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Geschlechter im Einklang : Donaueschinger Musiktage starten

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Die Donaueschinger Musiktage stellen die Geschlechterfrage: In der Neuen Musik geben Männer den Ton an. Nun verschafft das Festival Frauen mehr Gehör. Und spielt zudem mit neuen Konzertformaten.

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Konzertmusiker in Containern, Komponistinnen im Fokus: Die Donaueschinger Musiktage stehen für Trends und Entwicklungen der Neuen Musik.

In diesem Jahr widmet sich das vier Tage dauernde Festival in Donaueschingen im Schwarzwald neben musikalischen Experimenten einem gesellschaftlichen Thema: Geschlechterungerechtigkeit in deutschen Kulturbetrieben. Eine Debatte darüber prägt den Start der Musiktage am Donnerstag. Das Festival dauert bis Sonntag, geplant sind 20 Uraufführungen.

Die 1921 gegründeten Donaueschinger Musiktage, die jährlich vom Südwestrundfunk (SWR) organisiert werden, sind nach eigener Darstellung das weltweit älteste und bedeutendste Festival für Neue Musik. Björn Gottstein, seit 2015 der künstlerische Leiter des Festivals, machte Frauen in der Neuen Musik schon bei seinem Start zum Thema. Und setzte sich zum Ziel, Strukturen zu ändern.

«Die Donaueschinger Musiktage sind seit ihrer Gründung geprägt von männlichen Komponisten, der Frauenanteil ist verschwindend gering», sagt der 49-Jährige. Nun findet sein Bemühen im Programm erstmals sichtbar Niederschlag: Knapp ein Drittel der Komponisten sind in diesem Jahr Frauen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es drei weibliche Komponisten gewesen - und knapp 30 männliche.

«Ausgerechnet im vermeintlich aufgeklärten Kulturbereich wird die Gleichbehandlung von Mann und Frau kaum umgesetzt. Auch Neue Musik ist oft noch Männersache», sagt Gottstein im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Donaueschingen will dieses Jahr darüber sprechen und über das Festival hinaus Anstöße für ein Umdenken geben.

Es passt in die Zeit: Die Debatte über Ungleichbehandlung von Frauen in der Kultur hat nach dem jüngsten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung an Fahrt aufgenommen. Die Diskussion prägte zuletzt auch die neben Donaueschingen als Treffpunkt Neuer Musik geltenden Darmstädter Ferienkurse.

«Wir wollen erreichen, dass Frauen in der Neuen Musik eine Selbstverständlichkeit werden», sagt Gottstein und sieht sich damit im Einklang mit dem Leiter der Darmstädter Ferienkurse, Thomas Schäfer. «Wir brauchen eine neue Offenheit, althergebrachte Denkstrukturen müssen überdacht werden», sagt Schäfer. Der Frauenanteil solle auf Dauer erhöht werden.

«Das macht auch künstlerisch Sinn», sagt Gottstein. Auf der Suche nach Frauen für das diesjährige Programm wurde er zum Beispiel auf Bunita Marcus aufmerksam. Die 65 Jahre alte US-Amerikanerin ist schon lange in der Musik aktiv, stand zuletzt aber etwas abseits. In Donaueschingen bekommt sie nun eine neue Bühne. Sie komponiert bei dem Festival ein Stück für Posaune und Orchester.

Mit dem Rechenschieber, sagt Donaueschingens Festivalchef, sei er aber nicht unterwegs. Eine festgelegte Frauenquote gibt es nicht. Ein weiterer Schwerpunkt - in Donaueschingen und in der Neuen Musik insgesamt - ist das Experimentieren mit neuen Präsentationsformen. «An der Musik selbst, an Klängen und Tönen, ist nahezu alles erforscht», sagt Gottstein. Neue Konzertformate bestimmen nun das Bild.

Ein Beispiel dafür ist der Kasseler Komponist Martin Schüttler. Die einzelnen Musiker sitzen, isoliert voneinander, abseits in Containern. Die Bühne im mit Publikum besetzten Konzertsaal ist leer. Bilder und Töne werden aus den Containern in den Saal übertragen - und präsentiert von zwei Schlager- und Volksmusikmoderatorinnen. «Es ist das bewusste Überschreiten von Grenzen», sagt Schüttler.

In einem anderen Stück werden Musik und Schauspiel verbunden, Komponisten und ein Regisseur wirken gemeinsam. Und Francesca Verunelli setzt in seinem Werk «Man Sitting at a Piano» einen Flötisten ans Klavier - dieses ist von einem Computer gesteuert. Einen menschlichen Klavierspieler gibt es nicht.

Donaueschinger Musiktage

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