Der Käpt’n und sein „Tabu“

Ein Foto des Malers Otto Niemeyer-Holstein in seinem Atelier in Lüttenort bei Koserow auf usedom Fotos: stefan sauer
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Ein Foto des Malers Otto Niemeyer-Holstein in seinem Atelier in Lüttenort bei Koserow auf usedom Fotos: stefan sauer

Vor 30 Jahren starb der Usedom-Maler Otto Niemeyer-Holstein in Lüttenort auf Usedom – sein Anwesen ist heute Museum

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18. Februar 2014, 16:17 Uhr

Für Freunde und Bekannte war der Maler Otto Niemeyer-Holstein der „Käpt'n“. Er lebte in seinem selbstgeschaffenen Refugium Lüttenort am Achterwasser; dort, wo die Ostsee-Insel Usedom am schmalsten ist. Am Ufer lag sein Segelboot. Vor 30 Jahren, am 20. Februar, ging der „Käpt’n“ mit 87 Jahren von Bord. Seine Frau Anneliese, genannt „Stürmann“ (Steuermann), starb wenig später.

Zurück blieben ein Anwesen und ein Lebenswerk, dessen Thema vor allem Landschaften sind, das Meer, Porträts und Akte, Stillleben. Besonders der Expressionismus und die Neue Sachlichkeit, später der Impressionismus, beeinflussten Otto Niemeyer-Holstein bis in sein Spätwerk. Der Namenszusatz Holstein weist auf seine Herkunft hin: Otto Niemeyer wurde am 11. Mai 1896 in Kiel geboren. 1939 siedelte er aus Berlin endgültig auf die Insel Usedom über, wo er schon seit 1933 die Sommer in einem ausrangierten S-Bahn-Wagen verbracht hatte.

„Arbeiten, arbeiten, arbeiten“ war das Motto des Künstlers, berichtet die Malerin Irene Sohler. Sie saß dem Künstler als Studentin Modell. Ihr Dozent an der Universität Greifswald habe sie zu ONH, wie er signierte, geschickt. Wie viele andere auch sollte sie bei ihm lernen. Dafür malte er mit einem Spiegel im Rücken, in dem die Modelle ihn bei der Arbeit beobachten konnten. „Als meinen Lehrer würde ich ihn aber nicht bezeichnen“, sagt Sohler. Für viele jüngere Kollegen war er eine Instanz in der Malerei. Auch sie habe große Achtung vor ihm gehabt, erinnert sich Sohler. Damals ahnte sie noch nicht, dass sich ihr Leben noch enger mit dem Maler und Grafiker verknüpfen sollte.

Sie wusste von der Verfügung des Ehepaars Niemeyer, dass „Lüttenort“ einmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Schon zu Lebzeiten des Künstlers war es ein fast öffentlicher Ort. Junge Maler besuchten ihn, aber es kamen auch Verehrerinnen und Verehrer einfach vom Strand herüber. Der Künstler zog sich dann gerne in sein „Tabu“ zurück, sein Atelier, in dem er nicht gestört werden durfte. Als er starb, bewarb sich Irene Sohler um die Leitung des Gedenkateliers.

Sie arbeitete von 1985 bis 1989 in Lüttenort und entwickelte das Anwesen gemeinsam mit der Kunsthalle Rostock zu einem Museum. Heute können der Garten mit Skulpturen befreundeter Künstler und das Wohnhaus besichtigt werden, dessen Herzstück der alte S-Bahn-Wagen geblieben ist. Das Ateliergebäude „Tabu“ wurde um einen modernen Anbau erweitert, in dem heute Ausstellungen und ein Film über den Maler zu sehen sind. Niemeyer-Holstein hatte selbst kurz vor seinem Tod zwei Architekten mit Entwürfen für einen Galerieanbau beauftragt.

Das Museum zählt nach Angaben der heutigen Leiterin Franka Keil rund 20 000 Besucher pro Jahr. Derzeit ist eine Ausstellung von Bildern Niemeyer-Holsteins und der Usedomer Maler Oskar Manigk und Matthias Wegehaupt zu sehen, im April folgen Ausstellungen mit Arbeiten von Sabine Curio und Dietrich Becker. Zum Todestag gibt es keine Veranstaltungen, das Museum schaut lieber voraus. In zwei Jahren steht der 120. Geburtstag des Künstlers bevor.

In der Ausstellung „Selbstbildnisse“ das Malers, die im Oktober beginnt, werde seine Biografie eine besondere Rolle spielen, kündigte Keil an. Auch zum Beginn des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren werde ein Zusammenhang hergestellt: Niemeyer-Holstein begann nach seiner Kriegsverletzung zu malen und zu zeichnen.


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