Theater : Einfälle im Morgengrauen

John R. Carlson spielt mit ganzem Körpereinsatz.
John R. Carlson spielt mit ganzem Körpereinsatz.

Der schlanke Mann mit langem Zopf an Elektroniktasten, Klavier und Computer malt Klangbilder zwischen Gemälden ringsum.

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20. Dezember 2013, 11:45 Uhr

Ein Kosmos der Töne rauscht. Sanfte Melodien fließen ins Pandämonium gebrochener Harmonien. Das Publikum gerät von der Neugier ins Staunen. Der schlanke Mann mit langem Zopf an Elektroniktasten, Klavier und Computer malt Klangbilder zwischen Gemälden ringsum. Eine pausenlose Stunde der Faszination. Mit tänzerischer Drehung beendet er seinen Musikzauber. John R. Carlson im Kunstkaten bei der Ahrenshooper Kunstnacht.

Geboren in Ellensburg nahe Seattle, hat der ausgebildete Tänzer ab 1990 in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich in über 80 Theaterinszenierungen und ungezählten Konzerten bis nach Moskau hin die Zuschauer verführt, verwundert, auch mal verstört mit musikalischen Eruptionen, komödiantischen Piecen, besinnlichen Phrasierungen. Dazu als Leiter, Pianist, Gaukler. Dabei ist Schwerins Theater sein Zentrum geworden.

Soeben hat er, wie seit elf Jahren, das Weihnachtsmärchen mit seinen Klängen bereichert, jetzt probt er für den Liederabend „Weltall-Erde-Mensch“ zu Silvester – „schlagerhaft bunt, aber auch nachdenklich leise“ –, und längst arbeitet er an „Sonnenallee – Das Musical“, das im Februar Premiere hat.

Zuvor gibt es noch die tradierte „Vogelhochzeit“, von Carlson nun rockig bigbandmäßig arrangiert am Sorbischen Theater in Bautzen. „Ich verstehe dort kein Wort, habe aber einen guten Übersetzer“, lacht er. „Figaro hier, Figaro da“, wie es bei Rossini heißt? Taffer Kommentar: „Arbeiten zu dürfen ist ein Privileg.“ Da hängt er mit amerikanischem Sound noch ein „Äbsoljut“ an.

Zwischen Probe und Termin beim Schauspieldirektor Peter Dehler, für den „John immer ein inspirierender Partner“ ist, erzählt der künstlerische Tausendsassa, während er sein Mittagessen gabelt. „Schon als Kind habe ich autodidaktisch Klavier gespielt, dann für Schulorchester komponiert. Ich wollte aber auch wie Fred Astaire tanzen und bin durch Zufall zum Ballett gekommen. Eine Episode.


Alles verfremdet, aber nicht verspottet


Wie beschreibt er seinen Stil? „Das ist schwierig. Früh habe ich Bartok und Strawinsky verehrt, auch Glenn Miller und Benny Goodman. Mich haben Klezmer, Jazz, Pop, Modern Klassik, Avantgarde und Traditionen von Liszt über Wagner bis Richard Strauss beeinflusst. Auch kitschige amerikanische Musik.“ Man müsse offen sein für Impulse, sagt er, um immer neue Ideen zu finden, „sonst versaut man sich in der eigenen Soße“.

Komponiert er nachts, bei Rotwein? „Fürs Theater ist es ja kein Hineinträumen in Visionen, da gibt es Vorgaben durch Stück, Situationen und die Vorstellungen des Regisseurs. Da ist man eingegrenzt. Und natürlich muss ich die Eigenarten der Schauspieler kennen, damit ich ihnen einen Song auf den Leib schreiben kann, der ihre Fähigkeiten zur Geltung bringt.“ Das geschieht wie und wo? „Mein Pech oder Glück ist: Ich kann schlecht schlafen. Zwischen vier und sechs, wenn Theaterleute eigentlich im Bett liegen, habe ich meine beste Zeit. Eine Stunde arbeite ich, gehe zehn Kilometer joggen, dann arbeite ich weiter. Wenn man nichts getrunken, nichts gegessen hat, nüchtern ist und total hellwach, da ist die Welt noch in Ordnung, im Morgengrauen kommen die Einfälle.“

Und was wird in „Sonnenallee“, inszeniert von Ralph Reichel, zu hören sein? „Es gibt Anlehnungen an die Elemente der 70/80er-Jahre in der Popmusik, des Westens wie des Ostens, so an die Band Renft. Wir werden Propaganda-Lieder der DDR benutzen, auch mit Kinderchor. Alles verfremdet, aber nicht verspottet. Das wird ein ironischer musikalischer Kommentar zur DDR-Zeit, in der die tollen Geschichten über Selbstbewusstsein von Thomas Brussig/Leander Haußmann/Detlev Buck spielen. Dafür gibt es eine Rockband, aber nicht ohrenbetäubend.“

Wieder wird Theater pulsieren, sein System in Deutschland ist ein Solitär in der Welt, doch die hiesige Landespolitik achtet das gering. Was denkt der Amerikaner darüber? „Es ist schwer zu begreifen, wie man mit diesem ideellen Goldschatz umgeht.“



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