Peter Sodann wird 80 : Ein gutmütiger Poltergeist

Peter Sodann sieht verblüffende Parallelen zwischen der Bergpredigt und dem Kommunistischen Manifest.
Peter Sodann sieht verblüffende Parallelen zwischen der Bergpredigt und dem Kommunistischen Manifest.

Kulturmensch, Schauspieler und Büchernarr wird heute 80. Für seine DDR-Bibliothek sammelte er drei Millionen Bücher

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01. Juni 2016, 05:00 Uhr

Locker und launig empfängt Peter Sodann vor seinem heutigen 80. Geburtstag die Journalisten, die sich im ehemaligen Rittergut des Dörfchens Staucha bei Meißen die Klinke in die Hand geben. Noch im vorigen Herbst traf man eher auf die polternde und manchmal bärbeißige Seite von ihm. Mit der Gesundheit stand es nicht zum Besten und ein Zwischenlager für seine mittlerweile auf rund drei Millionen Bände angewachsene DDR-Bibliothek bereitete ebenfalls Sorgen. Heute probiert er wieder seine früheren Treppenläuferqualitäten. Nur den Rückenschmerzen kann auch eine neue Matratze nicht abhelfen.

Auf mindestens drei Lebenswerke kann Peter Sodann schon zurückblicken. Als Schauspieler ist er am bekanntesten geworden. Der Weg dahin führte für den Arbeitersohn aus Meißen nicht geradeaus.

Eine Lehre als Werkzeugmacher und ein angefangenes Jurastudium standen vor seinem Wechsel an die Theaterhochschule Leipzig im Jahr 1959. Doch Spitzen im Studentenkabarett „Rat der Spötter“ brachten ihm eine Verurteilung wegen staatsgefährdender Hetze, bevor er 1963 sein Schauspielstudium fortsetzen konnte. Dass er ein Jahr später am Berliner Ensemble auf Vermittlung seines Freundes Heinz Kah-lau bei Helene Weigel einsteigen konnte, bezeichnet er als „einsame Spitze“.

Nach Stationen in Erfurt und Karl-Marx-Stadt avancierte Peter Sodann 1975 zum Schauspieldirektor in Magdeburg. In diesen Jahren begann auch seine Filmlaufbahn, die er ab 1992 mit zahlreichen „Tatort“-Folgen als Kommissar Ehrlicher krönte.

Seit 1980 lag sein Lebensmittelpunkt in Halle. Der Ausbau des „neuen theaters“, ja die gesamte Kulturinsel kann als sein zweites Lebenswerk gelten. Als Intendant schied Sodann aber 2005 ein Jahr vorzeitig und gegen seinen Willen aus, und noch heute gebe es Leute dort, „die sich ärgern, wenn sie mich sehen“, lächelt er.

In Halle begann nach 1990 auch die Rettung von Büchern aus DDR-Verlagen, die sonst vernichtet worden wären. Durch einen Zufall fand er im Dörfchen Staucha zumindest für einen Teil der Bücher ein Domizil, in jener Gegend, in der er als Kind Kartoffeln gesammelt hatte. Mit bescheidener Unterstützung, die Peter Sodann sich für das „Kulturgut“ der nach ihm benannten Bibliothek reichlicher wünschte, aber mit schier unerschöpflicher Energie hat der Schauspieler im ehemaligen Rittergut auch ein kleines Kulturzentrum geschaffen.

Diese Hartnäckigkeit und Vitalität bewundert auch sein Sohn Franz, seit 2014 sächsischer Landtagsabgeordneter der Linken. „Wo andere aufhören würden, bleibt er stur“. Reibung gehöre zu seinem Leben. „Meist habe ich gesagt, was ich dachte, und das war anderen oft nicht angenehm“, bestätigt Vater Peter.

Als er 2009 von der Linken als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert wurde, kritisierte er den Zustand unserer Demokratie. Aber auch mit dieser seiner Linken, die zu sehr mit ihrem „Selbsterhaltungstrieb“ beschäftigt sei, liegt er zuweilen quer.

Sodann, der sich selbst ohne zu zögern als Sozialist bezeichnet, war schon in der Schulzeit ein Gerechtigkeitsfanatiker. Brechts Zeilen aus dem Kinderalphabet, nach denen der reiche Mann nicht reich wäre, wenn der arme Mann nicht arm, zitiert er als ein Schlüsselgedicht. Und Jesus ist für ihn deshalb ans Kreuz geschlagen worden, weil er die Händler aus dem Tempel vertrieb. Gott und das Christentum beschäftigen Peter Sodann im Alter zunehmend. Ein „tolles Gespräch“ habe er jüngst mit ihm geführt, bei dem es nicht nur um seinen Wunsch ging, 120 Jahre alt zu werden. Gott habe nicht gewusst, „dass es auch betende Kommunisten gibt“, lächelt Sodann hintersinnig. Und er selbst habe nie begriffen, dass Christen und Kommunisten sich streiten müssten, wo es doch so verblüffende Ähnlichkeiten zwischen der Bergpredigt und dem Kommunistischen Manifest gebe.

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