Kunst : Expressiv in Papier und Bleifolie

edith beckmann am 18
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Zum 90. Geburtstag der Collagistin und Schmuckgestalterin Edith Beckmann

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24. Juli 2018, 20:45 Uhr

Es gibt bildende Künstler, die ohne große lichtdurchflutete Ateliers auskommen. So auch Edith Beckmann, die seit 1995 erfolgreich in ihrer kleinen Wohnung in Plate bei Schwerin wirkt. Das liegt aber auch an der Größe ihrer Kunstwerke, die eher als kleinformatig einzustufen sind.

Bekannt wurde die am 24. Juli 1928 in Troppau (Mähren) geborene Edith Beckmann durch die von ihr entworfenen und hergestellten Schmuckstücke. Die gelernte Emailleurin und Korpusgürtlerin sowie Absolventin des Instituts für künstlerische Werkgestaltung Burg Giebichenstein war mehrfach auf den alle fünf Jahre stattfindenden Kunstausstellungen der DDR mit Ringen, großen Broschen, Armreifen und Halsschmuck vertreten. Zu dieser Zeit war sie in Weißwasser als freischaffende Schmuckgestalterin tätig. Mit ihrer geschulten grafischen Sicht und handwerklichen Reife kombinierte sie Metall, Kunststoff und Steine zu ästhetisch anspruchsvollen und gern getragenen avantgardistischen Schmuckstücken.

Der Methode einer künstlerischen Montage verschiedener Materialien treu bleibend, experimentierte Edith Beckmann ab 1993 mit Papier. Auf der Vorder- bzw. Rückseite von herkömmlichem Tapetenpapier bis etwa zur Größe A3 begann sie Streifen und Fetzen von Papieren unterschiedlicher Stärken und Strukturen zu Bildern zu kombinieren. Sie übernahm dafür die traditionelle Methode der Litfaßsäulen-Plakateure, die flächig mit Tapetenkleister arbeiteten. Wie mit breiten Pinselstrichen aufgebracht, entstanden neue Bilder aus Fragmenten von Wellkartons, Servietten, Zeitungen, Notendrucken, Werbeblättern, Gebrauchsanweisungen, Geschenkpapieren sowie von flächigen Kunststoffen (Obstnetze, CDs).

Erste Collagen waren der Lausitz und den Tagebauen gewidmet und zeigen – ohne tendenziös zu sein – das Erleben von Landschaften, deren Wahrhaftigkeit durch Papiere in erdfarbigen und dunkleren Farbtönen bestärkt wird. Mit Reisen nach Brüssel, Davos und Paris kam eine sich steigernde Farbigkeit in Edith Beckmanns Bilder. Auf Ausstellungen begegnete sie Werken der Expressionisten, von denen ihr die farbintensiven Bilder Ernst Ludwig Kirchners eine Offenbarung waren. Die aufmerksame und empfindsame Edith Beckmann begann, Erlebtes, Gesehenes, Gehörtes und auch Gelesenes inspirativ in farbigen Collagen festzuhalten: Stimmungsbilder.

Auf diesem Weg hat sie ihre speziellen Papiercollagetechniken experimentierend weiter entwickelt. Kombinierend nutzte Edith Beckmann als besonderes Gestaltungsmittel die Farbigkeit der Papiere, die von zurückhaltenden Pastelltönen zu hervorstechenden reinen Farben variieren. Die in 25 Jahren entstandenen thematisch vielfältigen, abstrakt-gegenständlichen Bilder können insgesamt auch als Tagebuch ihres Lebens gesehen werden.

Als 85-Jährige überraschte Edith Beckmann ihre Freunde und Galeristen mit ersten Collagen unter Verwendung von Bleifolie. Sie schuf auf flächigem Blei, das sie auch mit Papieren collagierte, Reliefgrafiken von Landschaften und Stimmungen. Während der von ihr sehr geschätzte Anselm Kiefer in seinen Bleibildern eine düstere, in Auflösung befindliche Welt widerspiegelte, vollbringt Edith Beckmann mit ihrer Bleikunst etwas Besonderes: Sie vermittelt mit dem an sich material- und wirkungsschweren Blei eine positive Lebenssicht. War für Anselm Kiefer das Bleigrau die Farbe des Zweifels, so gelingt es Edith Beckmann, dem flächigen Blei durch Strukturen eine ungeahnte Farbigkeit zu entlocken, ja, es teilweise sogar zum Leuchten zu bringen und damit depressive Wirkungen zu verdrängen.

Bei ihren Bleifoliengrafiken hat sich Edith Beckmann ihre Erfahrungen als Metallgestalterin zu Nutze gemacht, ohne jedoch in alten kleinteiligen Mustern zu versinken. Öffnende Großzügigkeit und mitreißende Farbinspirationen in den Kunstwerken einer rastlosen 90-Jährigen zu finden, vermittelt uns Jüngeren Mut und Zuversicht.

Wenn kommunale und staatliche Kunstsammlungen und Galerien ernsthaft ihrer Aufgabe nachkämen, avantgardistische und Kunstwerke mit Alleinstellungsmerkmal von Künstlern der Region anzukaufen und für künftige Generationen zu bewahren, würden sie nicht umhin kommen, einige der Collagen und Bleifoliengrafiken von Edith Beckmann zu erwerben.

Dies wäre beiden zu wünschen, unseren Sammlungen und der (immer noch experimentierfreudigen) Künstlerin.

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