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Tiefschichtig : Die mörderische Nanny: «Dann schlaf auch du»

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Ein Pariser Elternpaar glaubt in der properen Louise die perfekte Nanny für seine Kinder gefunden zu haben. Doch eines Tages sind die Kleinen tot. Die Geschichte einer Tragödie in Leïla Slimanis preisgekröntem Psychothriller.

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2017 | 10:18 Uhr

«Das Baby ist tot», heißt es gleich zu Beginn des Romans und schnell wird klar, wer die Mörderin ist: Ausgerechnet das Kindermädchen, die allseits verehrte Nanny, die auch gleich noch die ältere Schwester des Säuglings mit auf dem Gewissen hat.

Als die Mutter abends nach Hause kommt, ähnelt die Kinderstube einem blutigen Schlachtfeld. Eine Familie ist zerstört, aber warum?

In Leïla Slimanis Thriller «Dann schlaf auch du» geht es nicht darum herauszufinden, wer der Mörder ist - das ist ja bereits nach einer Seite erledigt. Vielmehr zieht der Roman seine Spannung aus der Entwicklung hin zur tödlichen Katastrophe. Was macht eine propere Nanny zur Killerin? Das ist der Stoff unserer Alpträume, besonders bei Eltern. Und er stammt nicht einmal aus dem finsteren Reich der Fantasie. Die Geschichte hat sich tatsächlich so oder ähnlich ereignet, wenn auch nicht in Frankreich, sondern in den USA.

Aus der Feder der französisch-marokkanischen Autorin wird daraus ein gut gemachter Psychothriller mit einem subtilen gesellschaftskritischen Unterton. Denn in ihrem Roman geht es auch um die Unwucht einer neu entstandenen Klassengesellschaft, die sich so in vielen westlichen Ländern findet. Slimani erhielt für «Dann schlaf auch du» den Prix Goncourt 2016. Der ist zwar nur mit symbolischen 10 Euro dotiert, aber trotzdem der begehrteste französische Literaturpreis. Denn seine Zuerkennung lässt die Verkaufszahlen eines Buchs steil nach oben schnellen. Inzwischen ist der Roman in 30 Ländern verkauft und auch auf Deutsch erschienen.

Auf der einen Seite steht in dem Roman das gut verdienende Akademikerpaar Myriam und Paul mit seinen zwei kleinen Kindern, das seinen aufreibenden Lebensstil nur mithilfe häuslicher Dienstleister aufrechterhalten kann. Auf der anderen Seite die sich in prekären Verhältnissen durchwurstelnde Louise. Nach dem Tod ihres Mannes, der ihr nur Schulden hinterlassen hat, und dem Auszug ihrer missratenen Tochter verdingt sie sich als Kindermädchen. Sie lebt in einem dunklen Loch in einer Pariser Vorstadt.

Doch äußerlich wirkt die puppenhafte Frau makellos und mit Kindern kann sie fantasievoll und geduldig umgehen. In ihr scheinen Myriam und Paul die perfekte Nanny gefunden zu haben. Die Kinder vergöttern Louise. Für die Familie wird sie unentbehrlich. Und die Familie wird unverzichtbar für Louise. Denn sie ist eine zutiefst vereinsamte Frau, die verzweifelt nach Anschluss sucht. Es entwickelt sich eine Art symbiotischer Abhängigkeit.

Myriam und Paul als typische Vertreter eines liberalen Bürgertums werden zudem von ihrem schlechten Gewissen gequält: Beuten sie Louise vielleicht aus? Sie soll sich wie ein Mitglied der Familie fühlen. Deshalb nehmen sie sie einmal sogar mit in ihren Griechenlandurlaub und wecken damit falsche Hoffnungen.

Nebenbei wirft die Autorin einen kritischen Blick auf die Schattenwelt der Nannys, jener Frauen, die aus allen Teilen der Erde nach Frankreich gekommen sind und die nun die Kinder der gutsituierten, gestressten Pariser hüten und somit das System am Laufen halten. Sie selbst stehen dabei immer am Rande. So sagt die Afrikanerin Wafa in ihrer bildreichen Sprache: «Das Schicksal ist verschlagen wie ein Reptil, es sorgt immer dafür, dass wir auf der falschen Seite landen.»

Ist Louises Tat also ein sozialer Racheakt? Nach und nach zeigen sich jedenfalls Unstimmigkeiten, irritierende Misstöne in ihrem Verhalten, finanzielle Unkorrektheiten, merkwürdige Verhaltensweisen gegenüber den Kindern. Die Nanny wird den Eltern nun immer unheimlicher. Am liebsten würden sie sie loswerden.

Slimani baut dabei geschickt Spannung auf, entkleidet Louise nach und nach ihrer Masken, führt den Leser atemlos der finalen Katastrophe zu. Sie moralisiert dabei nicht, bezieht keine Stellung, sondern verhält sich relativ neutral zu ihren Protagonisten. Obwohl «Dann schlaf auch du» wirklich fesselnder Lesestoff ist, bleibt der Leser am Ende etwas unbefriedigt zurück.

- Leïla Slimani: Dann schlaf auch du, Luchterhand Verlag, München, 224 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-630-87554-5.

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