Günter Grass ist tot : Der Unbequeme

Günther Grass hat sich zeitlebens immer wieder eingemischt.
Günther Grass hat sich zeitlebens immer wieder eingemischt.

Der Nobelpreisträger hielt politischen Einspruch für eine historische Pflicht – und erregte Anstoß

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13. April 2015, 21:00 Uhr

Den Begriff „Nationaldichter“ hat Günter Grass zeitlebens abgelehnt. Dennoch spiegelt sich im Leben und Werk des Literaturnobelpreisträgers, der gestern früh 87-jährig in einem Lübecker Krankenhaus im Kreise seiner Familie starb, die jüngere deutsche Geschichte – mit all ihren Brüchen, Kontroversen und Verletzungen, mit Versagen und Sternstunden. Wenige haben so polarisiert und provoziert wie er, selbst noch im hohen Alter „mit letzter Tinte“ in seinem Israel-kritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“ (2012). Aber wenige haben auch so viel einstecken müssen wie der schnauzbärtige Kaschube aus Danzig, dem „Zunge zeigen“ – so einer seiner Buchtitel – zum Markenzeichen werden sollte. Deutschland hat es Grass schwer gemacht und Grass wiederum Deutschland nicht leicht. Die Scham, als Jugendlicher den Nazis auf den Leim gegangen zu sein, hat den Nobelpreisträger bis zuletzt gequält.

Manche sehen Grass in seiner künstlerisch-politischen Komplexität in einer Reihe mit Goethe, Thomas Mann oder Bertolt Brecht. Grass selber hat in seinen Werken – zuletzt in „Grimms Wörter“ – immer wieder mit den Geistesgrößen der Literaturgeschichte Zwiegespräch geführt.

Lange hatte Grass - nach Erscheinen seines Debütromans „Die Blechtrommel“ 1959 zum international bekanntesten deutschen Gegenwartsautor avanciert – auf den Nobelpreis warten müssen. Als es 1999 soweit war, sagte der Sekretär des Nobelpreiskomitees Horace Engdahl in seiner Laudatio: „Das Erscheinen der ,Blechtrommel“ bedeutete die Wiedergeburt des deutschen Romans des 20. Jahrhunderts.“ Und die Oscar-gekrönte Verfilmung von Volker Schlöndorff machte Filmgeschichte.

In mehr als 60 Jahren hat Grass ein enormes künstlerisches Werk geschaffen: Lyrik, Dramen und Ballette gehören dazu, Aphorismen, Hörspiele, Essays und Novellen, große Romane und die sich einem einzigen literarischen Genre entziehenden autobiografischen Bücher.

Dazu hat Grass bis ins hohe Alter als Bildhauer, Grafiker, Maler und Zeichner gearbeitet–- zu jedem seiner Bücher den Umschlag selber gestaltet und seine Werke auch selber als begnadeter Vorleser vorgetragen und auf Tonträgern eingespielt.

Und Günter Grass hat sich immer wieder eingemischt. In Schriftstellerverbänden oder in der Freien Akademie der Künste Berlin engagiert sich Grass für die sozialen Belange von Autoren ebenso wie für die Menschenrechte. Die Kulturstiftung des Bundes, von ihm wieder und wieder angestoßen, wird 2002 endlich Realität.

Grass will mehr Demokratie, Aufbruch und mehr globale Gerechtigkeit zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden – das zieht sich wie ein roter Faden durch sein Engagement. Die deutsche Wiedervereinigung kommt ihm zu schnell. Er sieht die Ostdeutschen über den Tisch gezogen, kritisiert, dass keine neue Verfassung erarbeitet wurde – wie im Grundgesetz vorgesehen. Im Roman „Ein weites Feld“ (1995) setzt er sich auch kritisch mit der Treuhandanstalt auseinander, deren Aufgabe es war, die DDR-Planwirtschaft in die Marktwirtschaft zu überführen.

Hinter den oft donnergrollenden Rollen des öffentlichen Polit- und Literaturtheaters ist der Mensch Grass kaum wahrgenommen worden. Er, der von sich selbst sagte, einen Mutterkomplex zu haben. Der es Frauen nicht immer leicht gemacht hat. Von drei Partnerinnen hat Grass insgesamt sechs Kinder. Seine Frau Ute brachte selber zwei Kinder in die Patchworkfamilie mit, 1979 wurde geheiratet.

Leidenschaftlich gern kochte Grass, seine bevorzugt deftigen Essen waren nicht jedermanns Geschmack, die Liebe zum Rotwein bleibt unvergessen. Grass war ein Familientier, die Enkelschar der Patchworkfamilie wuchs im Laufe der Jahre, in vielen Sommern zu Gast im Ferienhaus mitten im Wald auf der dänischen Insel Møn.

Die Jahre mit Ute hatten feste Zyklen: Im Winter lebte er im Ferienhaus in Portugal, im Sommer auf Møn mit Badefreuden in der Ostsee. Stammsitz wurde ein altes Haus mit Arbeitsatelier in Behlendorf bei Lübeck, gelegen an einem Kanal. Dort schrieb Grass per Hand und tippte dann seine Manuskripte auf einer alten Olivetti Schreibmaschine.

Unmittelbar vor seinem Tod hat der Schriftsteller Günter Grass die Arbeit an einem neuen Buch beendet. Das Werk mit dem Titel „Von Endlichkeit“ beinhaltet sowohl Lyrik als auch Prosa und soll im Juli oder August erscheinen.  

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