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Edelhotel : Fünf Sterne als Hoffnungsträger

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit dem Edelhotel „The Chedi Andermatt“ hat im Hauptort der alten Gotthardpassage das Kernstück des künftig größten Luxusresorts der Alpen eröffnet

Deutschlands Dichterfürst war topfit. Dreimal bereiste Johann Wolfgang von Goethe die Schweiz. Jedes Mal wanderte er durch die wilde Schöllenenschlucht hinauf zum 2106 Meter hohen Gotthard, dem „königlichen Gebirge“ an der geologischen Trennlinie zwischen Nord- und Südeuropa. Selbst bei Schneetreiben marschierte der Dichter zehn Stunden am Tag. Die magisch-schöne Alpenregion sei ihm „unter allen Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste“, berichtete Goethe seiner Geliebten Charlotte von Stein. 1775 notierte er im Andermatter Hotel „Drei Könige“ nach einer Wanderung: „Trefflicher Käss. Sauwohl u. Projecte.“

An Projekten in den Alpen ist 230 Jahre später auch ein Ägypter interessiert. Goethes Werk hat Sahmi Sawiris an der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo kennengelernt. Im Dezember 2005 erlebt der Spross einer Bauunternehmer-Familie und Absolvent der Technischen Universität Berlin die raue Schönheit der Gotthardregion – bei einem Helikopterflug auf Einladung der Schweizer Regierung.


Nach El Gouna etwas Großes in den Bergen


Auch der Millionär vom Nil schwärmt von der schroffen Bergwelt, der Schöllenenschlucht, dem weiten Urserntal, dem „Tal der Bären“, und Andermatts gemütlichen alten Holzhäusern. Die Skianlagen sind zwar renovierungsbedürftig, aber das Potenzial für den Wintersport rings um Andermatt ist unverkennbar. Hinzu kommt ein gutes Angebot für den Sommerurlaub: Es gibt mehr als 500 Kilometer ausgebaute Wanderwege, 250 Kilometer Mountainbike- und Fahrradwege und etliche Pfade für Klettertouren.

Zu den schönsten Zielen gehört im Gotthard das Quellgebiet der Flüsse Rhein, Rhone, Reuss und Ticino. Rund 40 Bergseen sind zu erkunden. Und nicht zuletzt ist Andermatts Bahnhof Haltepunkt für einige der schönsten Bergbahntouren – darunter der berühmte Glacier-Express. Genau hier, beschließt der Ägypter, will er versuchen, etwas Großes zu schaffen. Ähnlich groß wie mehr als zehn Jahre zuvor am Roten Meer. Dort hatte er El Gouna gegründet, eine ganze Ferienstadt.


Wo Sean Connery vor der Kamera stand


„Uns erschien Sawiris wie das Wunder, für das wir gebetet hatten“, berichtet Ferdi Muheim, Metzgereibesitzer und Ex-Gemeindepräsident. „Denn unser Dorf war damals im Niedergang, junge Leute flohen, es war traurig.“

Vor langer Zeit war Andermatt ein bedeutender Transit- und Handelsort an der Gotthardroute. Möglich geworden war das 1230 durch eine Brücke über die reißende Reuss, angeblich gebaut von Satan persönlich. Die Teufelsbrücke war das bis dahin fehlende Glied für den Gotthardpass, der nun zum kürzesten Weg über die Alpen wurde. Und Andermatt blühte als Servicestation für Postkutschen auf. „Aus dieser Zeit stammt unsere touristische DNA“, sagt Bänz Simmen, Snowboarder, Bergkristallsammler, Ladenbesitzer und Ortshistoriker. „Seit Menschengedenken sind wir an Fremde, an Durchreisende gewöhnt – und haben an ihnen verdient.“

Doch 1882 kam mit der Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels das jähe Aus für Andermatts Postkutschenära. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Dorf zur Metropole der Festungsanlagen des Militärs. „Wer den Gotthard hat, hat die Schweiz“, hieß es damals. Auch im Kalten Krieg lebte Andermatt gut von den Soldaten. Als der zu Ende war und die Schweiz ihre Armee verkleinerte, ging es wieder bergab.

Sawiris brachte neue Hoffnung. Sein Entwicklungsmodell: Am Fuße des Andermatter Skibergs Gemsstock, gleich hinter dem alten Ortskern, soll auf 1,4 Millionen Quadratmetern „Neu-Andermatt“ entstehen, gut verbunden mit dem malerischen Dorfkern.

Mit einem Investitionsumfang von 1,8 Milliarden Franken (1,46 Milliarden Euro) wächst das größte Luxusresort der Alpen heran: sechs Hotels, 42 Apartmenthäuser mit Eigentumswohnungen, 25 Villen, ein 18-Loch-Golfplatz und schließlich die Vereinigung der bislang getrennten und veralteten Skigebiete der Gegend zur modernen „Skiarena Andermatt-Sedrun“. Nach Andermatt sollen wieder Prominente aus der ganzen Welt reisen – wie einst Goethe oder Queen Victoria. Oder auch Sean Connery, der hier 1964 als James Bond für den 007-Streifen „Goldfinger“ vor der Kamera stand.

Als Sawiris Projekt der Bevölkerung zur Entscheidung vorgelegt wurde, „erinnerte das Ergebnis an sowjetische Wahlen“, sagt Hobby-Historiker Simmen schmunzelnd: 96 Prozent stimmten dafür.

Was bislang fertiggestellt wurde, kann sich sehen lassen. Der Golfplatz, der sich 6,2 Kilometer an den Bergen entlangschlängelt und Auflagen von Umweltschützern ebenso erfüllt wie die Anforderungen von Profigolfern. Und natürlich: „The Chedi Andermatt“. Wer im Foyer dieses harmonisch mit dem alten Ort verbundenen Fünf-Sterne-Hotels sitzt, an einem der Kamine, vielleicht einen Martini in der Hand, kann sich gut vorstellen, dass jeden Moment Sean Connery durch die Tür schreitet. Der Schotte versteht es bekanntlich bestens, sich in der edelsten Umgebung zu bewegen, als sei sie das Selbstverständlichste von der Welt. Genau das ist das Konzept der Chedi-Hotels, die vom Konzern GHM in Singapur betrieben werden: Extravaganz, die nicht aufdringlich ist, sondern als normal empfunden wird. Klare Linien wie in japanischer Innenarchitektur, zugleich Wärme durch natürliche Materialien. Holz vor allem, Leder und Stein. „Der Begriff Chedi stammt aus dem Thailändischen und steht für eine zur Meditation einladende Pagode“, erklärt Hoteldirektor Alain Bachmann. „So soll unser Hotel sein: Eine Oase der Ruhe und Einkehr.“


Luxus légère, leicht und locker


Luxuriös sind auch Hotels in St. Moritz, Gstaad oder Zermatt. In Andermatt fühlen sich die fünf Sterne an wie Luxus légère, leicht und locker, ohne Schlips- oder gar Smokingzwang. Der Preis fühlt sich allerdings mit im günstigsten Fall rund 500 Euro für zwei Personen pro Nacht im Doppelzimmer wieder klar nach Spitzenklasse an. Was gibt es dafür? Als Standard ein Zimmer von 55 Quadratmetern mit langem Sofa, gestaltet aus Nussbaum, Leder, Glas und Granit. Mit Hightech-Ausstattung samt Rundum-Sound-System und Gaskamin – alles fernsteuerbar vom zimmereigenen iPad, was weniger technophile Gäste freilich etwas verwirren mag. Frühstück und die Softdrinks sind im Preis enthalten, ebenso wie der Spa-Bereich mit Saunen, Dampfbädern, Whirlpools und das Fitness-Center. Zum Service gehören „Ski-Butler“, die bei allen Fragen rund um die „Bretter“ helfen. Und im Sommer „Golf-Butler“.


Vorzugskonditionen für den Bauherren


Fertig ist auch ein erstes Apartmenthaus und eine Traumvilla, die an der Reuss für einen Schweizer Industriellen errichtet wurde. Mehrere andere Objekte sowie ein riesiger Sockel, unter dem Tiefgaragen, Straßen und Versorgungseinrichtungen umweltgerecht versteckt werden, sind im Bau. Leerstehende „Investruinen“ seien nicht zu befürchten, sagt Markus Berger von Andermatt Swiss Alps, der Vermarktungsagentur für das Sawiris-Projekt. „Neue Häuser werden stets erst dann errichtet, wenn die Wohnungen verkauft sind. Sollte es weniger Käufer geben, wird einfach weniger gebaut.“

Doch die Nachfrage ist rege. Ein wichtiger Grund ist, dass die Schweiz dem Ägypter Vorzugskonditionen gewährt. Sein Projekt ist von gesetzlichen Einschränkungen für den Erwerb von Grundeigentum durch Ausländer ohne festen Wohnsitz in der Schweiz ausgenommen. In „Neu-Andermatt“ können internationale Kunden frei kaufen und verkaufen. Das gibt es so fast nirgendwo mehr in den Schweizer Alpen. Auch alteingesessene Andermatter glauben an eine neue touristische Zukunft ihrer Heimatregion und investieren selbst nach Kräften. Im Dorfkern sind neue Hotels, Wohnungen und Restaurants entstanden.

„Angst vor einer Übermacht durch Sawiris‘ Projekt hat niemand“, sagt José Barbosa, der Wirt des „Ochsen“ an der alten Durchgangsstraße für die Postkutschen. „Im Gegenteil: Viele Chedi-Gäste wollen auch etwas anderes kennenlernen und kommen dann zu uns.“


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