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Kulturgeschichte : Die Kunst des höflichen Rülpsens

vom
Aus der Onlineredaktion

Im Mittelalter war Pöbeln oder Grapschen normal, wie zwei neue Bücher zeigen. Im Internet scheinen die alten Sitten aufzuleben

svz.de von
erstellt am 08.Mär.2017 | 11:50 Uhr

Martin Luther war ein herzhafter Furz in keiner Weise peinlich. Für ihn war es ein patentes Mittel, um den Teufel zu vertreiben: „Ich jage ihn oft mit einem Furz hinweg.“ Erasmus von Rotterdam immerhin gab zur gleichen Zeit in seinem Benimmbuch die Empfehlung, die Pobacken zusammenzukneifen, „um die Gase in seinem Unterleib zu halten.“ Und sollte das Malheur doch einmal geschehen, gelte das alte Sprichwort: „Einen Furz verdeckt man hinter einem Huster.“ Ein ähnlich kaschierendes Vorgehen empfahl Lucas Gracián Dantisco. Für den spanischen Schriftsteller bestand die Kunst des höflichen Rülpsens darin, die Hand wie zufällig über das Gesicht gleiten zu lassen und dabei gleichzeitig den Mund zu bedecken, „damit man nichts merkt.“

Die Art und Weise, wie sich Menschen vor 500 Jahren ganz selbstverständlich in ihrem Alltag verhielten, wirkt auf uns heute oft ungezogen, rüpelhaft, manchmal barbarisch. Andererseits hätten unsere Vorfahren auch ihre liebe Not damit, unsere Regeln des guten Tons zu verstehen. Zwei neu erschienene Bücher geben in dieser Hinsicht tiefe Einblicke in die Kulturgeschichte.

„Gutes von Gestern“ von Elizabeth P. Archibald enthält Benimmregeln und Ratgebertipps aus 1000 Jahren. „Bitte nach Ihnen, Madame“ von Ari Turunen ist eine kurze Geschichte des guten Benehmens. Die Kulturgeschichte der Manieren zeugt vor allem von dem mühevollen Versuch, die aggressive, rohe Natur des Menschen zu zähmen, Selbstbeherrschung und Kontrolle über Triebe und Begierden zu erlangen und durch respektvolle Umgangsformen Schaden zu vermeiden, etwa indem man sich nicht gleich beim ersten Streit die Köpfe einschlägt.

Die Benimmregeln wurden mit der Zeit von oben nach unten durchgesetzt. Zunächst wollte sich der Adel durch distinguiertes Benehmen abheben und seinen besonderen Status herausstreichen. Das Bürgertum ahmte ihm nach und vieles wurde Standard. Dieser langwierige Prozess der Zivilisierung scheint jedoch zurzeit an einem kritischen Punkt angelangt zu sein.

In den Sozialen Medien wird seit Neuestem wieder hemmungslos gehasst, beleidigt und gepöbelt, alle Schranken und Tabus guter Erziehung werden abgeräumt. Nicht umsonst sieht Turunen, dass das „ungehemmte Benehmen des Mittelalters“ in der virtuellen Welt eine erschreckende Wiederkehr feiert. Denn die Menschen des Mittelalters waren derb, laut und impulsiv. Konflikte wurden schnell mit Faust oder Waffe geklärt. Da es kein staatliches Gewaltmonopol gab, musste jeder sehen, wie er sich durchsetzte.

Wenn man vor dem Essen sein Messer auf den Tisch legte, war das schon ein Symbol der Abrüstung. Und auch unsere heutigen Grußformeln sind nicht so unschuldig, wie sie scheinen. Denn das Handreichen war ein Zeichen für Friedfertigkeit: Die Hand, die ich zum Gruß entgegenstrecke, kann keine Waffe halten. Das Hutziehen wiederum verweist auf den Ritter, der einst den Helm abnahm und damit seinen Kopf entblößte. Damit demonstrierte er seinem Gegenüber friedliche Absichten.

Geradezu schockierend wirkt auf uns die Art und Weise, wie unsere Vorfahren mit ihren körperlichen Bedürfnissen umgingen. „Wildpinkeln“ war gang und gäbe und der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. fand nichts dabei, seinen Stuhlgang während offizieller Audienzen zu erledigen. Es war sogar ein besondere Ehre, ihm dabei zuzusehen. Entsorgt wurde im Kamin oder – beim einfachen Volk – auf der Gasse.

Auch Grapschen empörte im Mittelalter niemanden. Wenn eine Frau einem Mann gefiel, zeigte er seine Zuneigung, indem er ihr an die Brüste fasste. Bei öffentlichen Veranstaltungen – seien es Hinrichtungen oder Theateraufführungen – wurde laut gejohlt, gelästert, geschimpft, geschrien. Auch Adelige in ihren Logen bekamen da schon einmal die Häme des Volkes auf den billigen Plätzen zu spüren. Fast scheint es so, als habe das Internet diese frühere Funktion des Theaters übernommen. Hier wie dort kann man „denen da oben“ mal so richtig die Meinung geigen.

 

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