Wochenend-Interview : Eigentlich ganz nett

wiesnekker foto zdf

Roeland Wiesnekker amüsiert sich über sein Image – Texte lernt er in der Kneipe.

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18. November 2017, 16:00 Uhr

Auch wenn kaum jemand seinen Namen kennt – dieses Gesicht prägt sich ein, weil es jedem Film etwas Besonderes verleiht: Gerade dreht Roeland Wiesnekker in der tschechischen Hauptstadt für die neuen Prag-Krimis der ARD, am Montag glänzt er im ZDF-Film „Der Kommissar und das Kind“. In einem Prager Café erzählt er von seinem Werdegang, seiner Heimat, seinem Image als „Gesicht des Übels“ und warum er ins Schwyzerdütsche verfällt, wenn er müde ist.


Herr Wiesnekker, es heißt immer, Sie seien ein Schweizer Schauspieler mit niederländischem Pass. Den Schweizer Pass haben Sie nicht, obwohl Sie dort geboren wurden und seit fast 50 Jahren in der Schweiz leben?

Ich bin tatsächlich Niederländer, der in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist. Seit Oktober bin ich jetzt aber auch Schweizer.
 

Wieso hat das denn 50 Jahre gedauert?

Ich wollte das Militär umgehen und hatte einen EU-Pass, der mir beruflich durchaus entgegenkam. Es gab einfach keine Gründe, Schweizer zu werden. Bis ich dachte: Ich bin jetzt so lange hier und hätte eigentlich auch mal Lust, mitzubestimmen, wählen zu gehen und nicht nur immer meinen Senf dazuzugeben. Jetzt habe ich beide Staatsbürgerschaften, sonst hätte ich es auch nicht gemacht. Aber es fühlt sich seltsam an, plötzlich nicht mehr „Der Ausländer“ zu sein.
 

Der niederländische Schauspieler mit neuerdings Schweizer Pass spielt hier in Prag einen Polizisten aus Berlin, der in Tschechien aufgewachsen ist. Ein europäisches Gesamtkunstwerk?

(lacht) Ja, das kann man so sagen.
 

Haben Sie bei den Dreharbeiten das Gefühl, dass am Ende was Gutes dabei rauskommt?

Ich hoffe doch. Auch wenn ich immer noch ein bisschen auf der Suche nach der Figur bin, glaube ich, dass es ganz spannend werden kann.
 

Prag-Krimi im Ersten und „Der Kommissar und das Kind“ im Zweiten – war das der Grund, aus dem Sie Ihre Rolle als Dienststellenleiter Riefenstahl im Frankfurter Tatort an den Nagel gehängt haben?

Nein, die Rolle hat mir einfach zu wenig Futter gegeben. Es zeichnete sich auch nicht ab, dass man die Rolle mehr einbindet. Das war keine einfache Entscheidung – ich mochte die Kollegen sehr und fand es auch spannend, mit wechselnden Regisseuren im gleichen Format zu arbeiten. Aber für mich waren das gerade mal zehn bis zwölf Drehtage im Jahr. Es war mir einfach zu wenig. Wenn schon, dann wäre ich lieber Tatort-Kommissar, mit mehr Verantwortung für das Ganze.
 

Sie drehen nicht nur, sondern lesen auch gerne Krimis, stimmt’s?

Ich habe jetzt wieder ein bisschen angefangen zu lesen, sonst sind es ja meistens nur die Drehbücher. Mit Krimis kommt man gut wieder rein, das ist ja schon eine leichtere Sprache. Die Mankells und alle anderen Nordländer habe ich gelesen und mag ich auch sehr. Sowohl die Literatur als auch die TV-Krimis.
 

In Ihren Rollen sind Sie oft depressiv, melancholisch, drogensüchtig, alkoholabhängig, schlaflos oder arbeitslos. Was sind Sie im Prag-Krimi?

Nichts davon (lacht). Da trinke ich gerne mal ein Bierchen, aber ansonsten bin ich total normal. Aber, so viel sei hier schon verraten, auch hier treffe ich auf vergangen geglaubte Dämonen…
 

Ärgert es Sie eigentlich, wenn Sie in Medien als „Problembär vom Dienst“, „das Gesicht des Übels“ oder „Großmeister des Kaputten“ beschrieben werden?

(lacht) Das amüsiert mich, ich nehme das sportlich-professionell. Es waren ja alles gut gemeinte Artikel. Manchmal geht’s mir natürlich schon auf den Wecker, wenn ich immer für das Gleiche angefragt werde. Und wenn das Buch schlecht ist, funktioniert’s auch nicht. Aber mit einem guten Drehbuch finde ich solche Figuren nach wie vor ganz spannend. Gebrochene oder ambivalente Charaktere sind doch reizvoll. Aber ich liebe auch Komödien, nur werde ich dafür kaum angefragt.
 

Depressiv, melancholisch, drogensüchtig, alkoholabhängig, schlaf- oder arbeitslos – was von diesen ganzen Attributen finden Sie in sich selbst?

Wahrscheinlich habe ich schon so etwas Ur-Anarchisches in mir, auch wenn ich keine Suchtprobleme habe. Ich nehme keine Tabletten, Drogen oder sonst irgendwas, sondern trinke höchstens mal ein Glas Wein. Aber ich muss mir für diese Rollen auch nichts draufschaffen, das mir völlig fremd ist. Die meisten Menschen haben doch zwei Seiten – eine, die man haben muss und nach außen trägt, und eine dahinter. Das finde ich spannend.
 

Haben Sie schon mal eine Rolle abgelehnt, weil Sie wieder den Kaputten spielen sollten?

Ja natürlich, des Öfteren sogar. Wenn’s einfach nur der Totschläger im Overall ist, finde ich es einfach zu langweilig.
 

In „Der Kommissar und das Kind“ vergehen auch keine sechs Minuten, bis der von Ihnen gespielte Kommissar Martin Brühl als Psychopath bezeichnet wird. Haben Sie die Rolle trotzdem oder deswegen angenommen?

Ich fand das Buch einfach spannend, es war richtig gut geschrieben, die Figur gefiel mir. Und ich war auch sehr zufrieden, als ich dann den fertigen Film gesehen habe.
 

Macht Ihr 50. Geburtstag Sie eigentlich depressiv?

Depressiv macht mich das nicht. Ich werde wahrscheinlich in den Geburtstag hinein arbeiten, auch wenn das jetzt nicht so lustig ist. Aber wir drehen dann immer noch hier in Prag, das geht bis kurz vor Weihnachten. Ich werde also hier feiern – wenn ich dazu komme (lacht).
 

Wären Sie gerne noch mal 20?

Nein. Von 20 bis 30 war für mich eine ganz spannende, aber auch schwierige Zeit. Ich hatte da so meine Probleme mit mir selbst, dem Leben, dem Beruf und der Liebe. Das war mein Selbstfindungs-Jahrzehnt.
 

Mit 15 haben Sie schon von der Schauspielerei geträumt, aber Koch gelernt. Warum?

Ich habe schon als Kind von der Schauspielerei geträumt, vor allem davon, ein Clown zu werden. Aber ich habe nicht daran geglaubt, dass es möglich ist. Und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mir gedacht habe, dass man seine Träume ja vielleicht auch leben kann.
 

Warum denn ausgerechnet Koch? Haben Sie gerne gekocht?

Ja, schon. Aber vor allem wusste ich nicht, wohin mit mir. Soll ich weiter zur Schule oder mache ich jetzt schon eine Ausbildung? Die Kochlehre wurde mir angeboten, das habe ich dann gemacht und auch sehr geschätzt. Bis ich die Stelle hätte wechseln müssen, um die Ausbildung fortzusetzen, und das war scheiße.
 

Kochen Sie heute auch noch?

Gerne und oft. Für Gäste gerne ein bisschen aufwändiger, aber für mich auch einfach. Ein schönes Sößchen muss auf jeden Fall dabei sein.
 

Wer oder was hat Sie denn davon überzeugt, dass aus Ihnen vielleicht doch ein Schauspieler werden könnte?

Ich habe nach der Kochlehre ein halbes Jahr in einer Gassenküche gearbeitet, in der Obdachlose und vor allem Drogenabhängige sich eine Mahlzeit holen konnte. Meine Chefin, die eigentlich Physikerin war, eine wahnsinnig spannende Frau, mit der ich mich immer lange unterhalten habe, die hat mich dazu ermutigt, es einfach mal zu probieren.
 

Mit 21 sind Sie dann zum ersten Mal nach Deutschland gekommen – an das von allen immer so hochgelobte Schauspielhaus in Bochum. Ihnen hat’s nicht so gut gefallen, oder?

Es war eine sehr lehrreiche Zeit, aber Bochum selbst war jetzt nicht so toll. Ich hatte auch gar nicht geplant, in ein festes Engagement zu gehen, sondern wollte eigentlich nur Abstand gewinnen und ein bisschen reisen. Aber es hat sich dann eben anders ergeben und im Nachhinein muss ich sagen, dass ich wahnsinnig viel für meinen Beruf gelernt habe.
 

Sie sprechen ja von Haus aus ein recht ausgeprägtes Schwyzerdütsch. Wie schwer war es, vor Bochumer Publikum auf Hochdeutsch zu spielen?

Das war nicht einfach. Unsere Regisseurin, Andrea Breth, hatte gesagt: Der ist gut, den wollen wir, aber schickt den erst mal zum Sprachunterricht, den es damals an den Schauspielhäusern noch gab. Ich musste mir das Hochdeutsche schon richtig draufschaffen. Und wenn ich heute müde bin, dann hört man’s wieder, woher ich komme. Dann hängen die Vokale ein bisschen länger (lacht).
 

Sprechen Sie zu Hause mit Ihrem Sohn denn Schwyzerdütsch?

Nein, Deutsch. Seine Mutter ist ja auch Berlinerin. Als er klein war, hab ich’s mal mit Niederländisch probiert, aber das ging gar nicht.
 

Wie organisieren Sie es eigentlich mit einem zehnjährigen Sohn in der Schweiz, wenn Sie so viel in Deutschland drehen?

Irgendwie kriegen wir’s immer hin. Seine Mutter ist als Liedermacherin und Kabarettistin zwar auch viel unterwegs, aber wir wohnen quasi gegenüber und werden nicht immer gleich panisch, weil wir gemerkt haben, dass es sich schon organisieren lässt. Einer ist immer zuhause.
 

Kann man in der teuren Schweiz überhaupt gut leben, wenn man viel in Deutschland dreht und deutsche Gagen bekommt?

Ich komm so durch (lacht). Finanztechnisch ist das natürlich total bescheuert, deswegen habe ich auch nicht viel auf der hohen Kante, eigentlich gar nichts. In Deutschland hätte ich mir wahrscheinlich wie andere Kollegen auch mal eine Wohnung leisten können. Aber nun ist es so, mein Sohn geht in der Schweiz zur Schule, ich bin viel unterwegs, fühle mich, wenn ich mal zu Hause bin, wohl in der Schweiz. Ist schon okay.
 

Der Schweizer Kurzfilm „Auf der Strecke“ hat Sie 2009 als Nominierten zur Oscar-Verleihung ins Kodak Theatre nach Los Angeles gebracht. Wie haben Sie das erlebt?

Großartig, bescheuert, toll. Sich das einmal reinziehen zu können, ist einfach wahnsinnig und wunderbar. Eine gigantische, amerikanische, perfekte Show, aber auch absurd. Es dauert ewig, und wenn man mal zur Toilette geht, kommt man an diesen Bars vorbei, an denen die alten Profis und Produzenten stehen und sich einen ansaufen, weil sie genau wissen, dass es noch eine Stunde dauert, bis ihre Kategorie drankommt.
 

Sie haben Ihre Texte früher mit Vorliebe in vollbesetzten Kneipen gelernt. Ist das einfacher als in konzentrierter Ruhe?

Das mache ich eigentlich immer noch, wobei die Kneipe nicht unbedingt vollbesetzt sein muss. Es ist tatsächlich eine Sache der Konzentration. Wenn ich zu Hause lerne und es ist still, dann werde ich schnell müde. In der Kneipe kann ich mich aber konzentrieren. Ich schalte ab und zu mal für drei Minuten ab, gucke mir ein paar Leute an und mache dann weiter. Das Wichtige ist der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Musik stört mich dabei überhaupt nicht, und auch das Stimmengewirr höre ich gar nicht.

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