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Deutscher Schlager : Ein bisschen Spaß muss sein

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die neue Lust am deutschen Schlager: Eine Zeitgeschichte nach Noten

Es soll Zeitgenossen geben, die befällt körperliches Unwohlsein, wenn „Ho-Ja-Ho“ Tony Marshall die „Schöne Maid“ umwirbt oder wenn Freddy Breck über „Rote Rosen“ schnulzt. Bei anderen steigt der Gute-Laune-Pegel augenblicklich, wenn Teddy Parker sie im „Nachtexpress nach Saint-Tropez“ twistet. Oder sie vertrauen Andrea Berg als heimlicher Leidensgefährtin, deren Beziehungskiste scheinbar ebenso kompliziert ist wie die eigene: „Du hast mich 1000-mal belogen“. Schlager polarisieren. Schlager sind „Herz, Schmerz und dies und das“. Schlager reduzieren das Leben auf die versöhnliche Formel „Schön ist es auf der Welt zu sein“.

Für das aus Tanzrhythmen, eingängigen Melodien und gefühlsbetonten Texten komponierte Stehaufmännchen der deutschen Musikgesichte wagt das Rock ’n’ Popmuseum im münsterländischen Gronau jetzt einen musikalischen Seitensprung. Rockhelden wie Chuck Berry oder Janis Joplin haben die Bühne geräumt. Deutschlands Pilgerstätte für Rock- und Popfans setzt seinen Besuchern die rosarote Brille auf und stellt die Evergreen-Frage: Was das eigentlich ist, ein Schlager? Erfolgskomponist Michael Jary bestand darauf, dass er „Nummern“ schreibe, keine „Schlager“. Allein das Publikum stimme über das Ergebnis ab und entscheide darüber, ob aus dem Lied ein Schlager werde.

Alles was für den Massengeschmack produziert und kommerziell erfolgreich sei, könne als Schlager bezeichnet werden, sagt der Bochumer Musikwissenschaftler Martin Lücke. Vermutlich gehen Udo Lindenberg solche Beurteilungen über die Hutschnur und lassen seinen „Rudi Ratlos“ noch ratloser zurück. Rocker, Jazzer und Kulturbeflissene, die Massengeschmack als Messlatte für Wertungen ohnehin nicht dulden, dürften sich mit einem panischem Aufschrei zu Wort melden: Sind Udos „Andrea Doria“ oder „Satisfaction“ von den Rolling Stones „Schlager“, weil sie ein Massenpublikum ansprechen und Kassenfüller wurden? Nicht wirklich. Oder doch? Paul Linke hätte ja gesagt. „Wenn das Publikum nicht will, können tausend Kapellen täglich das gleiche Lied spielen – es wird nie ein Schlager daraus werden“, zitieren Martin Lücke und Ingo Grabowsky in ihrem Buch „Die 100 Schlager des Jahrhunderts“ den Taktgeber der Berliner Operette.

Für Martin Lücke steht außer Frage: Der deutsche Schlager begeistert genauso wie Rock, Jazz, Pop oder Klassik Millionen Menschen. Persönliche Weltbilder und ein Crossover des Geschmacks machen Zuordnungen jedoch schwer und lassen Definitionen für diese Musikrichtung im Ungefähren. Das mag die Kuratoren der Schlagerausstellung dazu bewogen haben, weniger die Musik, sondern gesellschaftliche Hintergründe zu beleuchten und deutschsprachige Liedertexte als hörbare Zeitgeschichte in einer Entstehungs-Schau zusammenzustellen.

Vertraute Melodien an Hörstationen bieten Gelegenheit zum Mitsingen und Füßewippen und erlauben den Blick in einen nostalgischen Rückspiegel. Bekennende Schlagerfans entdecken darin verblasste Sehnsüchte und einen Happy Sound, der Erinnerungen eine Stimme gibt. Für den distanzierten Beobachter öffnet sich ein kulturgeschichtliches Fenster. Es gewährt Einblicke in Gesellschaft, Alltag, Herzenswünsche und Lebensgefühle wie sie unbeschwerter und unterhaltsamer anderweitig kaum formuliert wurden: Mit der kleinen Conny packen wir die Badehose ein. „Mit 17 hat man noch Träume“ und für „Eine Nacht voller Seligkeit“ brauchen wir „keine Millionen“. Und Caterina Valentes Angebot „Komm ein bisschen mit nach Italien“ weckt unser Fernweh.

Wer später das „Abenteuerland“ im Rock ’n’ Popmuseum verlässt, muss nicht über „Sieben Brücken“ sondern nur über einen Steg in eine „Kleine Kneipe“ gehen. Sicher bleiben beim „Griechischen Wein“ auch nach der Ausstellung Standpunkte zum deutschen Schlager konträr.

Seit zehn Jahren feiert der Schlager ein Comeback. Beim Schlagermove in Hamburg tanzen und singen jedes Jahr Hunderttausende. Auf 70 Prozent aller Teenager-Partys gehören Schlager zum Stimmungs-Repertoire.

Und vielleicht hat der Historiker und Schlagerexperte Christoph Nonn Recht, wenn er feststellt: Schlager ist das, was dafür gehalten wird. Richtig ist aber auch: Musik, die Generationen unterhält, die amüsiert, manchmal tröstet und zu Tränen rührt, muss höchsten Ansprüchen nicht genügen. Mit der Typ-Plakette „Trivial“ ist sie aber nur allzu oberflächlich beschrieben. „Ein bisschen Spaß muss sein“.



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