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100 Jahre Ufa : Deutsche Traumfabrik im Fernsehformat

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Aus der Onlineredaktion

Jahrzehntelang stand die Ufa für große Kinofilme aus Deutschland. Inzwischen produziert das Medienunternehmen aus Babelsberg vornehmlich für TV-Kanäle

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erstellt am 11.Aug.2017 | 08:00 Uhr

Die Kulissen des bekannten Kolleplatzes stehen in Potsdam-Babelsberg: mit dem Kino, der Rockkneipe „Mauerwerk“ und dem türkischen Imbiss samt Kunststoff-Döner auf dem Drehspieß. Schon am frühen Mittag sind an diesem Tag die Dreharbeiten in der Außenkulisse für die Daily-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ („GZSZ“) beendet, die seit 25 Jahren jeden Abend beim Privatsender RTL Millionen Zuschauer sehen.

Drei Tage pro Woche wird am Außenset gedreht, jeweils vier Tage laufen die Dreharbeiten in zwei Studios. „GZSZ“ ist die derzeit bekannteste Produktion der deutschen Traumfabrik Ufa, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

In den Studiohallen sind rund 40 Kulissen aufgebaut: vom Berliner Kiezladen mit liebevoll dekorierter Wursttheke über Wohnzimmer und einen Krankenhausraum bis hin zur (ungewöhnlich) aufgeräumten WG-Küche. „Die Kulissen werden von unseren Requisiteuren vor dem Dreh entsprechend umgestaltet“, sagt die für den Bereich Ufa Serial Drama zuständige Pressereferentin, Melanie Müller. Jede Woche werden 75 Szenen in den Hallen gedreht, für jede gibt es eine halbe Stunde Drehzeit – eine Fließbandproduktion. Die Ufa produziert auch die RTL-Daily-Soaps „Unter uns“ und „Alles was zählt“.

Die Geschichte der Ufa

Die Universum-Film AG (Ufa) wurde zum Ende des Ersten Weltkriegs am 18. Dezember 1917 gegründet, um der ausländischen Konkurrenz auch in der Propaganda besser gewachsen zu sein. Nach Kriegsende konzentrierte sich die Ufa auf publikumswirksame Filme. Die Deutsche Presse-Agentur dokumentiert die wichtigsten Stationen:

  • Ab 1922 kommen zu den Ateliers in Berlin-Tempelhof die Bio-scop-Ateliers in Babelsberg hinzu, die 1926 mit der damals größten Atelierhalle Europas erweitert werden. Regisseur Fritz Lang produziert dort Stummfilm-Klassiker wie „Metropolis“, „Dr. Mabuse“ oder „Die Nibelungen“. 1930 wird der Tonfilm „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich gedreht.
  • Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten übernimmt 1933 Propagandaminister Joseph Goebbels die Kontrolle über die Ufa. Im Vordergrund stehen nun Komödien mit Stars wie Hans Albers, Heinz Rühmann und Zarah Leander.
  • Nach Kriegsende wird mit der ersten Produktionslizenz der Sowjetischen Militäradministration im Mai 1946 die Deutsche Film AG (Defa) gegründet. Deren erster Spielfilm ist Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ mit Hildegard Knef. In der Bundesrepublik wird die Ufa und die Ufa-Theater AG von einem Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank übernommen.
  • Ab Mitte der 1950er-Jahre kommt es infolge der Entwicklung des Fernsehens zu einem Einbruch im Kinogeschäft. Die Zahl der verkauften Kinokarten sinkt in Deutschland von jährlich 850 Millionen auf 100 Millionen.
  • 1964 kauft der Medienkonzern Bertelsmann die Ufa und die Ufa-Theater AG. Fortan konzentriert sich das Unternehmen vornehmlich auf Fernsehproduktionen. Mit dem Start des Privatfernsehens kommt es gemeinsam mit dem Verlag Gruner & Jahr zur Gründung der Ufa Film und Fernseh GmbH.
  • Seit 1991 wird die Ufa unter Geschäftsführer Wolf Bauer zum größten deutschen Unternehmen für Filmproduktionen.
 

„Im Gegensatz zu den Anfangsjahren der Ufa produzieren wir inzwischen wesentlich mehr Fernsehformate als Kinofilme“, erläutert Kirstin Krause, die für das Marketing zuständig ist. Etwa Krimiserien wie „Soko Leipzig“ und „Soko München“ oder Reihen wie „Bella Block“ und „Ein starkes Team“. Ein großer Erfolg war zuletzt die sechsteilige Serie „Charité“ von Regisseur Sönke Wortmann für die ARD. „Es wird eine zweite Staffel geben“, verspricht Krause.

In Potsdam wurde auch die sechsteilige Serie „Das Pubertier“ gedreht, die im Herbst im ZDF zu sehen sein wird. Erfolge in den Kinos waren etwa die Ufa-Produktionen „Der Medicus“, Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ sowie „Hanni und Nanni“.

„Der Produzent ist quasi der kreative Motor – er entwickelt Ideen und Stoffe und stellt die ideale Mannschaft aus Drehbuchautor, Regisseur und natürlich den Schauspielern zusammen“, erläutert Krause das Geschäft der Produktionsfirma. „Dabei arbeiten wir eng mit den Sendern oder anderen Auftraggebern wie Streaming-Diensten zusammen.“ Das gilt längst nicht mehr nur für Filme, sondern auch für Show-Formate. „Deutschland sucht den Superstar“, „Das Supertalent“, „Bauer sucht Frau“, „Das Familienduell“ und „Der Preis ist heiß“ sind aus dem Hause Ufa. Dessen Produktionen bringen es inzwischen auf 4500 Stunden Fernsehprogramm im Jahr, ausgestrahlt von 20 Sendern.

Die große Zeit des Kinofilms sei wegen des Aufkommens des Fernsehens schon seit Anfang der 1960er-Jahre vorbei, erläutert Geschäftsführer Wolf Bauer den Grund für den Wandel. „1964 hat Bertelsmann die Reste der Ufa aufgekauft, als Programmlieferant für das neue ZDF“, erzählt Bauer. Von einer Produktion allein für das Fernsehen will Bauer gut 50 Jahre später aber auch nicht mehr reden. „Wir produzieren mittlerweile Bewegtbilder für alle Nutzungskanäle, im digitalen Zeitalter kann man sich nicht mehr nur auf das Fernsehen konzentrieren.“ Entscheidend für den Erfolg der Ufa als Marktführer in Deutschland sei die Entwicklung von Ideen für Geschichten und Show-Formate. „Dafür haben wir einen festangestellten Stamm von etwa 100 Kreativen und ein großes Netz von Autoren“, erläutert der Geschäftsführer. „Dabei setzen wir insbesondere auf langlebige Programmmarken. So war ,GZSZ‘ das erste deutsche Daily-Drama. Einen Rückgriff auf alte Ufa-Stoffe habe es nur einmal gegeben, erzählt Bauer. „1993 haben wir die Komödie „Ein Mann für meine Frau“ von 1943 mit Iris Berben mit großem Erfolg in die neue Zeit transportiert.“ Ansonsten habe es keinen Ansatzpunkt für Remakes gegeben. „Dabei habe ich alle Stoffe der Ufa studiert“, sagt der Geschäftsführer. Sehr erfolgreich sei die alljährliche Aufführung von Stummfilmen vor der Alten Nationalgalerie in Berlin mit musikalischer Live-Begleitung. „Diese Ufa-Filmnächte gibt es auch in Brüssel, Paris, Madrid und in diesem Jahr auch in London.“

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