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Kultur

18. November 2017 | 05:55 Uhr

Anklam : Der gefälschte Flug

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Anklamer Museumsdirektor Bernd Lukasch hat jetzt ein historisches Foto mit dem schwebenden Otto Lilienthal als Montage entlarvt.

Der Flugpionier Otto Lilienthal (1848-1896) schwebt mit seinem Hängegleiter über einer Stadt mit Kirchturm und Häusern, im Vordergrund des Bildes breitet sich eine idyllische Wasserfläche aus. Das Foto, das wohl von 1894 stammt, lässt ein weiteres verwegenes Abenteuer Lilienthals vermuten, der zwei Jahre später an den Folgen eines missglückten Fluges starb.

Doch die Aufnahme ist eine Fälschung, eine Montage, die zwar Lilienthal bei einem seiner Flugversuche zeigt – allerdings nicht kreisend über der Stadt, die sich unter seinen Füßen ausbreitet.

Mitarbeiter des Otto-Lilienthal-Museums in Anklam haben jetzt das Rätsel um dieses ungewöhnliche Bild gelöst, das zusammen mit dem fotografischen Nachlass bereits seit 1999 im Museum verwahrt wird. „Die Skyline gehört zu Spandau, einer damals noch eigenständigen Stadt vor den Toren Berlins“, sagt Museumsdirektor Bernd Lukasch. Anhand von aktuellen Bildern und einem Vorort-Besuch hat er den Standort identifiziert.

Ein genauer Blick auf das Bild zeigt, dass sich der Hintergrund um den fliegenden Lilienthal heller vom Himmel abhebt. Lukasch vermutet: Der Fotograf hat auf den großformatigen Kollodium-Papierabzug mit der Skyline Spandaus ein zweites Glasnegativ gelegt und – wie damals üblich – in der Sonne belichtet. Das Original-Bild vom  fliegenden Lilienthal entstand am Hauptmannsberg bei Stölln – seinem favorisierten Flugplatz. Es wurde 1893 vom Lilienthal-Fotografen  Alex Krajewsky gemacht, dieser hatte sein Atelier in Spandau.

Der englische Luftfahrt-Historiker Charles H. Gibbs-Smith bezeichnet Lilienthal als den vielleicht ersten „Medienstar“. Die fotografische Dokumentation der Flüge sei ihm fast ebenso wichtig gewesen wie seine Flugversuche selbst. Vielfach lud der Pilot Fotografen zu seinen Flugversuchen ein, um seine Flugapparate wie auch die Flüge dokumentieren zu lassen.

„In Berlin kamen damals zwei innovative Entwicklungen zusammen: Die Erfindung der Momentfotografie und die Flugversuche von Lilienthal“, sagt Museumschef Lukasch. Eine glückliche Fügung, die dazu führt, dass es von Lilienthals Flugversuchen vor 120 Jahren noch heute vergleichsweise viele Aufnahmen gibt.

Doch der Lilienthal-Experte Lukasch selbst hat Zweifel daran, dass der Hängegleiter-Pilot die Aufnahme mit der Spandau-Skyline aus PR-Zwecken anfertigen ließ und führt dafür zwei Gründe an: „Das spektakulär anmutende Foto wurde nie veröffentlicht – ist einmalig nur im Lilienthal-Nachlass zu finden.“ Zudem sei der Ingenieur Lilienthal kein Hochstapler – zu sehr war er Techniker und trotz seiner waghalsigen Flugexperimente auf Seriosität bedacht.

In einem Vortrag im Jahr 1894 vor der Polytechnischen Gesellschaft in Berlin versucht Otto Lilienthal, die Begeisterung an seinen Flügen zu dämpfen: „Zum Schluss möchte ich Sie noch bitten, das von mir Erreichte nicht für mehr zu halten, als es an und für sich ist. Auf den Photographien, wo sie mich hoch in der Luft dahinfliegen sehen, macht es den Eindruck, als wäre das Problem schon gelöst. Das ist durchaus nicht der Fall.“ Vielmehr sei das bisher Erreichte für den Flug der Menschen nichts anderes als die ersten unsicheren Kinderschritte für den Gang des Mannes. Lu-kasch geht deshalb eher davon aus, dass es sich bei dem Bild vom fliegenden Lilienthal über Spandau um ein originelles Scherzgeschenk des Fotografen an den Flugpionier handelt – möglicherweise zum Geburtstag.

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