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Exodus : Die letzten Juden von Kalkutta

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Von fast 5000 ist die Gemeinde auf nur noch etwa 20 Mitglieder geschrumpft: Bald wird es nach mehr als 200 Jahren keine Juden mehr im indischen Kolkata geben. Ihr Beitrag zur Geschichte der Stadt soll aber weiterleben - auch mithilfe ihrer muslimischen Nachbarn.

svz.de von
erstellt am 10.Aug.2017 | 11:11 Uhr

Es wirkt, als gehe die Neveh Shalome Synagoge im Gewimmel von Kolkata unter: Das jüdische Gotteshaus ist von einem Basar umzingelt, der Eingang ist nur durch ein Geschäft für Kochtöpfe zu erreichen. Es gibt in der ostindischen Metropole drei Synagogen.

Genutzt werden sie kaum - das Quorum von zehn Männern für einen jüdischen Gottesdienst erreicht die Gemeinde hier längst nur noch, wenn Besuch kommt. Bis vor 70 Jahren lebten noch fast 5000 Juden in der Stadt, die viele noch immer Kalkutta nennen. Heute sind es nur noch rund 20, und fast alle sind älter als 70 Jahre.

Die Synagoge ist trotzdem gut in Schuss, dank des muslimischen Hausmeisters Masood Hussein, der sich in dritter Generation seiner Familie um sie kümmert. Er weist darauf hin, dass es in der unmittelbaren Umgebung eine katholische Kathedrale, eine Moschee, eine armenische Kirche sowie hinduistische, jainistische und zoroastrische Tempel gibt. «Nur in Kalkutta können so viele Religionen so nah beieinander leben, ohne dass es Probleme gibt», meint Hussein.

Die Mitglieder der Gemeinde von Kolkata werden Bagdadi Juden genannt, weil sie ursprünglich aus der Region um den heutigen Irak stammten. Der erste von ihnen, ein Kaufmann namens Shalom Cohen, kam im Jahr 1798 aus dem syrischen Aleppo nach Kolkata. Aus einer kleinen Gruppe von Händlern entwickelte sich eine vielfältige Gemeinde, die auch prominente Persönlichkeiten hervorbrachte. Pramila etwa, die eigentlich Esther Victoria Abraham hieß, war eine Schauspielerin und Produzentin in den frühen Bollywood-Tagen der dreißiger und vierziger Jahre sowie 1947 die erste Siegerin des Miss India Schönheitswettbewerbs.

Im selben Jahr wurde Indien von Großbritannien unabhängig, und ein großer Teil der Jüdischen Gemeinde zog ins Ausland. Den Juden war es unter den Briten in der langjährigen Hauptstadt des Kolonialreiches gut gegangen, und ihre Zukunft in der neuen Nation war ungewiss, wie Flower Silliman erzählt, die damals 17 Jahre alt war.

So wanderten Angehörige der Jüdischen Gemeinde wie auch anderer Minderheiten mit ihren britisch-indischen Reisepässen vor allem nach England und in die Commonwealth-Länder Kanada und Australien aus. «Für sie entsprachen diese Länder mehr ihrem Lebensstil als das, was sie sich unter einem indischen Indien vorstellten», erklärt die 87-Jährige.

Ein Jahr nach dem Ende Britisch-Indiens wurde Israel gegründet. «Dann sind diejenigen emigriert, die beim Aufbau der neuen Nation helfen wollten», sagt Aileen «Jo» Cohen, Vorsitzende der Treuhandgesellschaft der jüdischen Einrichtungen in Kolkata. «Viele der ärmeren Mitglieder der Gemeinde haben außerdem die Chance ergriffen, sich dort ein besseres Leben aufzubauen.»

Ein Davidstern ziert das Eingangstor der 1881 gegründeten Jüdischen Mädchenschule im Zentrum Kolkatas. Die Kinder tragen ihn auch an ihren Uniformen, obwohl keines der Religion angehört. Die meisten der rund 1300 Schülerinnen seien Musliminnen, erklärt Cohen, die auch im Vorstand der Privatschule ist. «Ihre Eltern schicken sie hierher, weil wir altmodische Werte vermitteln und eine gute Ausbildung bieten.»

Das Zusammenleben mit den Muslimen, die etwa ein Fünftel der Stadtbevölkerung ausmachen, habe immer gut funktioniert, betont Silliman. Sie sei mit Menschen verschiedener Religionen aufgewachsen und habe mit ihnen ihre jeweiligen Feste gefeiert. «Mit den Muslimen hatten wir am meisten gemein: Wie wir aßen sie kein Schweinefleisch und verehrten keine Götzen», erzählt sie. Entsprechend habe ihre Familie ihr Hauspersonal ausgesucht. «Ein muslimischer Diener würde nie heimlich in der Küche ein Schinkenbrot essen.»

Antisemitismus habe es hier nie gegeben, sagt Sillimans Tochter Jael, die vor neun Jahren nach mehreren Jahrzehnten in den USA zurückkehrte - als eine von wenigen Auswanderern. Über ihre Jugend in Kolkata in den fünfziger und sechziger Jahren erzählt die Schriftstellerin und ehemalige Professorin: «Es gab nur ein paar hundert Juden, aber sie waren kulturell, sozial und wirtschaftlich sehr einflussreich.»

Allerdings wanderten die Jüngeren weiterhin aus, bekamen keine Kinder oder heirateten in andere Religionen hinein. Die letzte jüdische Hochzeit in Kolkata fand 1982 statt. Die genaue Zahl der heutigen Gemeindemitglieder ist unklar, weil Uneinigkeit herrscht, ob etwa Menschen mit nur einem jüdischen Elternteil als jüdisch gelten sollten. «Ich denke, es sind nicht mehr als zehn oder elf von uns echten Bagdadi Juden übrig», sagt die 62-jährige Silliman, die zu den jüngsten von ihnen zählt. «Die meisten von uns sind alt, und in zehn Jahren wird es uns nicht mehr geben», ergänzt ihre Mutter.

Die noch vorhandenen jüdischen Einrichtungen wie die Synagogen und die Mädchenschule sollen aber erhalten bleiben, darum bemüht sich die Treuhandgesellschaft um Jo Cohen. Es gibt auch einen 200 Jahre alten Friedhof, der sich im Nordosten Kolkatas über fast einen gesamten Wohnblock erstreckt. Die von Bäumen umgebenen rund 4000 weißen Gräber sind vor kurzem saniert worden. Eines davon gehört Shalom Cohen, dem Gründer der Gemeinde. Auch hier sehen Muslime nach dem Rechten.

Damit der Beitrag der Juden zur Stadtgeschichte nicht in Vergessenheit gerät, stellt Jael Silliman zudem seit fünf Jahren ein Online-Archiv namens «Recalling Jewish Calcutta» zusammen. Es enthält Videos, Audiodateien, alte Fotos, gescannte Zeitungsartikel, Kochrezepte, Kurzbiografien und aufgeschriebene Erinnerungen von Bagdadi Juden aus aller Welt an ihre Zeit in Kolkata.

Das Archiv zeugt nach Meinung von Silliman auch von der Weltoffenheit der Stadt. Sie drohe derzeit, ebenso wie die Jüdische Gemeinde, zu verschwinden. In der Geschichte Kolkatas stecke aber eine wichtige Lektion für die ganze Welt: «Von Vielfalt profitieren alle.»

Online-Archiv "Recalling Jewish Calcutta"

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