Plädoyer für die Handschrift : Eine Frage des Tempos

Lust auf Handschrift: Kalligrafie erfordert Disziplin, Ausdauer und Geduld.
Lust auf Handschrift: Kalligrafie erfordert Disziplin, Ausdauer und Geduld.

Was unterscheidet eigentlich eine E-Mail oder Whatsapp-Nachricht von einem Brief – über beschleunigte oder entschleunigte Kommunikation hinaus? Nachdenken über Schreibformate, ihren Stil und das Comeback der Handschrift.

svz.de von
08. März 2018, 12:00 Uhr

„Juhu, ich steh auf dem Gipfel vom Roßkopf, hab grad meinen ersten Klettersteig geschafft!!“ Solche knackigen Botschaften, orthografisch zwar nachlässig verfasst, dafür aber mit einem Foto beglaubigt, sind typisch für E-Mails, vor allem aber auch SMS, Whatsapp-Beiträge oder Einträge in soziale Netzwerke. Was für ein Fortschritt, dass die digitale Revolution so viel Spontaneität möglich macht.

Wer aber länger keinen Kontakt mit dem Absender hatte, fällt aus allen Wolken: Wo könnte wohl der Roßkopf stehen, wie hoch ist er, und woher kommt die plötzliche Befähigung zum Bergsteigen? Denn die E-Mail und ihre Geschwister haben sich als Medium für schnelle, knappe Benachrichtigungen eingebürgert und weniger für langwierige Erklärungen.

 

Die Mail

E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten wie die eingangs erwähnte liefern Spotlights, die kurz einen Moment ausleuchten, aber das Leben dazwischen im Dunkeln lassen. Ihren täglichen Gebrauchscharakter machen sie kenntlich, indem sie Umgangssprache, ungefilterte Emotionalität und damit auch sprachliche und gedankliche Ungenauigkeit zulassen – etwas, das in der schriftlichen Kommunikation bislang weitgehend tabu war. Das macht das Schreiben unkomplizierter, aber eben auch unkontrollierter.

Es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr der Computer die Schriftsprache revolutioniert hat. Möglicherweise mit Auswirkungen auf unser Kommunizieren und Denken, die wir noch längst nicht kennen. Mails oder Kurznachrichten stellen so engmaschigen Kontakt zum Gesprächspartner her wie nie zuvor. Das ist ein Gewinn. Und doch ignorieren sie Zeit als Lebenszeit, indem sie von deren realer und oft unspektakulärer Dauer nichts wissen wollen. Auch wenn es natürlich lange, briefähnliche Mails gibt: Zukunft und Vergangenheit sind nicht ihr Urelement.

Der Brief

Vielleicht wirkt der Brief deshalb so altmodisch, weil er mit Zeit noch anders umgeht. Einen mehrseitigen Brief handschriftlich zu verfassen dauert. Sätze müssen innerlich vorformuliert werden, weil keine Tastatur das Korrigieren oder Umstellen von Worten oder Satzteilen erlaubt. Der Briefschreiber baut eine Dramaturgie für das auf, was er wann ansprechen will. Mögliche Nachfragen werden gleich mitbeantwortet, Zusammenhänge erklärt, Wünsche und Verarbeitung erhalten Raum. Bekenntnisse, Stoßseufzer und Analysen aller Art orientieren sich hier und da sprachlich unbewusst an Vorbildern etwa aus der Literatur. Man berauscht sich im Brief auch mal an sich selbst, an der so unerwartet flüssigen Formulierungskunst, dem ungestörten Redendürfen.

Der Ton macht die Musik beim Schreiben wie beim Sprechen und offenbart eine Menge über soziale Kompetenz. Bleibt zu hoffen, dass das durch die Kommunikationselektronik nicht außer Übung gerät.

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