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Literatur : Der kleine Prinz ist frei

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weil die Rechte am Klassiker von Saint-Exupery abgelaufen sind, erlebt das Büchlein einen neuen Boom

Es ist das erfolgreichste Kinderbuch aller Zeiten, in 270 Sprachen und Dialekte übersetzt. Mit Beginn des Jahres waren die Rechte am Megaseller von Antoine Saint-Exupery freigeworden. Im Vorfeld hatten sich Verlage regelrecht auf das Büchlein gestürzt: Es erscheint auch in deutscher Sprache in mehreren neuen Übersetzungen. Selbst der 85 Jahre alte Hans Magnus Enzensberger hat sich daran gemacht, die Geschichte vom blonden Wuschelkopf neu zu übertragen, der Deutsche Taschenbuch  Verlag  ließ 40 000 Exemplare drucken.

Neben ihm liefern Peter Stamm (Verlag S. Fischer, erscheint im April) und Ulrich Bossier (Reclam) neue Fassungen. Zudem haben mehrere Hörbuchverlage eigene Übersetzungen in Auftrag gegeben.

Der Karl Rauch Verlag in Düsseldorf, der über 60 Jahre lang das Privileg hatte, den „Kleinen Prinzen“ exklusiv verkaufen zu dürfen, erwirtschaftete damit ein Vermögen. Die deutsche Auflage beläuft sich auf etwa elf Millionen Exemplare, sieben Millionen davon im Taschenbuch. In der Schweiz und in Österreich sind weitere zehn Millionen unters lesende Volk gebracht worden.

Antoine de Saint-Exupery, 1900 in Lyon geboren, war ursprünglich Pilot, Schriftsteller nur nebenbei. Nach dem Wehrdienst hätte er als Berufsoffizier bei der Luftwaffe bleiben können, doch seiner damaligen Verlobten war das zu gefährlich. Er schrieb einige Bücher, keines war sonderlich erfolgreich – bis 1943 „Le Petit Prince“ erschien. Nur ein Jahr später, im Juli 1944, stürzte er mit seinem Flugzeug über dem Mittelmeer ab. Es wurde nie geklärt, wie es dazu kam. Da Saint-Exupery an einer Depression litt, wird ein Selbstmord nicht ausgeschlossen.

„Der kleine Prinz“ gehört mit mehr als 140 Millionen verkauften Exemplaren neben der Bibel und dem Koran zu den meistverbreiteten Büchern der Welt. Konzipiert ist es als Kinderbuch, doch es wird auch von vielen Erwachsenen gelesen.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, heißt es darin. Enzensberger versimpelt das zu „Man begreift nichts, wenn das Herz nicht dabei ist“. Aber alle Versuche der letzten Jahrzehnte, die Sprache Saint-Exuperys aufzufrischen, blieben ohne Anerkennung. Deutschsprachige beharren auf der Erstübersetzung von Grete und Josef Leitgeb (1950) – mit der Melancholie und Verträumtheit, die manche Kritiker für Kitsch halten. In der Tat hat der Text etwas Süßliches, die Story ist skurril. Ein kleiner Junge gelangt auf den Asteroiden B 612, später kommt er auf die Erde. Nur im ungezähmten Fuchs und der geheimnisvollen Schlange sowie der schönen Rose begegnet der kleine Prinz der Ursprünglichkeit des Lebens. Das Buch ist als Kritik an der Erwachsenenwelt (den „Großen“), ja am Kapitalismus gedeutet worden. Beklagt werden der Werteverfall der Gesellschaft, der Verlust an Moral und Harmonie. Die wichtigsten Erkenntnisse – „das Wesentliche“ – der menschlichen Existenz sind verloren gegangen, der Mensch hört nicht mehr auf sein Inneres.

Diese Botschaft ist in unserer Zeit aktueller denn je. Hans Magnus Enzensberger will den Bestseller wieder zum Buch für Kinder machen. Er hat dem Text das allzu Liebliche genommen, die Geschichte kommt lapidar daher, mit Begriffen wie „tipptopp“ oder „ganz doof“. So ist der Text weniger schwermutbeladen, lässt vielleicht mehr Raum für andere Assoziationen.

„Der kleine Prinz“ beschäftigt ein Unternehmen, das vor allem eine Erbengemeinschaft ist. Das Geld wird mit Logo und Nippes gemacht, Tassen, Teller, T-Shirts. Die Pariser „Succession Antoine de Saint-Exupery-d’Agay“ betreibt seit kurzem einen „Petit Prince“-Freizeitpark bei Straßburg. Der Kommerz brummt. Nur das Büchlein vermittelt noch die stille Herzensbotschaft des Autors.
 

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