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Filmstart Victor Frankenstein : „Es lebt! Es lebt!“ – Ach ja, wirklich?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Monströse Irrtümer: Am 12. Mai läuft im Kino „Victor Frankenstein“ an – mit Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ hat der kaum etwas gemein.

svz.de von
erstellt am 07.Mai.2016 | 12:00 Uhr

Die britische Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley würde sicherlich erschaudern, wüsste sie, was von ihrem 1818 erschienenen Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ bis heute in Erinnerung geblieben ist. Frankenstein? War das nicht so ein großes kreidebleiches Monster mit Stromanschlüssen am Kopf? Nein, nicht wirklich. Hollywood und Co. haben diese Vorstellung geprägt und auch so manch anderen Irrtum tief in unseren Kopf eingepflanzt, der mit Mary Wollstonecraft Shelleys Roman überhaupt nichts mehr gemein hat. Hier kommen die monströsesten Irrtümer, gruseligsten Abweichungen und ungeheuerlichsten Entstellungen.

Frankenstein, das Monster: Das Monster in Mary Wollstonecraft Shelleys Schauerroman heißt beileibe nicht „Frankenstein“. Im englischen Original wird es vielmehr als „creature“ (dt.: „Kreatur“) oder auch „demon“ (dt.: „Dämon“) bezeichnet, in deutscher Übersetzung vor allem als „Dämon“, „Ungetüm“ oder „Scheusal“. „Frankenstein“ hingegen heißt sein Schöpfer „Viktor (im engl. Original „Victor“) Frankenstein“.

Im Roman gibt es noch mehr Familienmitglieder mit diesem Namen, unter anderem Viktors Vater „Alphonse Frankenstein“, aber auch die Brüder „Wilhelm (im engl. Original „William“) Frankenstein“ und „Ernest Frankenstein“. Der monströse Irrtum, die Kreatur selbst „Frankenstein“ zu nennen, bürgerte sich im Laufe der Bearbeitungen ein, speziell der Verfilmungen. Dazu beigetragen haben unter anderem die beim Publikum sehr beliebten Filme der 1930er Jahre mit Boris Karloff als meuchelndem Monster: „Frankenstein“ von 1931, „Frankensteins Braut“ von 1935 und „Frankensteins Sohn“ von 1939.

Platter Schädel und Stromanschlüsse: Im Roman läuft es einem kalt den Rücken herunter, wenn von der „gelblichen Haut“ und den „wässrigen Augen“ der Kreatur die Rede ist. In einem Schwarzweißfilm war das allerdings nicht leicht darzustellen. Also wich man schon in den frühen Verfilmungen in geradezu ungeheuerlicher Weise vom Original ab: Kein „glänzendes schwarzes langes Haar“ mehr, sondern krude Plattschädelästhetik. Keine „Zähne, weiß wie Perlen“ mehr, sondern dicke fette Stromanschlüsse am Hals.

Bis heute prägt diese Optik, mit der Boris Karloff und sein Maskenbildner Jack Pierce berühmt geworden sind, unser „Frankenstein“-Bild.

„Es lebt! Es lebt!“: „It’s alive“ (dt.: „Es lebt!“) hieß es schon in der ersten Verfilmung mit Boris Karloff als Monster von 1931. In Mary Wollstonecraft Shelleys Roman äußert sich Viktor Frankenstein allerdings keineswegs so freudig erregt über sein Werk, sondern ist vielmehr entsetzt über das, was er da geschaffen hat: „Schrecken und Abscheu erfüllten mich. Unfähig, den Anblick meines Geschöpfes länger zu ertragen, rannte ich aus dem Raum.“ Im englischen Original heißt es unter anderem: „How can I describe my emotions at this catastrophe“, also: „Wie soll ich meine Gefühle angesichts dieser Katastrophe beschreiben?“

Igor, der Gehilfe: Welcher verrückte Wissenschaftler kommt ohne einen willfährigen, wenn auch debilen Gehilfen aus? Das meinte zumindest Filmproduzent und Regisseur Rowland V. Lee 1939 beim Dreh von „Frankensteins Sohn“ und peppte seinen Streifen schnell noch mit Bela Lugosi auf. Der war zwar weltberühmt, aber eben als Dracula. Die Rolle der Kreatur hatte zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon Boris Karloff inne. Was blieb also für Lugosi noch? Richtig: Der Igor. Im Roman Mary Wollstonecraft Shelleys kommt die Figur eines dienstbaren Gehilfen hingegen überhaupt nicht vor. Dort erweckt Frankenstein seine Schöpfung mutterseelenallein zum Leben.

Burg Frankenstein: Das Haus, in dem Viktor Frankenstein an seinem Monster schraubt, steht mitten in Ingolstadt. Es ist keine Burg und auch kein Schloss, ja es wird im Roman noch nicht einmal näher beschrieben: „In einem abgelegenen Raum, einer Kammer direkt unter dem Dach, von den übrigen Räumen durch eine Galerie und eine Treppe getrennt, vollbrachte ich mein abscheuliches Werk.“ Das macht es auf der einen Seite zwar schön schauerlich real, auf der anderen Seite aber ist so ein schnödes Häuschen inmitten der City anscheinend noch nicht gruselig genug, zumindest nicht für Hollywood. Also musste für die späteren US-Verfilmungen eine alte knarrende Burg her.

Nun gibt es zwar wirklich eine „Burg Frankenstein“, etwas südlich von Darmstadt gelegen, aber Historiker und Literaturwissenschaftler melden gleichermaßen Zweifel an, dass es sich hierbei um die Burg handeln könnte, die Mary Wollstonecraft Shelley seinerzeit als Inspirationsquelle gedient hat.

Andererseits wurde auf dieser Burg Ende des 17. Jahrhunderts aber auch ein Alchemist geboren, der durchaus als Vorbild für Shelleys „Frankenstein“ getaugt hätte.

Der „echte“ Frankenstein Johann Konrad Dippel: Am 10. August 1673 wurde auf Burg Frankenstein in der Nähe von Darmstadt der Arzt und Alchemist Johann Konrad Dippel geboren. War er der „echte“ Viktor Frankenstein, der mit unheimlichen Experimenten Mary Wollstonecraft Shelleys Aufmerksamkeit auf sich zog? Fakt ist, dass es Dippel im Laufe seiner alchemistischen Experimente u.a. gelang, ein ätherisches Öl herzustellen, das heute als „Dippels Tieröl“ bekannt ist, und das als eine Art Universalmedizin gedacht war. Dippel selbst bezeichnete es als „Elixir vitae“, als „Lebenselexir“.

Wie der rumänische Historiker Radu Florescu in seinem Buch „In Search of Frankenstein“ (dt.: „Auf der Suche nach Frankenstein“) ausführt, könnte Mary Shelley auf einer Deutschlandreise Burg Frankenstein besucht und von Dippel und seinen alchemistischen Experimenten erfahren haben. Möglich mag das sein, beweisen lässt es sich allerdings bis heute nicht. Manche Historiker gehen sogar davon aus, dass Mary Wollstonecraft Shelley die Burg Frankenstein nicht einmal kannte.

 

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