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DDR-Alltag : Die Lüge vom Mitropa-Koch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nachrichten vom letzten Sommer des DDR-Fernsehens / Ralf Mattern erzählt vom absurden Alltag in der Redaktion

Ein junger Redakteur wird im August 1989 vom „Neuen Deutschland“ zur „Aktuellen Kamera“ (AK) delegiert, das ist ein beruflicher Aufstieg. Denn die tägliche Nachrichtensendung des Deutschen Fernsehfunks hat politisch noch mehr Bedeutung als das Zentralorgan der SED.

So sehen das jedenfalls die führenden Genossen vom Zentralkomitee, die täglich das Politbüro-Mitglied Joachim Herrmann zur Anleitung nach Adlershof schicken. In seinem geheimen Tagebuch hat jener Markus Koch akribisch aufgeführt, was er so erlebt hat in seinen ersten Tagen und Wochen bei der „AK“.

Ralf Mattern, der Autor des Büchleins „Die wahre unglaubliche Geschichte vom entführten Mitropa-Koch“, konzentriert sich auf die heute satirisch anmutenden Zustände in der Redaktion der Nachrichtensendung. Da muss der Klassenfeind entlarvt, die Wachsamkeit der Bürger gestärkt, die Außenpolitik der ruhmreichen DDR gelobt werden.

Und wenn es schwierig wurde bei der Recherche, so wie in Afghanistan, dann fand Redaktionsleiter Wust praktikable Lösungen. „Mir reicht das jetzt. Wenn wir keine Bilder aus Kabul kriegen, dann drehen wir in Hoyerswerda.“
Im Sommer 1989 verlassen täglich tausende DDR-Bürger über Ungarn das Land. Die linientreuen Zeitungen nehmen davon kaum Notiz.

Doch dann erscheint am 21. September ein großer Artikel im „Neuen Deutschland“ (ND), der die haarsträubende Story eines Kochs der Mitropa erzählt, der in Budapest voneinem West-Agenten mithilfe einer Menthol-Zigarette ins Koma versetzt wurde. Unter der Überschrift „Ich habe erlebt, wie BRD-Bürger gemacht werden“ berichtet der Koch, wie er nach Österreich entführt wurde und später in die DDR zurückkehrte.

Leider ist diese wunderbare Geschichte ganz und gar erfunden von einem ND-Reporter, der am frühen Morgen den noch berauschten Markus Koch auf dem S-Bahnhof Ostkreuz getroffen hatte.

Die Folgen sind klar. Beide werden bestraft mit einem Einsatz in der Produktion. Markus Koch soll bei der „Freien Erde“ in Pasewalk antreten. Doch dann nimmt er den Zug nach Prag…

Ralf Mattern, geboren 1964, studierte Umwelttechnik und Verwaltungswissenschaften. Er war Sänger und Gitarrist der Flexibel-Blues-Band, die sich später in AufBruch umbenannte. Seine Songtexte beschäftigten sich kritisch mit der politischen Situation in der DDR.

Mit seinem Buch beschreibt er den Alltag in einem Redaktionsgefüge, in dem die Absurditäten des real existierenden Sozialismus als normal hingenommen werden. Die Parolen, die die führenden Genossen am Vorabend des Zusammenbruchs herausposaunen, werden gläubig aufgenommen, hirnrissige Aufträge ausgeführt.

Die erstaunlichen Detailkenntnisse des Autors ermöglichen Beschreibungen, die den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen, die der Leser heute aber kaum glauben mag.




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