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Kultur : Der Armut ins Gesicht geschaut

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Eine in Schwerin gestartete Wanderausstellung macht das Tabuthema öffentlich

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erstellt am 19.Feb.2016 | 12:19 Uhr

Die gelernte Bürokauffrau, die keine Anstellung findet und die im Moment Bundesfreiwilligendienst leistet, um nicht untätig zu Hause hocken zu müssen. Der ehemalige NVA-Offizier, der trotz zahlreicher Weiterbildungen nirgends eingestellt wird: mal, weil er überqualifiziert ist, mal, weil ihm relevante Berufserfahrung fehlt. Oder die Fachverkäuferin, die fünf Kinder großgezogen hat und die sich nun als Erwerbslose die Ausbildungsvergütung ihres Sohnes auf ihre Grundsicherung anrechnen lassen muss. Ihnen allen begegnen Besucher des Schweriner Stadthauses, wenn sie selbst Hilfen beantragen müssen – für den eigenen Lebensunterhalt oder den ihrer Kinder.

Gestern wurde dort die Ausstellung „Gesichter der Armut“ eröffnet, für die der Neubrandenburger Fotograf Bernd Lasdin 30 Frauen, Männer und Familien aus dem Nordosten nicht nur in ihrem privaten Umfeld porträtiert, sondern auch um eine persönliche Stellungnahme gebeten hat.

Es sind ehrliche Gesichter, in die man schaut. Gesichter von Menschen, die ihren Blick nicht senken, weil sie sich ihre Würde nicht nehmen lassen, weil sie wissen, dass sie in ihrem Leben etwas geleistet haben. Und doch sind diese Menschen, gemessen am bundesdeutschen Durchschnittseinkommen, arm – so wie jeder Vierte im Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern.

„Mecklenburg-Vorpommern ist arm an Menschen, aber reich an armen Menschen“, konstatierte Dr. Wolfgang Weiß von der Universität Greifswald gestern. Er gehört zu den Autoren eines Forschungsberichtes über „Aspekte der Armut in Mecklenburg-Vorpommern“, den die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Auftrag gegeben hatte. Die Ausstellung, so Mecklenburg-Vorpommerns AWO-Landesgeschäftsführer Rudolf Borchert, soll nun die Menschen hinter den bereits im September 2015 veröffentlichen Zahlen und Statistiken sichtbar machen. Damit verbunden sei die Hoffnung, dass das Thema so in der Gesellschaft auf mehr Sensibilität stoße. „Derzeit entsteht der Eindruck, in der Politik steht Reichtumsförderung im Mittelpunkt und nicht die Bekämpfung der Armut“, kritisierte Borchert.

Auch Schwerins Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) sieht die Bekämpfung der Armut als eine große Herausforderung an, der sich die gesamte Gesellschaft stellen muss – und nicht, wie es heute aussieht, in erster Linie die Kommunen. Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt trage hier eine besonders große Last: Während die Sozialausgaben pro Kopf im vergangenen Jahr im Durchschnitt des Nachbarlandes bei 830 Euro lagen, betrugen sie in Schwerin 1300 Euro pro Einwohner. Jeder zweite Euro werde in der Stadt für die soziale und familiäre Absicherung der Bürgerinnen und Bürger ausgegeben – das sei gut so, aber letztlich nicht zufriedenstellend. Denn, so Gramkow: „Wir haben für alles, was Symptom von Armut ist eine Antwort. Aber für das, was Ursache der Armut ist, gibt es weder Rezepte noch Geld.“

Wie bitter nötig Letztere sind, zeigen die Ergebnisse der AWO-Studie: Gemessen am Bundesdurchschnitt weist demnach MV nach Bremen die höchste Armutsgefährdungsquote in Deutschland auf: Während 2014 im Bundesdurchschnitt 15 Prozent der Einwohner als armutsgefährdet galten – also weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hatten –, waren es in MV 21 Prozent. Besonders betroffen sind gering Qualifizierte, Familien mit mehr als zwei Kindern und Alleinerziehende.

Dabei sind gegenüber landläufiger Vorurteile Arbeitslose und von Armut betroffene Menschen aber überwiegend keineswegs passiv oder gar faul, betont Dr. Andreas Klärner von der Universität Rostock ein weiteres Studienergebnis. „Viele sind ehrenamtlich engagiert und versuchen, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen.“

Prof. Ulf Groth von der Hochschule Neubrandenburg warnt, wenn es um das Thema Armut geht, vor einer hohen Dunkelziffer: Allein in Mecklenburg-Vorpommern würden mindestens 30 000 Haushalte ihnen zustehende Sozialleistungen nicht in Anspruch nehmen – aus Unkenntnis, aber auch, weil die entsprechenden Ämter für sie überhaupt nicht mehr erreichbar seien. Oder weil sie sich schämen.

Das hat auch Fotograf Bernd Lasdin zu spüren bekommen, dem es diesmal so schwer wie nie zuvor fiel, Menschen zu finden, die ihm mit seiner Kamera Zutritt in ihr privates Umfeld gewährten. Bereits 30 Jahre lang betreibt er Sozialstudien. Vor mehr als zehn Jahren hat er unter anderem für das Buch- und Ausstellungsprojekt „Jenseits des Wohlstands“ 80 Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger porträtiert. „Damals haben höchstens zwei bis drei Prozent abgelehnt, sich fotografieren zu lassen.“ Für die „Gesichter der Armut“ habe er nicht einmal im Obdachlosenhaus, „wo das früher ganz einfach war“, jemanden gefunden, der bereit war mitzumachen. „Die Zeiten sind härter geworden - generell“, konstatiert der Künstler.

„Selbst eine Sprechstundenhilfe beim Allgemeinarzt muss, wenn sie alleinerziehend ist, heute oft aufstocken“, weiß die Neubrandenburgerin Renate Klopsch, die seit zwölf Jahren ehrenamtliche Kommunalpolitikerin ist. „Denen sieht man nicht an, dass sie arm sind, und sie wollen auch nicht als solche erkannt werden.“

Renate Klopsch dagegen hat sich von Bernd Lasdin porträtieren lassen – als eines von 30 Gesichtern der Armut. Sie hätte zuletzt als Leiterin einer Begegnungsstätte 6,92 Euro in der Stunde verdient, erzählt sie. Doch gerade, weil sie selbst mit wenig auskommen muss, erzürnt es die 64-Jährige, wenn Menschen mit kleinem Geldbeutel  als „sozial  schwach“ abgestempelt werden. Denn Schwäche könnten sie sich gar nicht leisten, wenn sie im Alltag bestehen wollten.

Service

Die Wanderausstellung „Gesichter der Armut“ wird bis zum 30. März im Schweriner Stadthaus (Am Packhof 2-6) gezeigt: montags von 8 bis 16 Uhr, dienstags und donnerstags von 8 bis 18 Uhr sowie an jedem ersten und dritten Sonnabend von 9 bis 12 Uhr.

Anschließend wird die aus Mitteln der Glücksspirale finanzierte AWO-Ausstellung in Rostock gezeigt. Auch in Waren, Neustrelitz und  Neubrandenburg soll sie zu sehen sein.

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