Vinyl : Der Sound aus der Rille

Das Geschäft mit den Vinyl-Scheiben läuft so gut wie noch nie. Jens büttner/Dpa/Archiv
Das Geschäft mit den Vinyl-Scheiben läuft so gut wie noch nie. Jens büttner/Dpa/Archiv

Die Vinyl-Langspielplatte feiert in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag – und erlebt eine Renaissance.

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17. Juni 2018, 05:00 Uhr

Eine Schallplatte ist viel mehr als eine schwarze Scheibe. Nämlich: Tonträger, Kultobjekt, Sammlerstück, Wertanlage, Kulturgut, Kunstwerk und Zeitdokument.

Die Tragweite seiner Erfindung ist noch nicht zu erahnen, als Thomas Alva Edison am 18. Juli 1877 geradezu weltverändernde Erkenntnisse in sein Tagebuch schreibt: „Habe soeben mit einer Membran experimentiert, an der eine Nadel befestigt ist. Die Nadelspitze ließ ich gegen sich schnell fortbewegendes Paraffinpapier drücken. Die Schwingungen der Sprache wurden deutlich eingegraben, und ich habe keinen Zweifel, dass ich in der Lage sein werde, die menschliche Stimme aufzuzeichnen und im gewünschten Augenblick automatisch und perfekt wiederzugeben.“

1878 ist es so weit: Edison wird zuerst in Frankreich und später auch in Deutschland ein Patent für seine Sprechmaschine erteilt. Seine Gerät begründete indirekt einige bis heute bestehende Musikkonzerne. Dieser Phonograph genannte Klangschreiber kann tatsächlich erstmals Töne aufzeichnen und wiedergeben. Er setzt sich zusammen aus einer mit dünn gehämmertem Zinn (Stanniol) überzogenen Walze, einer Nadel sowie je einer Schalldose für die Aufnahme und die Wiedergabe. In der Mitte der Membranoberfläche ist ein senkrechter Stift angebracht. Mit dieser per Handkurbel betriebenen Maschine kann Edison die sinusförmigen Schallwellen, die die Membran vibrieren lassen, mechanisch in Stanniol gravieren. Seine erste Aufzeichnung ist das Kinderlied „Mary had a little Lamb“. Da die Walzen umständlich zu handhaben sind, blechern klingen und sich nur bis zu fünf Mal abspielen lassen, ist vorerst an eine kommerzielle Verwertung nicht zu denken.

Das ändert sich mit dem „Edison Record – Brown Wax Zylinder“, der ab 1895 einen Nischenmarkt bedient und eine Spieldauer von rund zwei Minuten hat. Bereits 1908 lässt Edison unter der Bezeichnung „Amberol Record“ Wachswalzen mit einer Spieldauer von vier Minuten herstellen. Ab 1912 bestehen die Walzen aus Zelluloid. 1929 wird die Produktion endgültig eingestellt.

Vorläufer der Platte aus Glas

Schuld daran ist Emil Berliner. Der in Hannover geborene Deutsch-Amerikaner hat das von ihm erfundene Kohlemikrophon für 50 000 Dollar an die Bell Telephone Company verkauft. Mit dieser Sicherheit im Rücken entwickelt er 1887 Edisons Phonographen weiter. Nun ritzt eine Stahlnadel die mechanischen Schwingungen mit der musikalischen Information in eine mit gehärtetem Ruß überzogene Platte aus Glas ein. Von diesem Positiv lassen sich beliebig viele Zink-Negative abziehen. Die Scheiben mit einem Durchmesser von 28 Zentimetern und einer Spieldauer von vier Minuten sind deutlich praktischer und kostengünstiger als eine Walze. Das vorerst perfekte Tonträgermedium für das von Berliner zeitgleich erfundene Grammophon, dem mechanischen Vorläufer des Plattenspielers. Auf Berliner geht auch der Begriff „Schallplatte“ zurück. Die ersten regulären Scheiben werden als „Berliners Gramophone“ oder „Berliner-Platten“ bezeichnet.

Emil Berliner hat eine Vision: Er will mit der Schallplatte den Unterhaltungsmarkt erobern. Am 16. Mai 1888 stellt er einen ersten funktionsfähigen Prototypen aus Zelluloid am Franklin Institut in Philadelphia vor. Bereits ein Jahr später bringt er in Deutschland sprechende Puppen mit Miniaturgrammophon und Hartgummischeibe auf den Markt. Ab 1896 verwendet er als Plattenmaterial eine strapazierfähigere Pressmasse aus dem Naturkunststoff Schellack, Schieferpulver und Baumwollflock.

Nach Eröffnung von Schallplattenproduktionsstätten in England und Amerika gründet Emil Berliner gemeinsam mit seinen Brüdern Joseph und Jacob 1898 die Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG) in Hannover. In der Nordstadt entsteht die erste Schallplattenfabrik. Im Geschäftsjahr 1898 verkauft er an wohlhabende Grammophonbesitzer bereits über 700 000 Schellacks mit der Drehzahl von 78. Heute ist die DGG das älteste Tonträgerunternehmen der Welt. Aus ihr geht 1972 die PolyGram hervor, die 1998 wiederum in der Universal Music Group aufgeht. Sie hat den weltweit größten Anteil am Musikmarkt.

Emil Berliners Erfindungen Grammophon und Schallplatte sind technische Sensationen, zunächst werden sie aber als Luxusspielzeuge abgetan. Erst als im Mai 1904 der italienische Opernsänger Enrico Caruso bei Berliners Firma Victor Talking Machine Company eine technisch ausgereifte Schallplatte mit dem Label-Aufdruck „His Master’s Voice“ herausbringt, erweist sich die überragende Bedeutung des neuen Mediums für die Musikkultur. Von Carusos „Vesti La Giubba“ aus der Oper „Pagliacci“ werden innerhalb von zwei Jahren eine Million Exemplare verkauft. Es ist der erste Millionenseller in der Geschichte der Musikindustrie. In den kommenden zehn Jahren gründen sich allein in Deutschland 500 Plattenfirmen.

Die erste Vinyl-LP kommt auf den Markt

1926 bringt Thomas Alva Edison als eine seiner letzten Erfindungen einen Schellack-Vorläufer der heutigen Vinyl-LP auf den Markt. Seine Long Playing Diamond Disc spielt bei einer sehr hohen Tonqualität je nach Durchmesser bis zu 40 Minuten bei 80 Umdrehungen. Nachteil: Sie funktioniert nur mit einer Diamantnadel, und 1926 existieren lediglich sechs Langspielplatten.

Im September 1931 gelingt RCA Victor mit der „Program Transcription Disc“ eine weitere technische Revolution: Langspielplatten aus Vinyl mit 15 Minuten Laufzeit pro Seite, einem Durchmesser von 30 Zentimetern und 78 Umdrehungen in der Minute. Vorerst werden nur Kinderplatten in diesem Format gepresst. Aber bereits am 14. Dezember 1931 erfindet der britische Elektroingenieur Alan Dower Blumlein das bis heute benutzte Verfahren für die Aufnahme und Wiedergabe von zwei Kanälen in einer Rille.

Am 21. Juni 1948 präsentiert Columbia Records auf einer Pressekonferenz schließlich die erste rauschreduzierte Langspielplatte (LP) aus Polyvinylchlorid (PVC) mit einer Drehzahl von 33 Umdrehungen pro Minute und einem kleinen Mittelloch. Ohne Klangverlust ist jetzt eine Spielzeit von bis zu 23 Minuten pro Seite möglich. Die moderne Langspielplatte ist geboren und kommt in buchartiger Verpackung daher. Das so genannte „Album“ verdrängt die Schellack-Pressungen unter anderem von den Beatles vom Markt.

Entwickelt wurde die „Long Playing Microgroove“ (lang spielende Rille) binnen drei Jahren von dem ungarisch-amerikanischen Ingenieur Peter Carl Goldmark. Für seine bahnbrechenden Erfindungen wird Goldmark in die Investors Hall Of Fame aufgenommen. Ab Mitte der 1950er Jahre setzen sich erschwingliche Plattenspieler durch mit allen drei bis dahin üblichen Geschwindigkeiten (33, 45 und 78 Umdrehungen pro Minute).

In seinem 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“ beschreibt Thomas Mann, wie der Protagonist Hans Castorp mit einem Grammophon allein gelassen wird und andächtig klassischen Opern lauscht. Thomas Mann war in vielerlei Hinsicht ein Visionär und ahnte: Die elektrische Wiedergabe von Tönen ist die vielleicht größte kulturelle Revolution in der Geschichte der Menschheit. Bis heute bestimmt die Schallplatte das Lebensgefühl von Milliarden von Menschen. Daran ändert auch die digitale Verbreitung von Musik nichts. Das Raspeln, Knistern und Rumpeln, das bei der mechanischen Abtastung einer Schallplatte entsteht, hat trotz cleaner digitaler Soundfiles bis heute nichts von seiner Faszination verloren.



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