs große Ganze: „Einerseits kommt nach Regen Sonne / Andererseits nach Sonne der Regen / ein ständiges Hin und Her / Willkommen im Leben“.

Auch international avancierten viele Regen-Songs zu Hits. Die Band CCR landete gleich zwei in der Kategorie mit „Have you ever seen the Rain?“ und „Who’ll stop the Rain?“. Auch The Weather Girls, Schöpfer des Welthits „It’s raining Men“, kamen aus Amerika. Am erfolgreichsten war ihr Lied aber wo? In England. Umgekehrt war es wiederum ein Engländer, der für einen der größten Hits mit Regenbezug in Amerika (und weltweit) gesorgt hatte. Als Albert Hammonds Song „It never rains in Southern California“ Anfang der 70er-Jahre sang, war das nur oberflächlich eine Mischung aus fast korrektem Wetterbericht und metaphorischem Wunschdenken. In Wirklichkeit hüllte der softe Sound die Ernüchterung darüber ein, dass auch das Leben im Hippie-Traumland nicht nur von der Sonne beschienen wird, sondern es dort ebenfalls heftig gießt. Heute wird der Song trotzdem als Oldie der Flowerpowerpops gefeiert und zumindest im wörtlichen Sinne ist der Titel wahrer denn je. Empfanden die Golden State-Bewohner die Regenarmut vor Jahrzehnten noch als großes Glück, fluchen sie heute zunehmend darüber, weil die Wasserknappheit unangenehm in ihr alltägliches Leben eingreift.

Doch das Verhältnis zum Regen, wie überhaupt zum Wetter, könnte sich bald ändern, haben britische Wissenschaftler der Uni Oxford prophezeit. Der Klimawandel werde langfristig den Musikgeschmack und die Gestaltung von Liedtexten beeinflussen, so die Physikerin Karen Aplin. „Heute freuen sich die Menschen in Europa noch auf den Sommer, aber was, wenn jeder Sommer Temperaturen von über 40 Grad Celsius mit sich bringen würde?“

Ihr Forscherteam hatte sich näher mit der Beziehung von Wetter und Popmusik beschäftigt und 2015 die Studie „Is there a Rhythm of the Rain?“ veröffentlicht. Bei der Durchforstung von Karaoke-Datenbanken mit 15 000 englischsprachigen Songs aus den letzten sieben Jahrzehnten fanden sie 755, die einen Bezug zum Wetter erahnen ließen. Die genaue Analyse ergab, dass die Sonne positiv besetzt und deshalb wohl auch am häufigsten besungen wird, während der Regen – das zweitbeliebteste Wetterphänomen in den Songs – gewöhnlich mit negativen Emotionen wie Traurigsein assoziiert wird. Interessanter als diese Erkenntnis ist die Forscherthese, dass Sonne und Regen vielleicht bald nicht mehr frohgemut in den Mainstreampop eingebaut werden. Warum? Man fand heraus, dass in den 50er-Jahren, als sehr oft Hurrikans wüteten, viel mehr Musik über Wind und Sturm geschrieben wurde. Wenn also der Klimawandel öfter extremes Wetter mit sich bringt, könnte sich das auch auf die Musikthemen auswirken.

Die Stimmung gegenüber bestimmten Wettersituationen könnte kippen, so die britischen Forscher, was seinen Niederschlag auch in Popsongs finden dürfte. Schließlich sind die ein Spiegel von Stimmungen.
 

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