Katharina Wackernagel im Interview : „Fast ein Familiendrama“

Ort des Showdowns:  Thomas Jung (Johannes Zirner) und Nina Petersen (Katharina Wackernagel) in einer Szene aus „Stralsund – Blutlinien“'
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Ort des Showdowns: Thomas Jung (Johannes Zirner) und Nina Petersen (Katharina Wackernagel) in einer Szene aus „Stralsund – Blutlinien“"

Katharina Wackernagel sucht als Kommissarin in „Stralsund“ den Mörder einer Ex-Freundin. Ein Gespräch über den Fall, die Stadt und Corona

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07. Mai 2020, 17:45 Uhr

Katharina Wackernagel steht seit mehr als zwei Jahrzehnten vor der Kamera. Die Wahl-Berlinerin dreht vor allem fürs Fernsehen, hat aber auch in Kinofilmen wie „Das Wunder von Bern“ beeindruckt. Seit Beginn der Produktion im Jahr 2008 spielt sie die Kommissarin Nina Petersen in der ZDF-Krimireihe „Stralsund“. Am Sonnabend löst sie den 16. Fall. In „Blutlinien“ wird es sehr persönlich, verspricht die 41-Jährige. Andrea Herdegen sprach mit Katharina Wackernagel über den Krimi, Stralsund, die Folgen von Corona und ihre Traumrolle.

Mag zwiespältige Charaktere:  Katharina Wackernagel
dpa/Christian Charisius
Mag zwiespältige Charaktere: Katharina Wackernagel
 

Frau Wackernagel, seit elf Jahren sind Sie die Hauptermittlerin in „Stralsund“. Haben Sie immer noch Lust auf diese Kommissarin Nina Petersen?
Ja, ich habe nach wie vor Freude an der Rolle. Diese Filme sind aufgrund der wechselnden Regisseure für mich immer eine neue Herausforderung und eine schöne Abwechslung. Manchmal wünsche ich mir bei Nina aber einen größeren, durchgehenden Bogen, eine etwas stärkere persönliche Entwicklung.

Morgen läuft die 16. Folge. Worum geht es in „Blutlinien“?
Diesmal ist es fast ein Familiendrama. Und: Nina Petersen ist auch über eine Freundin aus der Vergangenheit involviert in den Fall. Es wird sehr persönlich.

Drehbuch-Autor Olaf Kraemer hat einiges an Konfliktstoff in den Film gepackt. Es geht um eine Mordserie, die in der DDR unter den Teppich gekehrt wurde, um die Liebe zwischen einem Geschwisterpaar, um Demenz, Rassismus und Verrat. Trotzdem gerät die Haupthandlung nie aus dem Fokus. Wie ist das gelungen?

Eine schwierige Frage. Gelungen ist, dass wir die Möglichkeit finden, in die Familie, die das Opfer findet, und deren Vergangenheit einzusteigen. Gleichzeitig führt der Fall, dadurch, dass er verwoben ist mit der Vergangenheit von Nina Petersen, immer wieder auf direktem Weg zu den Ermittlerfiguren.

Nina Petersen muss mit dieser Mischung aus alter Verbundenheit und professioneller Distanz umgehen. War es für Sie reizvoll, das darzustellen?

Ich finde, der Figur tut es sehr gut, dass sie mal persönlich involviert ist. Wir kennen ja Nina Petersen immer sehr distanziert, auch sehr kon-trolliert. In diesem Fall merkt man, dass es für sie auch um Freundschaft geht. Die Erinnerungen an ihre Jugend erlauben ein bisschen mehr Einblick in ihren Charakter, ihre Seele.

Ihre Kommissarin ist willensstark, geht sehr pragmatisch mit Verbrechen um, hat aber auch viel Empathie für die Opfer. Erkennen Sie sich in diesen Eigenschaften wieder?

Willensstark bin ich bestimmt auch. Und empathisch würde ich auch sagen. Pragmatisch, ja, das kann ich auch sein. Aber eher lasse ich mich durch mein Bauchgefühl lenken.
 

Sie stammen aus Freiburg im Breisgau in der südwestlichsten Ecke der Republik und drehen ganz im Nordosten, in Stralsund. Gibt es da Mentalitätsunterschiede, mit denen Sie zurecht- kommen mussten?
Ich bin zwar in Freiburg geboren, aber dann als Kind schon nach Kassel gezogen und dort in die Schule gekommen. Mit 17 habe ich angefangen zu drehen: „Tanja“, eine Serie für die ARD. Die haben wir in Rostock und Warnemünde gedreht, drei Jahre lang. Auch danach habe ich immer wieder oben im Norden gedreht. Irgendwie fühle ich mich im Norden manchmal mehr zu Hause als im Süden.

Wie wichtig ist diese Küstenlandschaft für den Krimi?
Ich finde, Stralsund hat sowohl eine sehr schöne Altstadt, die allerdings mit ihren drei großen Kirchen auch etwas Bedrohlich-Düsteres haben kann, wenn man es so einfängt, als auch mit der Weite der Ostsee und dem Strelasund, also dem Wasser zwischen Stralsund und Rügen, eine wahnsinnig schöne Natur. Auch die kann etwas sehr Düsteres haben, vor allem wenn wir in den Wintermonaten dort drehen. Gleichzeitig vermittelt die Landschaft aber durch ihre Weite und Offenheit auch ein Gefühl von Freiheit.

In den vergangenen Wochen hatten Sie eigentlich die Folgen 17 und 18 drehen wollen, aber das hat wegen Corona nicht geklappt. Wie geht es jetzt weiter?

Wir hatten schon angefangen, aber gerade ist Stillstand. Anvisiert ist, dass wir im Mai weiterdrehen. Momentan ist das aber noch sehr ungewiss. Es war schon ein komisches Gefühl: Gerade war es losgegangen, dann wurde es schon wieder gestoppt. Ich finde es auf jeden Fall richtig, dass erst mal jeder zu Hause bleibt und man dadurch versucht, das Risiko der Ansteckung so gering wie möglich zu halten.

Wie schwierig ist es für freischaffende Schauspieler, in Zeiten, in denen das soziale Leben stillsteht, zu überleben? Es gibt kein Theater, es gibt keine Filmdrehs – und damit für viele Ihrer Kollegen kein Einkommen.

Das betrifft ja nicht nur Schauspieler, sondern auch Musiker, Tänzer, viele in der Künstlerbranche. Das wird katastrophale Folgen haben für diese ganze Szene. Für einige Schauspieler wird es bestimmt schwer werden, das Geld für die Miete aufzutreiben. Es sind richtig harte Zeiten.

Gibt es eine Figur, die Sie gerne mal spielen möchten?

Ich glaube, Figuren, die in Abgründe sehen, eine Serienmörderin oder so, haben besonders großes Potenzial. Dennoch muss ich sagen: Die nur-bösen Figuren sind selten so spannend wie die zerrissenen Menschen. Aenne Burda war zum Beispiel eine tolle Rolle für mich. Diese Frau hatte so viele Widersprüche, war selbst so in sich zerrissen, war einerseits kraftvoll, andererseits aber auch sensibel, hatte Momente der Schwäche und Momente des Zorns. Für mich sind die zweispältigen Charaktere die spannendsten Rollen.

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