Musik : Der Soundtrack zur Fußball-EM

fußball soundtrack

Vom Heino, Mark und Herbert – der Wandel des deutschen Fußballliedguts in Fanmeilenzeiten

svz.de von
04. Juni 2016, 16:00 Uhr

Bald wird es wieder etliche Spaßkanonen geben, die „Schland vor, noch ein Tor“-Lieder ins Netz ballern und auf reichliche Klicks hoffen. Wer so was für „Stimmung pur“ hält, kann sich dazu noch eine CD-Compilation mit den besten Fußball-Songs aller Zeiten holen. Wobei beste in dem Falle immer best of Schlimmste meint. Vor allem in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren unternahmen diverse Nationalmannschaften Ausflüge ins Plattenstudio, gern gemeinsam mit prominenten Musikanten. Aufmerksamen Beobachtern des Genres dürfte allerdings nicht entgangen sein, dass von berühmten Sportlern kein Nachschub an Fußball-Hymnen kommt. Im Zuge der Konzentration auf den Sport hat sich der singende Promi-Fußballer aus den TV- und Plattenstudios verabschiedet. Dadurch fehlt’s auch den prominenten Musikern an Kollaborateuren.

Doch einer lässt sich davon nicht abhalten und singt zur Not allein: Heino. Der 78-Jährige hat jüngst ein komplettes Fußballalbum – „Arschkarte“ – veröffentlicht. Denn: „In der Welt passieren so viele traurige und grausame Sachen. Ich finde, man muss abseits davon auch mal etwas Lustiges auf die Beine stellen dürfen“, sagt er, und wer will ihm da widersprechen? Niemand! „Arschkarte“ enthält Klassiker des deutschen Fußballliedguts und ist eine Fortsetzung des Weges der deutschen Schunkelmusikikone zum späten Rockbarden.

Vermutlich war das Album-Ideefindungsteam darauf gestoßen, dass Heino in den frühen 50ern in der Stadtmannschaft von Düsseldorf kickte, bis heute dem SC Schwarz-Weiß Düsseldorf freundschaftlich verbunden ist und dass Fußballlieder mit Blick auf die am Freitag beginnende EM ja wohl genau das Richtige wären, um eine potenziell große Zielgruppe anzulocken: die jungen Spaßhabenwoller und die Alten, die schon 1974 zum „Fußball ist unser Leben“-Original-Gesang der DFB-Elf schunkelten. Oder zu „Buenos Dias Argentina“, Udo Jürgens’ Kollaboration mit der Nationalelf 1978.

Also nahm sich Heino diesen und anderen Gassenhauern des obskuren Genres an, um sie mit seinem rollenden R zu „veRRRocken“. Diese Platte ist als schnelles Mitnahmegeschäft konzipiert. Ziemlich wahllos wurden mit dem Fußball verbundene Lieder gecovert: „54, 74, 90, 2010“ von den Sportfreunden Stiller, Partymugge wie „Samba de Janeiro“, Oliver Pochers Länderspielstimmungskracher „Schwarz und weiß“ und „Was wollen wir trinken (7 Tage lang)“, die Torjubelhymne des Bundesligisten 1860 Hoffenheim. Dazu gibt’s als Duett mit Lotto King Karl die HSV-Hymne „Hamburg, meine Fußballperle“ und, klar, Liverpools legendäre Vereinshymne auf deutsch. „Allein bist du nie (You’ll never walk alone)“. Ein Lied, das in Liverpool eine tiefe Bedeutung hat und nicht zuletzt als eine Art Trauersong für die 96 bei einer Stadionkatastrophe 1989 ums Leben gekommenen Fußball-Fans gilt. Bei Heino ist der Song Bestandteil eines Albums „zum Feiern, zum Lockermachen und zur Vorfreude auf die Fußball-EM“. Irre.

Das passt freilich in eine Zeit, in der der Fußball zu einer riesigen Bespaßungsveranstaltung geworden ist, zu der die Musikanten ehrerbietig zuliefern (dürfen). Vor allem wenn WM- und EM-Turniere mit Nationalmannschaften anstehen, fanmeilenumkränzte Großevents, die einen entsprechenden Party-Soundtrack verlangen, der von den übertragenden Sendern zielgruppengenau ausgewählt wird. Deshalb schickt das ZDF Mark Forster auf den Spuren von Andreas Bourani mit dem pathetischen Poptitel „Wir sind groß“ auf die „Bilder des Tages“-Strecke, während die ARD Shooting Star-DJ Felix Jaehn und Altmeister Herbert Grönemeyer im Duett engagierte, als eine Art Eier legende Wollmilchsau.

Oder wie ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky sagt: „Felix und Herbert in einer Mannschaft. Mehr geht nicht.“ Zielgruppenmäßig mit Sicherheit nicht, musikalisch kann man sich streiten, denn ihr Song „Jeder für Jeden“, der Elektropop mit Grönemeyerscher Wort- und Gedankentiefe verknüpft, ist arg stadionuntauglich.

Aber es geht auch gar nicht mehr darum, dass Fußballlieder zu Turnierevents nach Fußball und Schweiß und Grätsche klingen. Die Zeiten, als Spieler rührend-unbeholfen platte Lieder wie „Fußball ist unser Leben“ sangen, sind vorbei. Heute herrscht Arbeitsteilung. Die Spieler konzentrieren sich auf ihren Turnierjob und die Musiker und Fans auf den ihren, damit die Party lange währt und am Ende alle gemeinsam unterm Brandenburger Tor singen können „Wir sind groß“. Kann man nur hoffen, dass die Löw-Jungs mitspielen.
 

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