Mit feiner Feder : Hans Joachim Schädlichs Familienroman «Die Villa»

Cover des Buches 'Die Villa' von Hans Joachim Schädlich. /Rowohlt Verlag Hamburg/dpa
Cover des Buches "Die Villa" von Hans Joachim Schädlich. /Rowohlt Verlag Hamburg/dpa

Eine Familie mit vier Kindern erlebt die Nazizeit in einer luxuriösen Villa. Luzide und genau erzählt Hans Joachim Schädlich vom Opportunismus, den kleinen Alltagsdingen und dem moralischen Versagen des deutschen Bürgertums.

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24. März 2020, 16:02 Uhr

Was können uns Häuser über die Menschen erzählen? Zum Beispiel eine Gründerzeitvilla, erbaut 1890 in dem Städtchen Reichenbach im Vogtland. Ein geräumiges Domizil mit großzügig entworfenen Zimmern, Salon und Hochparterre, umgeben von einem Park, darin blühen Rhododendron und Rosen, davor schmiedeeiserne Tore.

Dieser typisch großbürgerliche Wohnort wird für Hans Joachim Schädlich zum Kristallisationspunkt für eine Spurensuche, die fast ein halbes deutsches Jahrhundert umfasst. In seinem neuen Roman «Die Villa» erzählt der Romancier gewohnt knapp und präzise die Geschichte des Wollfabrikanten Hans Kramer und seiner Frau Elisabeth, die mit ihren vier Kindern die Reichenbacher Villa bewohnen.

Wer den Autor Hans Joachim Schädlich, der 1935 in Reichenbach geboren wurde, von seinen letzten Büchern wie «Felix und Felka» (2018) oder «Narrenleben» (2015) kennt, wird keinen dickleibigen Wälzer erwarten. Die Feder dieses hellsichtigen Chronisten deutscher Geschichte und ihrer Schattenseiten ist ganz fein. Er pinselt keine opulenten Historiengemälde brav aus, sondern formuliert bewusst karg und lakonisch. Die Leerstellen muss der Leser dann selbst mit seiner eigenen Imagination füllen.

Dieses Schreibverfahren funktioniert auch in «Die Villa» sehr gut. Fast parallel zum Aufstieg der Nationalsozialisten übernimmt der Protagonist Hans Kramer die Wollhandelsfabrik seiner Schwiegervaters und kommt zu Reichtum. Er ist schon 1931 Parteigänger der Nazis, wird später Zeuge der ersten Judenverfolgungen bis zu den Pogromen 1938. Und nimmt alles gelassen hin. Gleichzeitig wächst die Familie, es kommen vier Kinder zur Welt, und im Kriegsjahr 1940 bezieht die Sippe die Reichenbacher Villa. Kramer ist überzeugter Nationalsozialist, weil er vom System nur profitiert hat, und gleichzeitig treusorgender Familienvater. Als Deutschland allerdings Russland angreift, kommen dem Opportunisten erste Zweifel. Und dann läuft dem Schwerkranken die Zeit davon, er stirbt 1943 mit nur 36 Jahren.

Parallel zum Vernichtungskrieg der Deutschen erzählt Schädlich vom Alltag und den kleinen, scheinbar unschuldigen Dingen, und fokussiert sich dabei vor allem auf die Kinder. Paul, der jüngste Sohn, reißt gerne mal von zu Hause aus und findet bei Bauern Unterschlupf. Sein älterer Bruder Kurt hat ganz andere Sorgen, als er auf eine Nazi-Eliteschule, eine sogenannte «Napola», nach Schulpforta geschickt wird. Dabei hasst er den soldatischen Drill in dieser Kaderschmiede. Derweil spielt das Nesthäkchen Thea noch mit Puppen, und Hans Kramer erfährt von einer Verwandten, welche Gräueltaten sich im KZ Buchenwald ereignen.

Schädlich gelingt es überzeugend, die große Historie und die vielen kleinen Geschichten zu verknüpfen. Sein Roman handelt nicht zuletzt auch vom moralischen Versagen des deutschen Bürgertums, das sich in seiner Mehrheit den Nazis nicht entgegenstellt hat, sondern in seiner schönen «Villen-Welt» die Barbarei ringsum bewusst ausgeblendet hat.

Nach dem Tod ihres Mannes bringt Elisabeth die vier Kinder allein durch den Krieg, bis 1945 erst die Amerikaner und dann die Russen kommen. Nach drei Jahren muss die Familie ihr Haus endgültig verlassen und bekommt eine kleine Wohnung zugewiesen. Die Kinder werden oft bei Verwandten ausquartiert. Die Villa, das Symbol großbürgerlichen Wohlstands, wird in der sowjetischen Besatzungszone zum Volkseigentum.

Hans Joachim Schädlich, Die Villa, Rowohlt Verlag Hamburg, 2020, 189 S., 20 Euro, ISBN 978-3-498-06555-3

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