Sein Vater starb vor 70 Jahren : Der Abschuss des kleinen Prinzen

„Der Kleine Prinz“ machte den Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry berühmt. Mit einer Auflage von 145 Millionen Exemplaren ist es das zweitverbreiteste Buch der Welt.
„Der Kleine Prinz“ machte den Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry berühmt. Mit einer Auflage von 145 Millionen Exemplaren ist es das zweitverbreiteste Buch der Welt.

Pilot der Luftwaffe Horst Rippert ist aller Wahrscheinlichkeit für den Tod von Antoine de Saint-Exupéry vor 70 Jahren verantwortlich

svz.de von
30. Juli 2014, 13:37 Uhr

Im hohen Alter machte der einstige Weltkrieg-II-Jagdflieger Horst Rippert aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr: „Ich habe gehofft und ich hoffe immer noch, dass es nicht Saint-Exupéry war“, sagte er im Jahr 2006. „Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich niemals geschossen. Nicht auf einen solchen Menschen.“ Doch heute gilt als höchstwahrscheinlich, dass der damals 22-jährige Pilot der Luftwaffe vor 70 Jahren, gegen Mittag des 31. Juli 1944, Antoine de Saint-Exupéry mit seiner P38-Lightning F5B, Nummer 233 abschoss – den Schöpfer des „Kleinen Prinzen“, der nach französischen Angaben in mehr als 270 Sprachen übersetzt wurde und mit einer Auflage von mehr als 145 Millionen Exemplaren das zweitverbreiteste Buch der Welt ist.

Die Geschichte des „Kleinen Prinzen“, der von seinem Heimatplaneten weg durchs Weltall reist und die Erde besucht, ist eine wunderbare, märchengleiche Geschichte über das Leben, die Werte, die es bestimmen sollten und die Bedrohungen, denen die Menschlichkeit ausgesetzt ist – durch Alltag, Oberflächlichkeit, Gewinnstreben und das Fehlen von Freundschaft.

Aber es ist auch eine sehr persönliche Geschichte, aus der sich die Trauer des Autors über die Zustände im besetzten Frankreich, seine Enttäuschung über sein Exilland Amerika und das schlechte Gewissen wegen seiner in Frankreich zurückgelassenen Frau Consuelo (die „Rose“ des kleinen Prinzen auf seinem Heimatplaneten) herauslesen lassen. Die Parabel auf die Freundschaft schließlich, die der Fuchs dem Prinzen schildert, ist ein kleines Meisterstück der Humanität. „Man sieht nur mit dem Herzen gut: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, verrät der Fuchs seinem neuen Freund zum Abschied.

In Sachen Freundschaft war Saint-Exupéry an diesem 31. Juli nicht unterwegs. Es ging um die Freiheit, um die Vertreibung der Deutschen aus dem seit 1940 von ihnen okkupierten Frankreich. Seit 1942 hatte die Wehrmacht auch den Süden besetzt. Hitler fürchtete damals die Invasion der „Festung Europa“ über das Mittelmeer, nachdem die Alliierten in Afrika Fortschritte erzielten. Nun war dieser Moment nahe und der 44-jährige Adlige, Buchautor und Humanist war von Korsika aus zu einem Aufklärungsflug gestartet, Richtung Alpen. Die Mission war Teil der Aufklärung vor demgeplanten zweiten D-Day: Nach der Landung in der Normandie am 6. Juni sollte am 15. August die alliierte Invasion in der Provençe starten, Frankreich auch von Süden über das Mittelmeer befreit, die Deutschen endgültig vertrieben werden.

Saint-Exupérys Mission wurde zum Fehlschlag mit tödlichem Ausgang. Über seinem Zielgebiet in den Alpen herrschte Nebel, er musste unverrichteter Dinge abziehen, kam nie auf der korsischen Heimatbasis wieder an. Jahrzehntelang blieb sein Schicksal unbekannt. Bis zum Jahr 1996, als sich im Schleppnetz eines Fischers sein Silberarmband mit eingraviertem Namen fand, nahe der Ile de Riou, südlich von Marseille. Die Trümmer seines Flugzeugs wurden im September 2003 geborgen, seine Maschine anhand der Seriennummer am 7. April 2004 offiziell identifiziert.

Im Zuge der Recherchen, die Saint-Exupérys Familie in Auftrag gegeben hatte, öffnete sich auch der 84-jährige Rippert. Er hatte die Maschine über dem Rhonetal in Richtung Marseille fliegend ausgemacht. Wahrscheinlich, so ein ehemaliger Pilotenkollege Saint-Exupérys, wollte der nach dem Misslingen seines eigentlichen Aufklärungsauftrags nicht mit leeren Händen zurückkommen – und beschloss, auf dem Rückweg den Hafen von Marseille oder Toulon zu fotografieren – zentrale Ziele für die Alliierten. In seine Aufgabe versunken, bemerkte er den über ihm fliegenden deutschen Jäger wohl nicht. Rippert, so seine Aussage, will die unbewaffnete Aufklärungsmaschine mit Drohmanövern gewarnt haben, auf die aber keine Reaktion erfolgte. Schließlich habe er auf die Tragflächen gezielt. Die P-38-Lightning stürzte steil ins Meer ab, niemand rettete sich durch Ausstieg, so Rippert.

„In unserer Jugend haben wir ihn alle gelesen, man hat seine Bücher bewundert“, sagt Rippert, der nach dem Krieg als Sportberichterstatter des ZDF arbeitete und dessen Bruder als Sänger Ivan Rebroff bekannt wurde. Das Buch, das Rippert und viele andere Flugbegeisterte damals vor allem so liebten, war „Nachtflug“, erschienen 1930, in dem „Saint-Ex“ über den letzten, tödlichen Flug eines Piloten schrieb. „Der Kleine Prinz“ erschien erst 1946 in Frankreich, 1950 in Deutschland.


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