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Tabu-Thema : Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lange ein Tabu-Thema, steht der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ nun im Mittelpunkt einer Ausstellung in Polen – gezeigt wird der Blick von Künstlern aus vier Ländern

Zwischen der Hoffnung auf Sicherheit und dem Tod in der eisigen See lagen nicht einmal zwölf Stunden. Am 30. Januar 1945 lief das einstige Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“ aus Gdingen, das von den Deutschen in „Gotenhafen“ umbenannt worden war, mit mindestens 10 000 Menschen in die Ostsee aus. Die meisten Passagiere waren Frauen und Kinder, Zivilisten aus Ostpreußen und Pommern, aber auch verwundete deutsche Soldaten. In den Abendstunden wurde das Schiff vor der pommerschen Küste vom Torpedo eines sowjetischen U-Boots getroffen. Rund 9000 Menschen starben.

„Die meisten Menschen glauben, das schwerste Schiffsunglück war der Untergang der Titanic. Von der ,Gustloff‘ haben viele noch nie gehört“, sagt Iwona Bigos. Die Direktorin der Städtischen Galerie Danzig (Gdansk) macht die Tragödie unweit der Küste zum Thema einer Ausstellung mit Werken von Künstlern aus Polen, Deutschland, Schweden und Russland, die heute in der Günter Grass-Galerie in Danzig öffnet.

Martin Schibli, neben Bigos Kurator der Ausstellung, hatte die Idee zur künstlerischen Thematisierung des Gustloff-Untergangs durch die Unterwasser-Bilder des schwedischen Künstlers Magnus Petersen. „Die sind sehr ästhetisch. Wenn man diese Aufnahmen sieht, denkt man überhaupt nicht an eine Katastrophe oder Tragödie“, sagt er. Aber in Schweden sei der Untergang der „Gustloff“ und anderer deutscher Schiffe mit insgesamt rund 40 000 Toten in der Ostsee in den letzten Kriegsmonaten so gut wie unbekannt.

In Polen ist das anders, gerade in Danzig, das auf eine lange und wechselvolle deutsch-polnische Geschichte zurückblickt. Doch in dem Land, das im Zweiten Weltkrieg das erste Opfer Hitlers wurde, taten sich viele schwer, Deutsche auch als Opfer zu sehen. „Das war ein Tabu-Thema“, sagt auch Bigos.

In den vergangenen Jahren hat sich vieles geändert – der in Danzig geborene Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist Ehrenbürger, seine Werke werden auch in Polen viel gelesen. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf ein Zitat seiner Novelle „Im Krebsgang“, in der es auch um die Schiffstragödie geht. Polnische Schriftsteller wie etwa Pawel Huelle greifen deutsch-polnische Lebensschicksale in Danzig auf.

In der interdisziplinären Ausstellung mit Zeichnungen und Lithographien, Fotos, Videoinstallationen und einer Performance-Künstlerin wird mit den Arbeiten des Kaliningrader Künstlers Jewgeni Uminski auch die russische Perspektive gezeigt. Denn dort gilt der U-Boot-Kommandant Alexander Marinesko weiterhin als Held, betont Schible.

Dass die Deutschen keineswegs nur Opfer waren, werde nicht verschwiegen, sagt Bigos. In der Galerie sei ein Dokument zum ersten Transport polnischer Soldaten nach Auschwitz. „Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit – am 30. Januar sank die ,Wilhelm Gustloff‘“, sagt Bigos. „Es lag ganz nah beieinander – das Ende einer Tragödie, und die neue Tragödie.“


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