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Ostern : Häschen in der Grube

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Lieblingstier der Kinder ist jetzt überall zu finden – natürlich auch im traditionellen Liedgut

Unter den zahlreichen Kinderliedern nehmen die Texte, die Tiere besingen, den beträchtlichen Raum von über 25 Prozent ein. Fuchs, Igel und Storch, Pony, Hund und Katze, Hahn, Küken und Esel, ganz zu schweigen von der ganzen Vogelschar mit Fink und Star, Spatz und Kuckuck – die Tierparade ließe sich seitenlang fortsetzen, bevor die Kinder „Halt“ rufen. „Halt, der Hase fehlt! Er ist doch unser allerliebstes Lieblingstier!“ Vor allem der Osterhase.

Fragt man die Lütten, warum sie den Langohren, die für uns Erwachsene als Osterhasen einzigartige Fabeltiere sind, den Vorrang vor allem anderen Getier geben, dann schießen sie gemeinsam ihre Sympathien in die blaue Frühlingsluft: „Er ist lustig, flink, lässt sich nicht fangen, kann tanzen, malen, singen, spielen und er bringt die Ostereier nicht einfach so zu Fuß, mit der Bahn, dem Bus oder Fahrrad. Nein, er versteckt sie an vielen Stellen und wir müssen manchmal sehr lange suchen.“

Dass der Osterhase zu den jüngeren Festtagsgebräuchen zählt, finden Kinder interessant und dass es vor ihm zahlreiche Rituale und Brauchhandlungen vor und zu Ostern gab, ist für sie neu. Ostern, dessen Name von der römischen Frühlingsgöttin Ostera stammt, nahm einen weiten Weg durch Geschichte und Generationen.

Die Woche vor dem ehemals fünftägigen Osterfest, dem wichtigsten christlichen Fest im Kirchenkalender, das an die Auferstehung des Herrn und das Erwachen der Natur erinnert, kennt man in Mecklenburg als „Stille Woche“. In heidnischen Zeiten brachten die Menschen Opfergaben zu Kultstätten, die man noch heute als Opfersteine in der Landschaft Mecklenburgs kennt. Um die Schicksalsgöttin gnädig zu stimmen, landete so manches Rindvieh hier. Im Lauf der Zeit verkleinerten die Menschen jedoch ihre Gaben für die Götter, bis sie sich für Hühnereier entschieden, die vier Tage vor Karfreitag gelegt wurden und die man auf Haus- und Stallböden trug, um Schaden von Gebäuden, Höfen, Menschen und Haustieren abzuwenden. Kinder konnten mit diesem Brauch wenig anfangen. Womit aber konnte man sie zum Frühlingsfest auf ganz besondere Art erfreuen? Man griff zu etwas Absonderlichem, Kuriosem: zu einem eierbringenden Hasen.

Ob er nun die Eiergaben bei den Hühnern bestellte, sie auf Ostermärkten kaufte oder von Mutter, Vater, Großeltern geschenkt bekam – danach fragen Kinder vor keinem Osterfest. Auch dass der beliebteste Osterbrauch vor gut 300 Jahren vom Elsass über Süd- und Mittel- nach Norddeutschland wanderte, kümmert Ostereier suchende Kinder nicht. Voller Freude nehmen sie die Ostereiersuche auf wie viele, auch berühmte, Menschen vor ihnen: Johann Wolfgang von Goethe kannte sie, Robert und Clara Schumann versteckten Ostereier für ihre große Kinderschar, Johannes Brahms, Thomas und Heinrich Mann, Wilhelm Busch, Klaus Groth und Fritz Reuter gehörten dazu.

Die stetig wachsende Süßwaren-, Postkarten- und Bilderbuchindustrie hat das liebe Tier regelrecht vereinnahmt. Es gibt Kuschel-, Schokoladen- und Spielhasen, Hasenschüler der Häschenschule und Rad fahrende Hasenjungen, viele Hasenmädchen in bunten Röcken und Papphasen mit Rückenkorb, denen Kinder die Lieder vom Osterhasen vorsingen können. Das vom „Häschen in der Grube“ kennen alle, das Lied „Gestern Abend ging ich aus…“ ebenso wie „Seht, was sitzt denn dort im Gras?“ und das Lied „Zwischen Berg und tiefem Tal“ lieben alle ganz besonders.

Gemeinsam ist allen Hasenliedern, dass sie gespielt werden können, dass die Hasentexte mimisch und gestisch darzustellen sind. Niemand fragt nach Verfassern und Komponisten der zahlreichen Hasenmelodien. Wozu auch? Es gibt sie nicht. Die Lieder entstanden aus Vorfreude auf das schöne Frühlingsfest, wurden gespielt und gesungen und von Ort zu Ort weitergegeben als wertvolles, schätzenswertes Volksliedgut zum Osterfest.

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