zur Navigation springen

Die Abrafaxe werden 500! : Die unglaubliche Geschichte dreier Knubbelnasen

vom
Aus der Onlineredaktion

Seit 62 Jahren existiert das in der DDR gegründete „Mosaik“ – ein Langzeitweltrekord. Die ersten Helden hießen Digedags. Heute erscheint das 500. Heft mit ihren Nachfolgern, den Abrafaxen. Sie sind der auflagenstärkste deutsche Comic.

Gerade läuft „Valerian“ im Kino, der teuerste europäische Film aller Zeiten (200 Millionen Dollar). Mit der Verfilmung des Comics „Valerian & Laureline“ hat sich der französische Regisseur Luc Besson einen Kindheitstraum erfüllt. Schön, wenn man als Erwachsener den richtigen Job und die Kohle hat, den prägenden Abenteuergeschichten aus der Kindheit ein gigantisches Denkmal in einem anderen Medium zu setzen.

Millionen Ostdeutsche, die in etwa so alt sind wie Besson, würden vielleicht die Kinos stürmen, hätte ein ostsozialisierter Krösus die Verfilmung der Geschichten aus dem „Mosaik“ finanziert. Jenes DDR-Comics, in dem Monat für Monat drei knubbelnasige Figuren ab 1955 auf Abenteuerreise durch Raum und Zeit gingen. Sie hießen Dig, Dag und Digedag, ausgedacht vom Zeichner Johannes Hegenbarth alias Hannes Hegen. Die „Mosaik“-Hefte galten als größter Schatz auf dem DDR-Printmarkt (bis zu einer Million Auflage), den man als Abonnent nicht wieder hergab. Die liebevollen, witzigen Zeichnungen waren ein einziger Bilderrausch, voller Details in den legendären Wimmelbildern, jedoch ohne versteckten Zeigefinger. Wenn die drei Kobolde in fernen Welten unterwegs waren, standen sie stets dem niederen Volk zur Seite. Im alten Orient spielten sie den Herrschenden Streiche, im Amerika der Bürgerkriegszeit halfen sie entlaufenen Sklaven.

Die Digedags endeten ziemlich abrupt und auf typische DDR-Weise. Kein Leser wusste, was los war, als sie 1976 plötzlich durch die Abrafaxe ersetzt wurden. Redaktionsleiter Hannes Hegen hatten den Verlag aus Unzufriedenheit verlassen. Die neuen Figuren Abrax, Brabax und Califax und ihre Abenteuer erinnerten jedoch sehr an die Vorgänger. Kein Wunder, da sie vom selben Zeichner- und Autorenkollektiv im Junge Welt-Verlag entworfen wurden.

So ging die Erfolgsstory weiter. Sogar nach der Wende, nachdem Klaus D. Schleiter, Chef einer Westberliner Werbeagentur, die Rechte von der Treuhand erworben hatte. Der neue Verleger verzichtete auf eine Westanpassung des Konzepts (plus Spielzeuge als Kaufanreiz), ließ die Abrafaxe weiter durch die Epochen reisen und die Leser durch Wissensvermittlung nebenher ein wenig klüger werden.

In jedem Heft werden technische, natürliche und gesellschaftliche Phänomen erklärt: singende Gläser, religiöse Geschäftsmodelle wie der Ablasshandel oder die Entstehung von Spekulationsblasen. Anhand einer „Puppen-Krise“ im Mittelalter wurde kurz nach der Finanzkrise 2008 das Wesen der Spekulation so gut erläutert, dass die Deutsche Bank die Restauflage kaufte, um sie an Kunden zu verschenken.

So wurde das „Mosaik“ der längste Fortsetzungscomic der Welt und mit rund 75 000 monatlich verkauften Exemplaren zugleich der auflagenstärkste Comic deutscher Produktion (weit vor „Micky Maus“).

Seit neun Jahren gibt es vierteljährlich auch ein Mädchen-„Mosaik“.

Zu den Hauptpersonen im nunmehr 500. Abrafaxe-Heft gehören Martin Luther und Lucas Cranach, es spielt in der Reformationszeit. Was das Alleinstellungsmerkmal des „Mosaik“ gut illustriert, wie der künstlerische Leiter Jörg Reuter findet. Der 57-Jährige mit der Späthippie-Aura, der schon seit 1980 zum Team gehört, sagt: „Weil das Alter unserer Leser von zwölf bis Open End geht, legen wir die Geschichten in mehreren Ebenen an. In die normale für die Kinder bringen wir auch Begriffe ein, bei denen sie mal ihre Eltern fragen oder im Internet nachgucken. Bisschen was fürs Leben lernen, ist doch nicht schlecht. Dafür stand das ,Mosaik‘ schon immer, und es hebt uns von anderen ab.“

Im Übrigen auch, dass Berühmtheiten wie John Lennon oder Lenin oder Bob Dylan gelegentlich in die Geschichten geschmuggelt werden.

Interessant ist auch die Analog-Digital-Verbindung, mit der man die junge Leserschaft anvisiert. Das „Magische Auge“ ist eine kostenlose App, mit der man via Smartphone Zusatzinformationen bekommen kann, was aber nur funktioniert, so lange man auf das Heft linst. Nimmt man das Gerät runter, herrscht Funkstille im Display. Nix mit Rumdaddeln.

Oder man schaut halt rein ins Netz  bei Mosapedia, wo Fans 15 000 Artikel aus dem Abrafaxe-Kosmos – zum Beispiel Küsse – reingesetzt haben. „Das ist auch ein echtes Hilfsmittel für unsere Arbeit“, sagt Robert Löffler, der aus Mülsen bei Zwickau stammt und selbst mit den Abrafaxen groß geworden ist. Heute arbeitet er als Presseverantwortlicher im Verlag, der in einer Villa in einer gutbürgerlichen Westberliner Ecke ansässig ist. Dort wird die alte Zeit nur insofern bewahrt, als von den sieben Zeichnern und einer Zeichnerin noch gearbeitet wird wie vor 60 Jahren. Also nicht an elektronischen Tablets, sondern mit Pinsel und Tusche. Jährlicher Verbrauch: 0,7 Liter (umgerechnet in Lesereinheiten 700 Füllerpatronen).

Wie erstaunlich die Erfolgsgeschichte des „Mosaik“ ist, merkt man auch daran, dass sie neuerdings sogar Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit ist. Drei Berliner Studentinnen für Medienkommunikation und Journalismus schreiben derzeit eine Arbeit über den Comic. Angeregt hätte es ihr Professor, der das „Mosaik“ selbst als Kind las und noch immer liest, wie Johanna Falk sagt. Sie selbst kannte den Comic nicht, weil sie aus der Nähe von Bielefeld stammt. „Wir vergleichen das ,Mosaik‘ mit dem ,Micky Maus‘-Heft und befragen auch Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren.“ Den Comic findet sie ziemlich ausgeklügelt, vor allem den enormen Rechercheaufwand.

Im Frühjahr waren alle 25 Verlagsmitarbeiter mal zu einem Betriebsausflug in Rostock, wo am Volkstheater eine Abrafaxe-Symphonie uraufgeführt wurde. Der Komponist Vincent Strehlow hatte die Abenteuer der Kobolde in eine Komposition übersetzt, gespielt von der Norddeutschen Philharmonie. Passend dazu hatte der Filmemacher Torsten Lenz aus den Bildern des „Mosaik“ einen Film geschaffen, der die Abenteuer während der Uraufführung optisch lebendig werden ließ. Nicht für 200 Millionen Dollar , aber deswegen nicht weniger von Leidenschaft getrieben.  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen