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Alternative Fakten vor 170 Jahren : Haltet’s Maul! Seid still. Ich will!

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Fake News und alternative Fakten sind keine Erfindung unserer Zeit. Schon vor 170 Jahren lästerte der Schriftsteller Adolf Glaßbrenner über Herren von ganz oben, die es mit der Wahrheit nicht so genau nahmen – kraft ihrer Selbstherrlichkeik. Donald Trump lässt grüßen…

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erstellt am 10.Feb.2017 | 11:59 Uhr

Es ist höchste Eisenbahn! Diese Redewendung will sagen, dass es für eine Angelegenheit schon fast zu spät ist. Sie stammt von dem Journalisten und Schriftsteller Adolf Glaßbrenner (1810 – 1876). Was der Preuße in Berlin an antiklerikalen, antimonarchistischen und bürgerlich-demokratischen Schriften publizierte, beunruhigte die königlich-preußischen  Herrschaften zutiefst und ließ deren Zensoren und Polizisten hochaktiv werden. Mehrjähriges Berufsverbot, Verbot seiner (Zeit-)Schriften und Haftandrohungen in Preußen ließen Adolf Glaßbrenner 1841 ins politische Exil nach Neustrelitz gehen.

In dem winzigen Fürstentum Mecklenburg-Strelitz hatte seine Ehefrau, die Sängerin und Schauspielerin Adele Peroni, ein Engagement am herzoglichen Hoftheater. Als Mann der allgemein gefeierten und vom Großherzog verehrten Bühnenkünstlerin konnte Glaßbrenner im Vorfeld der bürgerlichen Revolution von 1848 relativ ungestört schreiben, so politische Lyrik und das (unmittelbar nach Erscheinen 1846 verbotene) Epos „Neuer Reinecke Fuchs“.

Anonym (von einem norddeutschen Poeten) und in der liberalen Schweiz erschien 1844 der Lyrikband „Verbotene Lieder“. Unter den 67 Gedichten findet sich das über die „Allerhöchste Logik“. Es fand in der Literaturgeschichte bislang kaum Beachtung. Das wundert nicht, denn es ist eher spröde, ist kein eleganter Kaffeekränzchen-Vers und bleibt anonym, weil es den Hauptakteur, den Allerhöchsten, nicht personifiziert.

Allerhöchste Logik

So sei’s!
Zu meiner Ehre,
zu meinem Preis:
Wasser ist Eis!
Genug des Geschrei’s,

So sei’s,
Zwar...
Das ist wahr,
Jedoch seid still!
Ich will!

So sei’s!
Zu meiner Ehre,
zu meinem Preis:
Ein Viereck ist ein Kreis!
Genug des Geschrei’s,
So sei’s!

Obgleich...
Das ist nicht an Euch!
Seid still, seid still!
Ich will!
So sei’s!

Zu meiner Ehre,
zu meinem Preis:
Ein Kind ist ein Greis!
Genug des Geschrei’s,
So sei’s!

Obschon...
Laßt Euren Hohn!
Den Augenblick still!
Ich will!
So sei’s!

Zu meiner Ehre,
zu meinem Preis!
Schwarz ist Weiß!
Genug des Geschrei’s,
So sei’s!

Indessen...
Das sei vergessen!
Halt’s Maul! Seid still!
Ich will!

Aber spätestens beim zweiten Lesen fällt auf, dass hier einem sich als Überperson gerierenden Machtmenschen der Spiegel vorgehalten wird.  Und dies macht Glaßbrenner auf genial einfache Weise: Er lässt den Allerhöchsten einen Einbahnstraßen-Dialog führen. Seinen imaginären Zuhörern teilt der Allerhöchste mit, welche Wahrheiten ab sofort gelten: Wasser ist Eis! / Ein Viereck ist ein Kreis! / Ein Kind ist ein Greis! / Schwarz ist Weiß!. Zweifel, Hinweise auf frühere, andere Wahrheiten und höhnische Kommentare sind untersagt: So sei’s! Haltet’s Maul! Seid still. Ich will.

Adolf Glaßbrenner hat damit bereits vor 170 Jahren eine Methode diktatorischer Ansprachen ans Volk erkannt, die gezielt mit Unwahrheiten bzw. Paradoxien jongliert und jegliche Bedenken mit harschen Worten im Keim erstickt.

Mit seinem Gedicht „Allerhöchste Logik“ hat der Wahlmecklenburger, der von 1841 bis zu seiner Ausweisung 1850  in Neustrelitz lebte, bereits 100 Jahre vor George Orwell und dessen Zukunftsreise „1984“  das Prinzip der Verfälschung von Realitäten als Machtmethodik offengelegt. Ein Kommentar von Adolf Glaßbrenner zum Thema lautet: „Wahrheit wird wohl gedrückt, aber nicht erstickt“.

Die Mecklenburgica, die Fördergesellschaft der Schweriner Landesbibliothek, hat 2013 das Gedicht „Allerhöchste Logik“ aus dem vielfältigen und umfangreichen Werk Glaßbrenners und auch aus der Vergessenheit herausgeholt. Seitdem führt sie mit 30 bildenden Künstlern des Landes Mecklenburg-Vorpommern ein literarisch-bildnerisches Projekt durch. Künstler von Hohen Viecheln bis Ückermünde, von Bergen bis Parchim, von Neustrelitz bis Steffenshagen assoziieren in Bildern, Grafiken und Collagen ihre Gedanken und Empfindungen zu Glaßbrenners Text.

Die Arbeiten der Künstler liegen nunmehr in Form von 30 Künstlerbüchern vor und werden ab 6. Oktober 2017 in einer Ausstellung im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus gezeigt. Überschrift: Logik der  MACHT  der Logik.

Das Glaßbrenner-Gedicht ist Lyrik, die dieser Tage hätte geschrieben werden können, vom Stil her und von der Aktualität. Es könnte als Aufforderung verstanden werden, aufzuhorchen, wo immer ein sich als allmächtig Produzierender es mit der Wahrheit allzu ungenau nimmt, dies ohne Widerspruch seiner Dienerschaft bleibt und das Falsche als neue Wahrheiten deklariert wird. Erkennen wir also die Anfänge, wo immer sie auftreten, es ist ist höchste Eisenbahn!

 

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