zur Navigation springen

Legendenbildung : Der Naziverbrecher Speer - Fehler der Wissenschaft

vom

«Verführter Technokrat» und «guter Nazi»: Der Historiker Magnus Brechtken räumt in seiner neuen Studie mit der Legendenbildung über «Hitlers Architekten» Albert Speer auf. Er zeigt die massiven Fehler im Umgang mit dem Nazi-Verbrecher im Nachkriegsdeutschland.

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2017 | 11:07 Uhr

Albert Speer - Architekt und skrupelloser Rüstungsminister der Nazis - wurde schon während seiner Haft in Berlin-Spandau als Zeitzeuge hofiert.

Mit Unterstützung von Intellektuellen und Zeithistorikern flossen einer neuen Studie zufolge nach seiner Entlassung seine selbst gesponnen Legenden und Mythen vom verführten Bürger und Technokraten teils ungeprüft in die Literatur im Nachkriegsdeutschland über das «Dritte Reich» ein. Der Zeithistoriker Magnus Brechtken geht in seiner prägnanten, gut erzählten Biografie «Albert Speer. Eine deutsche Karriere» scharf mit dem Blender Speer und seinen unkritischen Unterstützern ins Gericht.

«Ein engagierter Nationalsozialist, Unterstützer Hitlers, Architekturmanager, Kriegslogistiker, Rüstungsorganisator, Mitbetreiber der NS-Rassenpolitik, eine Zentralfigur des Eroberung- und Vernichtungskrieges: Das ist der reale Albert Speer bis 1945», beschreibt ihn der stellvertretende Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Er habe für die Verlängerung des Krieges gesorgt und unzählige Menschen geopfert, um den Sieg des Nationalsozialismus zu erreichen und sich in der Endphase des Krieges ernsthaft als potenzieller Nachfolger Hitlers gesehen.

In seiner umfassenden Studie bemängelt Brechtken klar und stringent den unkritischen Umgang mit Speer (1905-1981) im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, während der Spandauer Haft und nach dem Ende seiner 20-jährigen Gefängnisstrafe 1966. Speer habe die Möglichkeit zur Deutung seiner eigenen Vita und seiner Verantwortung im Nationalsozialismus erhalten. Brechtken zufolge ergreift der NS-Rüstungsminister und Architekt die Chance, die ihm geboten wird, um sein eigenes Handeln, seinen Werdegang und sein Machtstreben zwischen 1933 und 1945 zu vernebeln.

Die Mär vom verführten Großbürger ist für den Münchner Professor ein verantwortungsloser Umgang mit den historischen Fakten und den Beweggründen des machthungrigen Vertreters der nationalsozialistischen Führungsriege. «Es hieße Speers Intelligenz zu missachten, wollte man annehmen, dass er nicht hörte und verstand, was Hitler sagte.»

Der 1905 in Mannheim geborene Albert Speer trat am 1. März 1931 mit der Mitgliedsnummer 478 481 in die NSDAP ein. Zunächst versuchte er, als Architekt seinen Einfluss im Regime zu stärken und war schließlich Chef auch für die Planung der umfassenden Umgestaltung Berlins. Speer zog in den Folgejahren immer mehr Aufgabengebiete an sich und war für Millionen Menschen verantwortlich. 1942 wurde Speer Rüstungsminister und damit auch federführend beim Einsatz Tausender Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Anders als der Thüringer Gauleiter und Generalbevollmächtigte für die Zwangsarbeit, Fritz Sauckel, wurde Speer hierfür in Nürnberg nicht zum Tode verurteilt. Brechtken bilanziert in seiner Studie: «Sauckel lieferte, was Speer für die Rüstungsmaschinerie wünschte.»

«Mit seinem Auftritt in Nürnberg begann Speers Selbststilisierung für die deutsche Nachkriegsgesellschaft», schreibt Brechtken. Für die Öffentlichkeit sei der ehemalige Rüstungsminister als bedauernswerter Held im Kerker erschienen, der als «Retter der deutschen Industrie», als «Widerständler» gegen Hitler und «genialer Organisator» der Prototyp des aufrechten Bürgers gewesen sei. Während er sich selbst in die Nähe der Attentäter vom 20. Juli 1944 brachte, hinterfragten die Ankläger nicht seine Rolle in der Judenpolitik und sein Engagement in Auschwitz.

«Nach seiner Entlassung 1966 fand Speer in Wolf Jobst Siedler und Joachim Fest zwei ideale Mitkonstrukteure für seine Fabelgeschichten», bilanziert Brechtken. Der Verleger Siedler (1926-2013) und der Autor Fest (1926-2006) präsentierten der Öffentlichkeit ihren Wunsch-Speer. Aus den überlieferten Bemerkungen sei nicht erkennbar, dass sie die historisch-faktischen Behauptungen Speers durch eigene Recherchen zu Speers «Erinnerungen» geprüft hätten. Fest habe wissenschaftliche Standards missachtet. «Speers «Erinnerungen» erzählen die Fabel vom unbedarften Bürgersohn, der sich plötzlich von unappetitlichen braunen Typen umgeben sieht.»

«Von allen nachträglichen Leugnungen und Vernebelungen seiner Taten im Nationalsozialismus war die Distanz-Legende zu Heinrich Himmler und der SS Speers größter Erfolg», konstatiert Brechtken. «Die Fakten waren eindeutig: Speer und Himmler hatten über viele Jahre gemeinsam daran gearbeitet, die Eroberungs- und Vernichtungsmaschinerie auf höchste «Effizienz» zu trimmen.» Umworben als Zeitzeuge, kaum hinterfragt - Jahrzehnte wurde in Speer der «verführte Technokrat» und «gute Nazi» gesehen.

Die Auswirkungen für Wissenschaft und Öffentlichkeit sind für Brechtken immens. «Ein substanzieller Teil dessen, was im laufe der Jahrzehnte über das Dritte Reich produziert wurde, ist von Speers Legende durchwoben.» Das Blendwerk des Naziführers und die Fehler der Wissenschaft boten so auch eine willkommene Entschuldigung für die Mitläufer und Karrieristen in Nazi-Deutschland, die letzten Endes keine Bedenken gegen den Krieg, den Holocaust, die Versklavung und Verfolgen von Millionen Menschen hatten.

- Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler Verlag, München, 910 Seiten, 40,00 Euro, ISBN 978-3-8275-0040-3.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen