Deutschland 8 : Große Werkschau in Peking: Kunst «Made in Germany»

Ein Auto, das nicht fährt: Michael Sailstorfer neben seinem Kunstwerk «Brenner 05».
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Ein Auto, das nicht fährt: Michael Sailstorfer neben seinem Kunstwerk «Brenner 05».

Was kennen Chinesen von Deutschland? Bier, Autos und Qualitätsarbeit. Eine weltweit einmalige Werkschau zeitgenössischer deutscher Kunst in Peking soll den Blick auf Deutschland radikal verändern.

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18. September 2017, 12:44 Uhr

Es ist wohl die bisher umfangreichste Ausstellung deutscher Nachkriegskunst auf internationaler Bühne. Nie zuvor hat Peking eine derart große Schau deutscher Kunst erlebt. «Deutschland 8» bringt 320 Werke von 55 Künstlern aus sieben Jahrzehnten in die chinesische Hauptstadt.

Nicht alles wird sofort verstanden. «Was ist das?», fragt ein junger Chinese verwirrt beim Anblick der schwarzen Auto-Rohkarosse, die der deutsche Künstler Michael Sailstorfer im Whitebox-Art-Center im Kunstdistrikt 798 ausstellt. Ein Holzverbrenner statt Motor, ein dickes Ofenrohr führt durch den Innenraum, dann nach oben.

«Es ist ein Kunstwerk», klärt ihn eine andere Besucherin auf. «Aaah». Und was sie davon hält? «Ich habe sofort an Deutschland gedacht», sagt sie. Warum? «Weil es ein Auto ist.» Kein Wunder. Deutschland ist in China für Autos, Bier und Qualitätsprodukte bekannt.

Doch die Kuratoren Walter Smerling von der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur und Fan Di'an von der Hochschule der Bildenden Künste (CAFA) in Peking wollen mit der Ausstellung «dem Gütesiegel 'Made in Germany' eine neue Bedeutung geben». Deutschland und seine kulturelle Vielfalt sollen durch die Kunst ganz neu erlebt werden können.

«Ich finde es gut, Kunst zu machen, die nicht zwangsläufig nach Kunst aussieht», erklärt der 38-jährige Sailstorfer. «Viele Arbeiten sind aus dem Alltag gegriffen.» So wie die «Brenner 05» genannte Karosse eines VW Passat direkt aus dem Werk. Ein Auto, das nicht fährt. Wie im Stau. «Kinetische Energie findet nicht mehr statt. Es gibt nur Wärme, die bedrohlich ist.» Erderwärmung, Klimawandel, Abgase, Smog - alles Themen, die in China brandaktuell sind. Aber Sailstorfer sagt: «Mir ist fern, eine Botschaft zu vermitteln.» Ein Teil der Arbeit entstehe im Betrachter: «Es bleibt ihm überlassen, was er sieht.»

«Brenner 05» hat nicht mal Räder - und eine lange Zugreise hinter sich. Wie die 3,80 Meter hohe Skulptur «Uranus» von Markus Lüpertz, die jetzt vor dem Taimiao-Tempel in der Verbotenen Stadt steht. Beide Kunstwerke wurden in einem Container symbolisch über die «neue Seidenstraße» zwischen Europa und China 12 000 Kilometer mit der Bahn nach Peking gebracht - andere Stücke eingeflogen.

«Es war eine unglaubliche Herausforderung, diese Ausstellung zu organisieren», erzählt Kurator Smerling. «Das Ergebnis ist ein außergewöhnliches Instrument für den Dialog.»

Das mehr als drei Millionen Euro teure, einmalige Projekt in sieben Museen und einem Forum für «verbalen Austausch» zeigt, wie sich deutsche Kunst seit 1945 zu ihrer enormen Diversität entwickelt hat.

«Kunst bringt Menschen zusammen, die sonst nicht zusammenfinden», sagt Smerling, der mit seinem chinesischen Kollegen Fan Di'an das Kunstprojekt aus Anlass des 45. Jahrestages der diplomatischen Beziehungen organisiert hat.

Die chinesische Seite weiß besonders zu schätzen, dass Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) nur eine Woche vor der Bundestagswahl eigens zur Eröffnung am Sonntag nach Peking reiste. «Das ist wirklich nicht einfach», sagt Chinas Botschafter Shi Mingde. So hielt sich Gabriel nur wenige Stunden in der chinesischen Hauptstadt auf, bevor er am Abend sofort wieder nach Berlin zurückreiste.

Dass Gabriel den Wahlkampf unterbrochen hat, zeigt aus Sicht des obersten chinesischen Außenpolitikers Yang Jiechi «den großen Wert, den der Minister auf die Beziehungen und den kulturellen Austausch legt», wie er im Staatsgästehaus sagt. Aber Gabriel will Kunst und Politik trennen: «Natürlich muss Kunst frei sein. Sie soll gesellschaftlichem Austausch dienen, aber nicht Dienerin der Politik sein», sagt der Minister kurz zuvor bei der Eröffnung.

Ausgerechnet in dem ehemaligen Ahnen-Tempel in der Kaiserstadt, wo nie zuvor zeitgenössische Kunst gezeigt wurde, sind deutsche Nachkriegskünstler zu finden, die sich mit Vergangenheitsbewältigung beschäftigten. Allen voran Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Gerhard Richter und Günther Uecker. Die bis 31. Oktober dauernde Ausstellung ist wie eine «deutsche Kunsthalle mit acht Abteilungen» über Peking verteilt. Abstrakte und informelle Kunst wie von K.O. Götz, Gerhard Hoehme oder Bernhard Schultze, die den Neuanfang nach 1945 symbolisieren, sind im Red Brick Museum vertreten.

Smerling ist wichtig, damit auch auf die Grundlagen für die staatlich geschützte Freiheit der Kunst in Deutschland zu verweisen, die in jener Zeit des Aufbruchs nach dem Nationalsozialismus geschaffen wurden. «Kunst ist grundlegend für das Selbstverständnis einer Gesellschaft», hebt Smerling hervor. «Als wesentlicher Ausdruck individueller Persönlichkeit ist sie - wie die Würde des Menschen - unantastbar.» Da hier in China einiges im Argen liegt, wirkt es wie ein Hinweis, den verstehen will, der mag.

Die Ausstellungsorte sind nach Themen und Gattungen unterteilt. In der Kunsthochschule ist die größte Präsentation mit 17 Werken von Künstlern wie Stephan Balkenhol, Isa Genzken oder Martin Kippenberger zu sehen. Fotografie mit dem Schwerpunkt auf die Düsseldorfer Becher-Schule und auch Werken von Katharina Sieverding und Andreas Mühe im Minsheng Art Museum vertreten. Video- und Medienkunst von Harun Farocki bis Marcel Odenbach zeigt das Today Art Museum.

Die mit großen Sponsoren möglich gemachte Ausstellung soll die Chinesen «auf eine fantastische Reise» nehmen, sagt Smerling. Sein chinesischer Kollege Fan Di'an schwärmt schon davon, in Zukunft «auch mit anderen Ländern» so etwas zu organisieren - dann vielleicht «USA 8» oder «Frankreich 8»?

Deutschland 8

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