Im Fokus : Der Aufstieg afrikanischer Kunst

Der Ghanaer El Anatsui verkleidete 2013 die Fassade des Burlington House in London.
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Der Ghanaer El Anatsui verkleidete 2013 die Fassade des Burlington House in London.

Noch vor wenigen Jahren machte Kunst aus Afrika kaum Schlagzeilen. Inzwischen ist sie ein hochgehandelter Geheimtipp. Sammler konkurrieren, Preise ziehen an.

svz.de von
18. September 2017, 12:02 Uhr

Vorbei sind die Zeiten, in denen afrikanische Kunst mit Holzschnitten, Masken und ethnischen Malereien gleichgesetzt wurde. Eine neue Generation zeitgenössischer Künstler des Kontinents ist inzwischen zum festen Bestandteil der globalen Kunstszene geworden.  

«Der Markt für moderne und zeitgenössische Kunst aus Afrika hat sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch entwickelt», sagt Hannah O'Leary, Kunst-Expertin des berühmten Londoner Auktionshauses Sotheby’s. Kunst aus Afrika gelte mittlerweile als «spannend, innovativ und relevant», sagt O’Leary und bezeichnet das relativ neue Interesse als «längst überfällig».

Der Lackmustest für O’Learys These war eine Auktion im Mai, bei der Sotheby’s erstmals ausschließlich zeitgenössische und moderne Kunst aus Afrika versteigerte. 100 Werke von 60 Künstlern aus 14 afrikanischen Ländern standen zum Verkauf. Bieter ersteigerten den Großteil der Werke für insgesamt 30,5 Millionen Euro - und setzten damit auf dem globalen Kunstmarkt ein wichtiges Signal.

Viele der Werke erzielten rekordverdächtige Preise, wie beispielsweise eine der mittlerweile ikonischen Skulpturen aus Kronkorken, Flaschendeckeln und Kupferdraht des Ghanaers El Anatsui, die für rund 800 000 Euro ersteigert wurde. Auch die auf etwa 150 000 Euro geschätzte Skulptur «Crash Willy» des britisch-nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare habe mit 244 000 Euro einen wesentlich höheren Preis erzielt als erwartet, so O’Leary. Künstler wie António Ole aus Angola, Pascale Marthine Tayou aus Kamerun, Abiodun Olaku aus Nigeria sowie Armand Boua aus der Elfenbeinküste seien ebenfalls heiß umworben worden.

Auktionshäuser wie Sotheby’s leisten einen wichtigen Beitrag dazu, das Rampenlicht auf afrikanische Künstler zu werfen. Auch auf der Biennale in Venedig und der documenta in Kassel wurden in vergangenen Jahren verstärkt afrikanische Künstler repräsentiert. Die Stiftung des Pariser Luxuslabels Louis Vuitton stärkte den Trend im Mai mit einer dreiteiligen Mega-Ausstellung afrikanischer Künstler. Dazu kommt die Fachmesse 1:54, die im Oktober zum fünften Mal Kunst aus Afrikas Ländern in London ausstellen wird.

«All diese Veranstaltungen tragen erheblich zu einem gesteigerten internationalen Ansehen afrikanischer Kunst bei», sagt Emma Bedford, Kuratorin und Direktorin des südafrikanischen Auktionshauses Aspire. Somit werde Kunst aus Afrika nun auch verstärkt von Top-Museen wie Londons Tate Modern oder New Yorks Museum of Modern Art (MoMA) angekauft. Selbst Touristen reisten mittlerweile nicht nur nach Afrika, um sich Elefanten und Löwen in Nationalparks anzuschauen, sondern auch die Kunst, meint Bedford.

In vielen Teilen Afrikas setzen pulsierende Kunstszenen neue Trends: das RAW Kunstzentrum im senegalesischen Dakar, das Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Nigerias Wirtschaftsmetropole Lagos oder die ugandische Kunststiftung 32º East in Kampala. Im Kempinski Hotel in Ghanas Hauptstadt Accra eröffnete der britisch-libanesische Unternehmer und Sammler Marwan Zakhem unlängst eine Galerie für zeitgenössische Kunst (Gallery 1957), um «die schon jetzt lebendige Kunstszene Accras ins internationale Rampenlicht zu stellen».

Natürlich sei nicht alles rosig, sagen die Experten. Zeitgenössische afrikanische Kunst bleibe weltweit noch immer unterrepräsentiert. Auch dürfe man nicht vergessen, dass «zeitgenössische afrikanische Kunst» ein eindimensionaler Sammelbegriff für mehr als 50 Länder, mehr als eine Milliarde Menschen, zehntausende Ethnien, mehr als 2000 Sprachen und dutzende von Religionen sei. Vielen jungen afrikanischen Künstlern fehle es noch immer an institutioneller Unterstützung.

Der am stärksten etablierte Kunstmarkt des Kontinents befindet sich zweifelsohne am Südzipfel, im wirtschaftsstarken Südafrika. In Johannesburg und Kapstadt reihen sich dutzende von Galerien und Museen aneinander; der frisch sanierte Maboneng Distrikt in Johannesburg ist ein Schmelztiegel für Kunst und Kultur.

Nun will der ehemalige Puma-Chef Jochen Zeitz noch eins drauf setzen. Am 22. September wird das von ihm gegründete Zeitz Museum of Contemporary African Art, kurz Zeitz MOCAA, in Kapstadt seine Türen öffnen. Zeitz hofft, dass das Mega-Museum, das sich in einem von dem Stararchitekten Thomas Heatherwick sanierten historischen Getreidesilo auf der berühmten Einkaufs- und Vergnügungsmeile V&A Waterfront befindet, jährlich hunderttausende Besucher aus aller Welt anzieht.

Das Zeitz MOCAA werde einen «gewaltigen Beitrag zur Wertschätzung afrikanischer Kunst» leisten, glaubt Paul Harris, ein südafrikanischer Kunstsammler, dessen private Kollektion von mehr als 1000 Werken in seinem Hotel «Ellerman House» in Kapstadt permanent ausgestellt ist. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, um in Kunst aus Afrika zu investieren, meint Harris. «Das Interesse und das Verständnis von afrikanischer Kunst steigen rasant, und die Qualität, die man für den Preis bekommt, ist bemerkenswert.»

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