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«Ein Mensch brennt» : Die Kälte des Idealismus - Familienroman von Nicol Ljubić

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Was ist wichtiger: Der Kampf für eine sichere und gerechte Welt? Oder das private Glück und die eigene Familie? Um solche Fragen kreist der neue Roman des Berliner Autors Nicol Ljubić.

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2017 | 14:54 Uhr

Mehrere Jahre hat Nicol Ljubić daran gearbeitet, um den passenden Ton für dieses Buch zu finden. Der Autor hat immer neue Ansätze und Textversionen gebraucht, um diese Leichtigkeit der Sprache zu finden, mit der er seinen neuen Roman «Ein Mensch brennt» jetzt erzählt.

Sein Stilmittel, um ein ernstes Thema leichtgängig aufzubereiten, ist die Perspektive: Ljubić berichtet in weiten Teilen aus der Sicht eines Kindes. Der Ich-Erzähler beobachtet die Welt mit den Augen von Hanno Kelsterberg.

Der Junge erlebt, wie seine kleine Familie in den 70er Jahren auseinanderbricht. Eingebettet werden die fiktiven Familien-Erlebnisse in eine Folge von realen Ereignissen aus der Zeit des RAF-Terrorismus und der Anti-Atombewegung. Sie sind der Hintergrund, um eine immer wieder aktuelle Thematik auszuleuchten: nämlich die Frage, wie weit politische Engagement gehen darf, wenn dadurch Liebe und Wärme zu nahen Menschen in Gefahr geraten.

Für den zeithistorischen Hintergrund hat der Berliner Schriftsteller akribisch recherchiert. Hierbei ging es Ljubić darum, möglichst viel über eine damalige Randfigur der Geschichte herauszufinden: über Hartmut Gründler, einen Tübinger Lehrer, der sich 1977 aus Protest gegen die deutsche Atompolitik in Hamburg angezündet hatte und starb.

Eben jenen Aktivisten Hartmut Gründler lässt der Autor, der für seine Texte mehrfach ausgezeichnet wurde, als Untermieter bei der gutbürgerlichen Familie des kleinen Hanno einziehen. Gründler und Hannos Mutter nähern sich an. Sie ist fasziniert von dessen Einsatz für eine vorgeblich bessere Welt. Sie hilft beim Verteilen von Flugblättern und anderen Aktionen gegen die Nutzung der Atomenergie - bis zum Hungerstreik. Ihren Sohn nimmt sie dabei wiederholt mit, obwohl ihn manches überfordert. Was die Mutter als Emanzipation empfindet, führt schließlich mit zur Trennung der Eltern.

Viel später, als Erwachsener versucht der Sohn das damalige Geschehen zu verstehen. Er beschäftigt sich selbst mit Dokumenten über Hartmut Gründler. Er denkt nach, wann Idealismus zu einer kühlen, zerstörerischen Kraft wird. «...meine Mutter bekam offenbar zunehmend den Eindruck, dass sich Kochen und Weltretten nicht miteinander vertrugen», erinnert er sich.

Der erwachsene Sohn versucht, die Mutter zu befragen, etwa zur Trennung der Eltern: «Du hast mir nie gesagt, warum wir damals ausgezogen sind.» Der Mann, der als Junge so oft das Gefühl hatte, sie zu enttäuschen, bietet Brücken und verbale Vorlagen an, mit denen die Frau ihre Liebe zum Sohn beweisen soll. Doch sie bleibt sich und ihrer Welt treu, hält oft Distanz, spricht eher von Gerechtigkeit und Pflicht als vom Zwischenmenschlichen. Der Leser und die Leserin jedoch spüren umso stärker, welche - oft traurigen - Gefühle Hanno bewegen. Und das Ende des Romans kann sogar für eine Gänsehaut sorgen.

Nicol Ljubić: Ein Mensch brennt, dtv Verlagsanstalt, München 2017, 333 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-423-28130-0

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