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Einkehr : «Es dröhnt und dampft»: Sils Maria inspirierte Hesse

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Seine geliebten Schweizer Berge lobt der Schriftsteller Hermann Hesse über den grünen Klee. Aber der Nobelpreisträger ließ sich in Sils Maria zu mehr als schriftstellerischen Meisterwerken inspirieren.

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erstellt am 14.Aug.2017 | 11:20 Uhr

Über «Ältere und Alte» unter den anderen Gästen regte er sich auf, die ausgelassen trinken und tanzen: «Alles dröhnt und dampft vor Lustigkeit» schreibt er angewidert und geißelt die «aufgepeitschte Vergnügtheit».

Als richtige Spaßbremse stellt Hermann Hesse sich heraus: der Schriftsteller war ein ziemlich nörgeliger Hotelgast. Und trotzdem: Seiner Begeisterung für die Engadiner Berge in der Schweiz konnte das keinen Abbruch tun.

Die Liebe begann 1905, als Hesse (1877-1962) als knapp 30-jähriger erstmals in Graubünden war. Er kam dann oft zum Wandern, aber ab 1949 bis kurz vor seinem Tod verbrachte er jeden Sommer mehrere Wochen in Sils Maria hinter St. Moritz. Eine Bergwelt, in der die Seele zu Mut und zu Atem kommen könne, schrieb er. «Die Seele baumeln lassen» würde man heute sagen. Der Ort inspirierte ihn zu Meisterwerken, wie Lektor und Hesse-Experte Volker Michels herausfand. Das Gedicht «Müder Abend» gehört dazu: «Abendwindes Lallen/Klagt erstickt im Laub/Schwere Tropfen fallen/Einzeln in den Staub.»

Sils Maria ist bis heute stolz auf «seine» Schriftsteller. Der Philosoph Friedrich Nietzsche verbrachte schon in den 1880er Jahren sieben Sommer dort und fand dabei die Eingebung zu seinem berühmtesten Werk «Also sprach Zarathustra». Auch andere Schriftsteller wie Thomas Mann waren da, Maler und Musiker kommen bis heute. Sils Maria versteht sich als Magnet für Kultur-Touristen.

«Hesse war in den ersten zwei Jahren nicht ganz einfach», sagt Felix Dietrich. Er führte das Fünf-Sterne-Hotel «Waldhaus» in vierter Generation, ehe er es 2010 an seine Söhne übergab. Erst habe Hesse in der «Belle Etage» über der Bar logiert. Doch sei ihm die Musik zu laut gewesen, berichtet Dietrich aus Erinnerungen seiner Schwiegereltern Rolf und Rita Kienberger, die damals das Haus führten. Hesse bekam schließlich andere Zimmer, Nummer 60 und 61, und ab da lief alles rund. Hesse schrieb den Kienbergers herzliche Dankesbriefe und schenkte ihnen Bücher mit persönlichen Widmungen.

«Wir wandeln wieder unter den Lärchen und Arven, dankbar für die Größe und den Adel dieser schönsten Berglandschaft, die ich kenne», schrieb Hesse in einem Brief aus Sils Maria. Zwar beklagte er in einem anderen Brief die «Besiedlung mit großen und kleinen Wohnhäusern, die Überfremdung». Aber die schlimmsten Tourismus-Sünden mit hässlichen Neubauten sind dem Örtchen mit rund 700 Einwohnern erspart geblieben, und Lärchen und Arven stehen da wie einst.

Einheimische sprechen in Sils Maria von umliegenden «Kraftorten», in denen Besucher spürbar auftanken. Die bewaldete Halbinsel Chastè im Silsersee ist so ein Ort. Ausländische Touristen stehen dort manchmal etwas ratlos vor dem Nietzsche-Stein: «Oh Mensch! Gieb acht! Was spricht die tiefe Mitternacht?» aus Zarathustra ist dort in eine Betonplatte geritzt. Hesse fand den Stein hässlich. Er schätzte den Philosophen und sorgte dafür, dass das Haus, in dem Nietzsche seine Sommer verbracht hatte, nicht abgerissen, sondern zum Museum wurde.

Der sportliche Hesse fuhr jahrelang elegant Ski und war ein fitter Wanderer, wie Weggefährten bescheinigten. Selbst mit 78 Jahren zog es ihn und seine dritte Frau Ninon Dolbin noch ins nahe und fast autofreie Fextal zum Restaurant «Sonne». Kein Gewaltmarsch, aber immerhin eine gute Stunde stetig bergauf: «Der Weg vom Waldhaus bis zum Fexkirchlein und der «Sonne» gehört zu den längsten Gängen, die ich an einem guten Tag noch machen kann», lamentierte Hesse. Es bietet Alpenidylle pur: schmale Wege durch saftige Wiesen, vereinzelte alte Bauernhäuser, hohe Berge im Hintergrund und Kuhglockengeläut.

Das Waldhaus-Hotel hat zahlreiche Hesse-Memorabilien aufgehoben. Eine Menu-Karte von 1956 ist dabei, Hesse verspeiste «Wiener Backhändl». «Ziemlich einfach», sagt Dietrich, schließlich rühmt das Waldhaus sich seiner feinen Küche. Immerhin gab es «Poire Bourdaloue» zum Nachtisch - Birnentarte.

Beim Fünf-Uhr-Tee im Salon könnte man sich den hageren Hesse gerade am Nachbartisch vorstellen. Das mehr als 100 Jahre alte Hotel pflegt mit seinen knarrenden Dielen den Charme vergangener Tage. Zum Tee spielt wie zu Hesses Zeiten ein hauseigenes Klassik-Trio auf. Auch laute Handy-Telefonierer stören nie den gediegenen Eindruck: sie werden nämlich diskret in zwei eigens gebaute Handy-Kabinen vor dem Salon komplimentiert. 54 Franken zahlten die Hesses damals laut Einschreibeblatt pro Tag für zwei Zimmer. Diesen Sommer kostet das kleinste Zimmer laut Preisliste mehr als 200 Franken (180 Euro).

Hesse ließ sich dort nicht nur zu Gedichten inspirieren. Auch als Maler blühte er hier auf, beflügelt durch das besondere Licht: «Eine unsäglich kräftige, kühle, herbe Bergluft gibt allen Farben eine emailartige Frische», schrieb er. Vieles hielt er in Aquarellen und Zeichnungen fest: Im Winter malte er dunkelgrüne Tannen im Schnee und Häuser, die bei Sonne Schatten auf die Schneematten werfen. Später waren es die satten Farben der Sommervegetation.

Waldhaus Geschichte

Hesse und die Malerei

Das Hesse-Archiv in Bern

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