Status-Quo-Gründer : Francis Rossi: „Ohne diesen Song wäre ich heute Eisverkäufer“

Hat viel Humor: Francis Rossi, Gründer und Frontmann von Status Quo, hat seine Autobiografie geschrieben.
Hat viel Humor: Francis Rossi, Gründer und Frontmann von Status Quo, hat seine Autobiografie geschrieben.

Status-Quo-Gründer Francis Rossi komponierte seinen ersten Hit auf der Toilette. Unser Autor Marcus Tackenberg sprach mit ihm.

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27. April 2019, 16:00 Uhr

Wer sich mit Francis Rossi unterhält, kann sich auf einen schwer zu verstehenden Londoner Akzent und einen Redeschwall einstellen. Der Sänger, Gründer und Frontmann von Status Quo hat viel zu erzählen. „Ich rede zu viel“ heißt auch seine gerade erschienene Autobiografie (Hannibal Verlag), die der 69-Jährige mit viel Selbstironie verfasst hat.

Francis, Ende Mai werden Sie 70 – und sind immer noch auf Tour. Hätten Sie das gedacht, als Sie Status Quo mit 17 Jahren gegründet haben?
Nein, natürlich nicht. Als ich anfing, Musik zu machen, war ich 14. Alles, woran ich dachte, war, die ersten Gigs auf der Bühne heil zu überstehen. Großen Erfolg zu haben, lag für uns im Reich der Fantasie. Und als wir dann Erfolg hatten, wurde uns klar, dass der nur mit harter Arbeit zu erreichen ist. Im Laufe der Jahre steigerten sich dann die Ziele. Wir eroberten die britischen Clubs und auch die Charts mit „Pictures of Matchstick Men“. Da war ich 19. Wir gingen auf Europatour und dachten nur an das Hier und Jetzt. Alle über 30 waren für uns schon alt.

So denken alle Jugendlichen…
Ja. Ich erinnere mich, als wir 1976 im „Marquee“ spielten, da war ich 27, und ein junger Punk in der ersten Reihe mir zurief, wir alten Säcke sollten uns verpissen. (lacht) Und erst gestern sagte ich noch zu jemandem, wie toll die Zeit war, als wir alle um die 40 waren. Also, niemand hat damals gedacht, so lange in einer Band zusammen zu spielen, wir nicht, die Stones nicht, und auch U2 nicht, die ich immer noch als junge Burschen betrachte, obwohl sie auch alle schon Mitte 50 sind.

Woran liegt es, dass Sie das Rock-Motto „Live fast, die young“ (Lebe schnell, stirb früh) überlebt haben?
Ach, das ist einer von diesen lockeren Sprüchen über den Rock’n’Roll-Lifestyle. Aber das ist im Grunde Quatsch. Es geht um ein Verhalten, eine Strategie, wie du den Zirkus um dich herum verarbeitest. Die älteren Bands wie wir haben noch gelernt, wie man in einem Pub spielt, auf einer Hochzeit, einer Geburtstagsparty. Die Grundregel für uns lautete: Wenn du Fehler machst und auf die Schnauze fällst, dann stehst du wieder auf, putzt dir den Dreck von den Schultern und machst weiter. Niemand hat uns geholfen. Die heutige X-Factor-Generation wird gehätschelt und gepampert, die Eltern und Geschwister, und alle möglichen TV-Assistenten sagen ihnen immer wieder, wie toll sie sind.

Haben Ihre Eltern Sie nicht unterstützt?
Doch, aber auf ganz andere Weise. Sie waren hart arbeitende, rechtschaffene Menschen und haben eher versucht, mich zu warnen und auf dem Teppich der Realität zu halten. Als Anfang der 60er-Jahre der Mersey-Beat-Boom das Land beherrschte und Tausende Bands den Sound der Beatles, Hollies und Tremeloes kopierten, sagten meine Eltern: Junge, da habt ihr doch gar keine Chance. Selbst noch in den 70er Jahren, als wir schon erfolgreich waren, meinten sie, dass wir nicht gut genug seien, es mit uns bald vorbei sein werde und ich einen Plan B bräuchte.

Was war denn das Erfolgsrezept von Status Quo?
Die Wahrheit ist: Es gibt kein Erfolgsrezept. Jeder Musiker, jeder Künstler ist anders, jeder hat seine Talente und auch seine Mängel. Ich würde jedem misstrauen, der vorgibt, er kenne die Zauberformel. Klar, du kannst dir alles zusammenbasteln, nimmst vier hübsche Mädchen oder vier hübsche Jungs oder vier hässliche Jungs oder vier Rabauken. Das kann für den Einzelfall funktionieren, aber nicht generell. Letztlich musst du Charisma haben und authentisch bleiben. Als wir jung waren, haben wir das Image ausgestrahlt, als könnten wir die ganze Welt erobern, genauso wie die Stones oder die Beatles es taten. Die Leute haben es uns abgenommen, weil wir es auch so gefühlt haben. Wenn du älter wirst, veränderst du dich. Aber solange du dich nicht lächerlich machst und dich anpasst, sondern dein Ding durchziehst, kannst du nicht verlieren.

An der Band klebte immer das Etikett, „nur drei Akkorde“ zu kennen. Hat Sie diese Kritik getroffen?
Ja, das hat mich immer tierisch genervt. Weil es nichts über den Wert unserer Musik aussagt, selbst wenn es stimmen würde. Es kommt nicht darauf an, wie viele Akkorde du in einen Song packst, sondern welche Wirkung er erzielt, also ob der Song dich berührt oder nicht. Und das kann er auch mit drei Akkorden. Die meisten Popsongs basieren nur auf drei, vier Akkorden. Es gibt genug Hits, die diese stupide Kritik widerlegen.

Francis, warum stehen Sie immer breitbeinig auf der Bühne? Ist das eine Marotte?
(lacht) Das geht auf ein Konzert in der Universität von Leeds zurück. Da konnte man damals gut spielen. Es gab jede Menge Alkohol und ich hatte wohl schon einen sitzen, und versuchte, mehr Standfestigkeit zu bekommen. Jemand sagte mir zwar, es habe ausgesehen, als hätte ich in die Hose geschissen. Aber ich fand es irgendwie cool und machte das zu meinem Markenzeichen. Irgendwann schloss sich Rick Parfitt an, und wir standen beide breitbeinig auf der Bühne. Das Problem war nur, dass Rick kurze Beine hatte, und mit kurzen Beinen sieht die Pose ziemlich lächerlich aus.

Worauf sind Sie im Rückblick stolz und was lief absolut schief?
Im Großen und Ganzen lief es für uns all die Jahre ziemlich gut. Natürlich hat man auch Fehler gemacht. Ein riesiger Fehler war zum Beispiel, 1996 die BBC zu verklagen. Wir waren gefragt worden, in einer Liveshow für Radio 1 zu spielen, wurden aber danach vom Sender ignoriert. Unser Manager hatte die glorreiche Idee, die BBC dafür zu verklagen und schob mir in der Presse Wörter in den Mund wie „Jemand scheint uns bei Radio 1 nicht zu mögen.“ Ich fühlte mich wie ein spießiger Opa, der den Kids die Party verderben will. Der Bumerang kam schließlich auf uns zurück und das Gericht verhängte eine Strafe von einer halben Million Pfund gegen uns.

Stimmt es, dass Sie Ihren frühen Hit „Pictures of Matchstick Men“ mit der Gitarre auf der Toilette komponiert haben?
(lacht) Ja. Ich war zu der Zeit gerade frisch verheiratet und lebte mit meiner ersten Frau, unserer Tochter und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung. Ehrlich gesagt, ließ mir meine Schwiegermutter kaum meine Ruhe, ich hatte keinen Freiraum mehr. Außer auf der Toilette. Und so verzog ich mich häufig mit der Gitarre in diese winzige Kammer, um ungestört Gitarre zu spielen. So entstand dieses Riff, zugegeben etwas angelehnt an Jimi Hendrix. Und als ich dazu einen Text schrieb, hangelte ich mich an Worten von John Lennon aus den Beatles-Songs entlang. Ich weiß noch, wie mir die entscheidende Zeile im Refrain fehlte und ich immer „Pictures of…“ wiederholte, bis meiner Frau „Matchstick Men“ (Streichholzmännchen) dazu einfiel. Wenn dieser Song nicht gezündet hätte, wäre ich heute wohl Eisverkäufer (lacht).

Wie bitte, Eisverkäufer?
Ja, ich stamme aus einer italienischen Großfamilie im Süden Londons, in der nahezu jeder mit dem Eisgeschäft zu tun hatte. Wir hatten einen Lieferwagen, mit dem mein Vater tagsüber Eis und nachts Fish’n’Chips verkaufte. Und es gab auch ein Eiscafé, in dem jeder mit anpackte. Wenn einer meiner Onkel starb, unterhielten sich die Männer noch auf der Beerdigung darüber, wie sie die Eis-Routen neu aufteilen sollten. Für mich war eigentlich auch der Weg ins Eis-Business vorgezeichnet, aber Gottseidank kam ja Ende der 60-er Jahre der Erfolg mit der Musik. (lacht)

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