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400 Jahre Shakespeare : Der Menschenerfinder

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dichter, Schauspieler und Theaterunternehmer in Personalunion – William Shakespeare gilt als der einflussreichste Autor aller Zeiten. Vor 400 Jahren, am 23. April 1616, starb der geniale Autor in Stratford-upon-Avon.

In seinen Gedichten und Theaterstücken treffen wir auf knabenhafte Frauen und ängstliche Männer, eifersüchtig Liebende und zweifelnde Rächer, renitente Kinder und schwache Ehemänner, kriminelle Herrscher und rebellierende Clans. Shakespeares Figuren sind widersprüchliche, zerrissene Individuen. Das Theater verstand er als Chronik des Zeitalters und Spiegel der Seele: Schauspieler sind Stoff, aus dem die Träume sind („Der Sturm“), und die Welt ist die Bühne, auf der jeder ein Leben lang viele Rollen spielt („Wie es Euch gefällt“).

Ein Mann voller Fragen Indem William Shakespeare das Rätselhafte des Menschen beschwor, bleibt er bis heute selbst ein Rätsel. Kann es sein, dass ein mäßig gebildeter Bürgersohn in der Lage ist, die Komplexität des menschlichen Lebens derart vollständig und mit weiser Milde abzubilden? Weil sein monumentales, genialisches Werk dabei nie trocken-akademisch, sondern prall und sinnlich daherkommt, wird die in seinem Namen versammelte Philologen-Gemeinde zusätzlich misstrauisch. In regelmäßigen Abständen taucht daher die Frage auf: Wer war Shakespeare, und gab es ihn überhaupt? War er vielleicht ein anderer? Steckt gar ein ganzes Kollektiv von Autoren hinter dem frühneuzeitlichen Label „Shakespeare“?

Und noch eine Frage treibt seine Anhänger um – ausgelöst durch die Tatsache, dass der Elisabethaner viele seiner Stücke in Italien angesiedelt hat, ohne das Land belegbar bereist zu haben. Sind Shakespeares frappierende Italienkenntnisse, die er in „Romeo und Julia“, „Der Kaufmann von Venedig“, „Was ihr wollt“ und vielen anderen Stücken durch präzise Ortsangaben beweist, eigener Anschauung oder reiner Imagination zu verdanken? War er selbst in Italien oder kannte er das Land nur aus der damals boomenden Reiseliteratur und aus Gesprächen in Londoner Tavernen? Ist Shakespeare der dreisteste Hochstapler der Literaturgeschichte?

Was wir wissen Forscht man über das Leben des am 26. April 1564 getauften Mannes aus Stratford-upon-Avon, stößt man tatsächlich auf auffallende Lücken. Die Tatsachen sind spärlich. Was wir gesichert wissen: Sein Vater war ein wohlhabender Gerber und Handschuhmacher, der 1592 für seine Familie das Adelswappen erhielt. William besucht eine Lateinschule, was die in den Stücken und Gedichten dokumentierte profunde Kenntnis der antiken Mythen erklärt. 1582 heiratet er eine gewisse Anne Hathaway, mit der er drei Kinder hat. Zwei Töchter überleben; Sohn Hamnet stirbt im Alter von elf Jahren – ein schmerzlicher Verlust, den der Vater in einem seiner berühmtesten Stücke verarbeitet. 1602 beendet er das Drama um den fast namensgleichen dänischen Prinzen „Hamlet“.

Die Annalen sehen Shakespeare um 1587 in London, wo er bald darauf mit dem blutrünstigen Königsdrama „Richard III“ seinen ersten Erfolg als Schauspieler und Dramatiker feiert. Damals sind die umherziehenden Schauspieltruppen vogelfrei; wohl denen, denen adelige Gönner Namen, Spielprivilegium und Rechtsschutz verleihen. Shakespeares Männer – Frauen sind auf der Bühne des Elisabethanischen Theaters  nicht gestattet – gehören dazu: William ist unter anderem Mitglied der privilegierten Schauspieltruppe der „King’s Men“ und darf vor dem König von England auftreten. Trotz seiner Erfolge steht der Bürgersohn mit beiden Beinen im Leben: Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist er weiter als Geschäftsmann unterwegs, kauft Immobilien und handelt mit Getreide. Er wird Mitinhaber und Geschäftsführer des Globe Theatres und erwirbt Eigentums- und Gewinnanteile an anderen Theatern. Ab 1610 lässt sich Shakespeare wieder in Stratford nieder. Das Vermögen, das er als Dichter und Schauspieler, aber auch als Theaterunternehmer und Geschäftsmann angehäuft hat, sichert ihm seinen Lebensabend als Privatier. 1616 stirbt er in seinem Geburtsort.

„Die Zeit ist aus den Fugen“ Historiendramen, Komödien, Romanzen, Tragödien: Bis heute sind die Originalmanuskripte der über 30 Shakespearschen Stücke unauffindbar. Theaterleute halten sich daher an die erste Gesamtausgabe aus dem Jahr 1623, die im deutschsprachigen Raum nach den wegweisenden, aber romantisch-prüden Übertragungen von Christoph Martin Wieland, August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck in dem Freiburger Theaterkenner Frank Günther einen kongenialen zeitgenössischen Übersetzer gefunden hat. Meist taucht sein Name auf den Theaterzetteln auf, wenn Shakespeare heute bei uns gespielt wird. Und gespielt wird er auf den Bühnen der Welt nach wie vor – mehr als jeder andere Autor.

Was hat er also, was andere nicht haben? Neben einer ganzen Reihe handwerklicher Qualitäten – wie etwa die stupende Kunstfertigkeit seiner Dialoge und der unnachahmlichen Art, Hochgeistiges und Banales zum Drama des Menschlichen zu verschmelzen – ist dies vor allem die Tatsache, dass Theaterleute und Zuschauer ihren Shakespeare gleichermaßen uneingeschränkt lieben. Ungeschminkt, aber lustvoll erkennen sie sich in seinen Figuren wieder. Denn Shakespeare wusste schon damals, was es heißt, ein Mensch der Moderne zu sein. Solche Menschen des Übergangs sind wir auch heute wieder – hin und her geworfen zwischen dem Vertrauen auf Ordnung und Überschau einerseits und der panischen Angst vor Chaos und Anarchie andererseits. Sein Theater ist wahrhaftig ein Spiegel seines und damit auch unseres Zeitalters: Zeiten zwischen Erstarrung und reformatorischem Esprit, zwischen Autorität und Revolte. Weil Hamlets Erkenntnis: „Die Zeit ist aus den Fugen“ heute eine globale Erfahrung ist, wird Shakespeare mit Erfolg auch in Brasilien, China, Jordanien und Indien gespielt.

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