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Eine Abrechnung : Ein schwuler Priester klagt an: «Der erste Stein»

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Der frühere Priester Krzysztof Charamsa war ein hochrangiger Würdenträger der katholischen Kirche im Vatikan, der sich 2015 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. In seinem Buch «Der erste Stein» rechnet der immer noch gläubige Pole mit seiner Amtskirche ab.

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erstellt am 04.Jul.2017 | 15:00 Uhr

«Ich bin Priester, ich bin gay - und ich bin überglücklich, das eine wie das andere zu sein.» Das schreibt der heute 44-jährige Pole Krzysztof Charamsa in seinem jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buch.

«Der erste Stein» (Untertitel «Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche») ist eine über 300 Seiten lange wütende und leidenschaftliche Abrechnung mit seiner Amtskirche, der Charamsa lange Jahre als Priester und schließlich sogar im Vatikan an der päpstlichen Universität Gregoriana diente. 2015 bekannte er sich öffentlich zu seiner Homosexualität und zu seinem Lebenspartner, woraufhin er seine kirchlichen Ämter verlor.

Im Vatikan hatte Krzysztof Charamsa sogar über Fragen des Glaubens und der Sittlichkeit zu entscheiden, bis er den Zwiespalt zwischen seiner sexuellen Neigung und der rigorosen Ablehnung durch die Amtskirche nicht mehr aushielt. Charamsa wirft der katholischen Kirche - mit einer seiner Darstellung nach großen Zahl von Homosexuellen in den eigenen Reihen - vor, die betroffenen und im wahrsten Sinne des Wortes gutgläubigen Katholiken alleine zu lassen und sogar teilweise ins Unglück zu stürzen. Seiner Meinung nach läuft das jedem christlichen Anspruch der Nächstenliebe zuwider.

Die Kirche habe ihm wie vielen anderen in seiner Lage nie echten Beistand geleistet und vielmehr zur Heuchelei gezwungen. Dabei habe er das Christentum schon als Kind als sichersten Hafen empfunden, betont Charamsa. Auch Schwule hätten ein Recht auf Religion, die sich wie alle anderen Menschen nach Partnerschaft, Geborgenheit und Liebe sehnten. Die katholische Kirche entferne sich aber immer mehr «von der komplexen menschlichen Natur», während der Anteil Homosexueller im katholischen Klerus höher als in der übrigen Gesellschaft sei, wie der Autor meint.

Als besondere Paradoxie sieht er es an, dass der zurückgetretene Papst Benedikt XVI., der einstige bayerische Kardinal Ratzinger, den Charamsa für einen «großen Intellektuellen und Hermann-Hesse-Liebhaber» hält, einerseits «eine neue Welle katholischen Schwulenhasses» ins Rollen gebracht habe, andererseits es in seinem Pontifikat «so schwul zuging wie wohl nie zuvor in der Neuzeit». Der Autor spricht von einer Periode, «in der das ganze schwule Szenarium, welches das Rom der Barockzeit zu bieten gehabt hatte, wieder auflebte - mit roten Schühchen... Spitzen und Quasten und Fransen».

Charamsa sieht gleichzeitig unter Vatikan-Mitarbeitern eine wahre «Obsession» gegen Schwule, was in diesem Ausmaß eigentlich «den Beistand von Psychiatern» für solche «Schwulenhasser» selbst nötig mache. Dabei beanspruche die katholische Kirche die alleinige Kompetenz zu befinden, was «normal» sei. Dies sei eine so rigorose Doktrin, «wie es in der Vergangenheit sonst nur noch die marxistische war», gegen die die Kirche doch erbittert gekämpft habe. Dabei sei er überall, wohin es ihn im Lauf seines Lebens verschlagen habe, betont Charamsa, Männern begegnet, «die homosexuell wie ich und Diener der Kirche wie ich waren - Pfarrer, Seminaristen, Theologen, Funktionäre der Kirche, junge wie alte...Sie stellten keine Sonderfälle dar».

Immer sei ihm dabei aufgefallen, betont der Autor, dass gerade die offenkundig schwulen Priester gute Seelsorger gewesen seien, einfühlsam, ansprechbar, und auch besonders interessiert an Literatur, Kunst und Theater, und die auch gerade nicht wie viele andere angeblich «normale» Priester mit «abgedroschenen Phrasen» argumentierten. Zudem, ergänzt Charamsa, «was wäre aus der Kirche ohne die vielen schwulen Architekten, Maler, Bildhauer und Schriftsteller geworden?»

Die Wut auf die katholische Amtskirche ist so groß, dass sich Charamsa zwischendurch leider auch mal zu maßlosen Beschimpfungen und Wutausbrüchen hinreißen lässt, die seine ansonsten ehrlich klingenden Anklagen etwas abschwächen. So versteigt er sich dazu, manche Funktionäre der Kirche als «Nichtstuer» und «dumme leere Fratzen» zu denunzieren, oder er sieht in der Einstellung «der Kirche» gegenüber Juden «eine Parallele zu ihrer Einstellung gegenüber den Homosexuellen». Und er wittert auch ein «Bündnis des Vatikans mit allen Homophoben auf dieser Welt».

Aber abgesehen von solchen «Zornesausrutschern» hat sich Charamsa, der heute mit seinem Lebenspartner in Barcelona lebt, seinen Zorn zwar streitbar, überwiegend aber sachlich von der Seele geschrieben, was für ihn auch deswegen schon eine Herzensangelegenheit ist, weil das Christentum für ihn seit Kindheitstagen «der sicherste Hafen» gewesen sei. Er rechnet also eher ab nach dem Motto «Nur wer liebt, darf kritisieren». Und mit dem Buch «Der erste Stein» lege er auch den ersten Stein, den Grundstein zu einem neuen Leben, «zu einem Leben in Freiheit», wie der polnische Autor resümiert.

- Krzysztof Charamsa: Der erste Stein, C.Bertelsmann, 316 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-570-10327-2.

Der erste Stein

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