Jubiläum : Hatte Marx doch recht?

Das Kapital“ von Karl Marx wurde nach dem Mauerfall mal als erledigt betrachtet.
Das Kapital“ von Karl Marx wurde nach dem Mauerfall mal als erledigt betrachtet.

Vor 150 Jahren erschien „Das Kapital“. Das Buch und sein Autor erleben seit der Finanzkrise eine bemerkenswerte Renaissance

svz.de von
10. September 2017, 09:00 Uhr

Eines Morgens taucht der Bäcker vor der Wohnung von Karl Marx auf, um ihm unmissverständlich klarzumachen: Wenn jetzt nicht endlich Geld auf den Tisch kommt, gibt’s kein Brot mehr! Der sechsjährige Edgar Marx öffnet ihm. „Ist Mister Marx zu Hause?“ - „Nö“, lügt der Junge – dann packt er sich blitzschnell drei Brötchen und haut ab.

„Ich glaube nicht, dass unter solchem Geldmangel je über ‚das Geld‘ geschrieben worden ist“, scherzte Marx grimmig. Tagein, tagaus hockte der deutsche Philosoph im Lesesaal der British Library in London und recherchierte für sein Buch – die „ökonomische Scheiße“, wie er es selbst nannte.

Nach mehr als zehnjähriger Arbeit, war es 1867 so weit – „Das Kapital“ war fertig oder genauer gesagt: der erste Band. „Hurra!“, jubelte Friedrich Engels. Am 14. September erschien das Werk in Hamburg – und nichts passierte. Marx war wahnsinnig enttäuscht. Er hatte fest daran geglaubt, mit dem „Saubuch“ berühmt zu werden.

Seinen großen Durchbruch hat der 1883 gestorbene Marx nicht mehr erlebt. Band 2 und 3 des „Kapitals“ wurden erst nach seinem Tod von Engels herausgegeben. Im Rückblick von 150 Jahren lässt sich sagen, dass es nach der Bibel nur wenige Bücher gegeben hat, die die Weltgeschichte so nachhaltig beeinflusst haben. Lenin, Stalin, Mao, Che Guevara und Fidel Castro – sie alle beriefen sich darauf.

Noch heute bezeichnet sich das bevölkerungsstärkste Land auf Erden, die Volksrepublik China, als einen kommunistischen Staat. Der große Spötter Marx hätte dazu sicher eine passende Bemerkung parat. Gegen eine Vereinnahmung durch andere hat er sich stets gewehrt. Als er einmal erfuhr, dass sich eine neue Partei in Frankreich als marxistisch bezeichnete, erwiderte er: „Was mich betrifft, ich bin kein Marxist!“

Berühmt war „Das Kapital“ zu DDR-Zeiten. Im Westen versuchten die 68er in sogenannten „Kapital“-Schulungen, sich die Offenbarungen des sozialistischen Cheftheoretikers zu erschließen. Die wenigsten schafften es, sich wirklich durch den ganzen Wälzer zu arbeiten.

Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks hielt man Marx zunächst für erledigt. Aber spätestens mit dem drohenden Bankenkollaps von 2008 erlebte er eine Renaissance. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise war „Das Kapital“ sogar kurzzeitig vergriffen. Als Krisentheoretiker und Kritiker des freien Marktes ist Marx seitdem wieder gefragt. Der heutige Labour-Chef Jeremy Corbyn würdigt ihn als „großen Ökonomen“ – ein solches Bekenntnis wäre auf der Insel früher politischer Selbstmord gewesen.

Marx’ provokanteste These ist, dass der Kapitalismus früher oder später an sich selbst zugrunde geht. Dies war für ihn ein „Naturgesetz“. Seine Argumentation geht ungefähr so: Die Unternehmer befinden sich in einem fortwährenden mörderischen Konkurrenzkampf gegeneinander und müssen ihre Waren deshalb immer billiger herstellen. Mit der Zeit gehen mehr und mehr Wettbewerber pleite, übrig bleiben wenige, aber dafür riesengroße Konzerne. Gleichzeitig wächst das Heer der schlecht bezahlten oder arbeitslosen Proletarier. Irgendwann kippt das – die Revolution bricht aus, der Kommunismus ist da.

Marx rechnete damit, dass dies in den hoch entwickelten Industrieländern seiner Zeit – das waren vor allem Großbritannien und das kleine Belgien – bald bevorstand. Bekanntlich ist es dann doch alles etwas anders gekommen. „Man sehe sich die Arbeiter mit ihren Autos und Mikrowellen doch an – besonders verelendet sehen sie nicht aus“, spottete der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson (1915-2009). Die vermeintlichen Todeszuckungen des Kapitalismus seien wohl eher Marx’ Geburtswehen gewesen, höhnen Kritiker.

Ist deshalb aber alles falsch, was der Super-Intellektuelle mit dem Prophetenbart auf Tausenden von Seiten ausgebreitet hat? „Mitnichten“ – sagt niemand anderer als der langjährige Chef des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. Vor allem seine Krisentheorien seien heute wieder „hochaktuell“.

Zutreffend war in jedem Fall seine Prognose, wonach der Kapitalismus zur Konzentration neigt, zur Herausbildung einiger weniger weltumspannender Unternehmen. „Marx hat ganz sicher die Globalisierung nicht nur vorausgesehen, sondern in ihren Triebkräften und Wechselwirkungen bereits analysiert“, meint Gerald Hubmann, Arbeitsstellenleiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Die von Marx angestrebte Verstaatlichung der Produktionsmittel sei gerade in der heutigen Weltwirtschaft jedoch kaum möglich, urteilt Theocharis Grigoriadis, Spezialist für Volkswirtschaftslehre Osteuropas an der Freien Universität Berlin: „Sie könnte zu großen Erschütterungen führen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen