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Wochenend-Interview : Das Walversprechen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Schauspielerin Petra Schmidt-Schaller über ihre Träume und ihre Filme

svz.de von
erstellt am 28.Mai.2016 | 12:00 Uhr

Der „Tatort“ ist für sie Geschichte – in starken Filmen wie „Ellas Entscheidung“ (ZDF, 30. Mai) ist Petra Schmidt-Schaller aber weiterhin höchst präsent. In einem Kreuzberger Café unterhalten wir uns über ihre Filme, Nacktheit vor der Kamera, Gespräche mit ihrer vierjährigen Tochter und ihren Traum, einmal neben einem Buckelwal zu tauchen.

Ihr größter Wunsch ist es, einmal im Leben neben einem Buckelwal zu tauchen. Wie nahe sind Sie der Erfüllung Ihres Traums denn schon gekommen?
Ach, das ist gerade so weit weg (lacht), es ist ganz furchtbar. Ich hoffe, dass ich nach dem nächsten Dreh wieder ein Stückchen vorankomme, müsste die zweite Stufe des Tauchscheins noch machen und mir dann langsam mal einen Ort suchen, wo ich mir den Wunsch erfüllen kann. Ich habe mir ein kleines inneres Ziel gesetzt: Es soll passieren, bevor ich 40 werde. Das heißt, ich gebe mir noch gute viereinhalb Jahre. Aber ich hoffe, dass es früher klappt.

Warum muss es ausgerechnet ein Buckelwal sein?

Ich liebe das Element Wasser. Das geht weit über das reine Mögen hinaus, ich habe zum Wasser eine große Affinität und großen Respekt vor ihm. Es ist eine komplett andere Welt, und in dieser Welt einem Giganten zu begegnen, der so eine Ruhe und Kraft ausstrahlt – das möchte ich gerne erleben.

Woher kommt diese Affinität zum Wasser?
In der Kindheit haben wir die Sommer immer an der Ostsee verbracht, ich konnte ziemlich schnell schwimmen und das Tauchen war dann noch eine Steigerung: Luft anhalten und wer schafft eine Bahn hin und zurück? Das artet dann irgendwann aus.

Zu Beginn Ihres Films „Ellas Entscheidung“ geht es noch ein bisschen sportlicher zu als beim Tauchen – da sieht man, wie Sie mit verbundenen Augen eine steile Felswand hochsteigen.
Nicht besonders professionell (lacht), aber eigentlich war es ganz einfach. Wir sind weit nach oben auf ein Plateau gefahren, von dem aus noch mal ein kleiner Berg hochging. Da, wo man mich im Film sieht, war ich vielleicht zwei Meter über dem Plateau und außerdem gut gesichert durch ein Dreierteam von sehr guten Kletterern. Wir waren einen ganzen Tag da oben, und es war wunderschön. Abends verschwanden die ganzen Touristen, wir standen alleine auf dem Berg, die Sonne ging unter und überall die Lichter an – das war gigantisch.

Im Film spielen Sie Ella, eine junge Frau, die Genträgerin der unheilbaren und tödlich verlaufenden Muskelkrankheit Duchenne ist und mittels Prä-Implantations-Diagnostik (PID) schwanger wird – dadurch schließen Ella und ihr Mann das Risiko aus, ein schwerkrankes Kind auf die Welt zu bringen. Wie haben Sie als junge Mutter dieses Thema empfunden
?
Ich habe ein Stück weit die Reise dieser Ella mitgemacht. Vor den Dreharbeiten hatte ich immer gedacht, PID sei super – damit kann ein Paar, das sich eigentlich wegen des Risikos einer schweren Erbkrankheit gegen ein Kind entschieden hat, jetzt endlich ein gesundes Baby auf die Welt bringen. Zumindest eines, das nicht diese Krankheit hat – alles andere ist ja noch möglich, denn auch PID-Kinder sind keine Designerbabys. Aber je mehr ich mich mit dem Stoff beschäftigt habe, umso klarer wurde mir, dass es viel komplizierter und vielschichtiger ist. Mittlerweile denke ich, dass es von Fall zu Fall und von Mensch zu Mensch entschieden werden muss, ob man PID einsetzt.

Warum?
Jedes Paar, das sich damit beschäftigt, geht durch ein Tal. Man wird unweigerlich mit unserer Gesellschaft und unserem Wertekodex konfrontiert. Der Film gibt keine Antwort auf die Frage, ob PID nur Schutz vor einer schweren Krankheit oder schon Selektion ist. Er wirft vielmehr weitere Fragen auf. Ich finde, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir in unserer Leistungsgesellschaft mit Behinderungen jeglicher Art umgehen. Allein, wenn wir mit einem Menschen zusammen sind, der das Downsyndrom hat, gelten plötzlich ganz andere Werte, die möglicherweise tiefer und wichtiger sind als dieses höher, schneller, weiter.

Hatten Sie sich vor dem Film schon mit diesem Thema beschäftigt?
Nicht wirklich. Aber als wir während meiner Schwangerschaft zu dieser Nackenfaltenmessung gegangen sind, um feststellen zu lassen, ob das Baby möglichweise einen Gendefekt hat, habe ich zu meinem Freund gesagt: Wenn wir diagnostiziert bekommen, dass wir ein Kind mit Downsyndrom bekommen, dann werde ich es nicht abtreiben lassen.

Das ist doch eine klare Einstellung.

Eine Nachbarin meiner Großmutter hat einen Jungen mit Downsyndrom großgezogen, der ein paar Jahre älter ist als ich. Wenn ich ein Baby mit Downsyndrom hätte abtreiben lassen, wäre es für mich so gewesen, als ob ich ihn umgebracht hätte – das wäre einfach nicht gegangen. Ich sehe ja, wie er jetzt lebt, und ich weiß, was für ein Kampf das damals in der DDR für seine Mutter war. Sie hat ihn gefördert, wo es nur ging und gesagt: Auch mein Sohn wird in die Schule gehen. Das ist ihr gelungen.

Im Film sagt Ella: „Für mich beginnt das Leben mit dem Herzschlag“, vorher sei alles ein Zellhaufen.
Das könnte ich nicht. Es ist so unfassbar, wie unterschiedlich das Leben im Mutterleib definiert wird – kulturell und juristisch. Man kann bis kurz vor der Geburt ein Kind abtreiben, wenn bei ihm eine Behinderung diagnostiziert wird. Das muss man sich mal vorstellen: Es kann einem Kind noch in der 34. Woche Zyankali ins Herz gespritzt werden, dann war’s das und die Mutter muss dieses tote Kind auch noch gebären.

Darum geht es aber nicht bei PID – die wird ja in einem sehr frühen Stadium eingesetzt, um herauszufinden, ob ein späteres Baby eine Erbkrankheit in sich tragen würde.
Das stimmt. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, als in den ersten Wochen meiner Schwangerschaft erst mal „nur“ dieser Zellhaufen da war. Schon da war eine Identifikation für mich da. Schon da kam die Angst auf, es zu verlieren.

Ihre Tochter wird im August fünf – haben Sie ihr von dem Film erzählt?

Nee, das hab ich nicht. Sie wird den Film nicht sehen und es ist momentan nicht unbedingt ihr Thema, obwohl sie mich mit ihren Fragen immer wieder überrascht. Heute morgen hat sich mich zum ersten Mal gefragt: Mama, wann war denn der erste Mensch da, von dem alle anderen Menschen kommen? Ich hab ihr erst mal gesagt, dass das eine ganz tolle Frage ist und es ein bisschen mehr braucht, um sie ihr zu beantworten. Sie hatte bei „Löwenzahn“ gesehen, dass die Erde ganz früher mal ein Feuerball war, und da habe ich dann angesetzt – vom Feuerball zum Erkalten der Erde, zur Ursuppe und und und.

Und was sagt sie dazu, wenn sie ihre Mama im Fernsehen in einer Liebesszene mit einem anderen Mann sieht?

Da hat sie noch keine gesehen.

Liebesszenen sind für viele Schauspieler ja nicht die liebsten Szenen…
Nein, da bin ich froh, wenn ich mit einem Kollegen zusammenspiele, den ich kenne oder mit dem ich mich wohl fühle.

In „Ellas Entscheidung“ sind Sie in einer Szene kurz nackt zu sehen.
Das sind die Szenen, die ich als besonders technisch empfinde und bei denen es mir wichtig ist, am Abend vorher schon mal zu besprechen, wie wir das auflösen. Mit der Nacktheit als solcher habe ich kein großes Problem – ich habe ja schon als Kind am Strand nackte Menschen in allen Altersstufen gesehen. Letztens hat ein Journalist zu mir gesagt: Ich weiß jetzt, wie Ihre Brüste aussehen. Dem habe ich geantwortet: Ja, und? Die sind auch nicht lila, oder? (lacht). Ich bin da ganz entspannt.

Die Entspanntheit ist vermutlich durch Ihre Kindheit in der DDR begründet, wo FKK ja viel weiter verbreitet war als im Westen. Apropos DDR: Nora Tschirner hat den Mauerfall „total achtjährig“ erlebt, wie sie letztens erzählte – Sie sind unwesentlich älter, wie war’s bei Ihnen?
Ich hab den Mauerfall verschlafen, was ich meinen Eltern heute noch vorhalte. Ich war damals neun, und da das alles abends passierte, lag ich im Bett und habe geschlafen. Mein Vater saß in der Kneipe, als einer reinkam und rief „Die Mauer ist offen“. Mein Vater hat daraufhin meine Mutter geholt und dann sind die beiden erst mal rüber, während ich nachts allein in meinem Bett lag. Ich sage heute noch: Habt Ihr sie eigentlich alle beisammen gehabt? Was wäre denn gewesen, wenn die DDR die Grenze wieder dichtgemacht hätte und Ihr wärt noch im Westen gewesen? Außerdem hättet Ihr mich an so einem historischen Abend ruhig mitnehmen können, das ist eine echte Schweinerei (lacht).

Sind Filme wie „Ellas Entscheidung“ ein Grund dafür, dass Sie Ihre „Tatort“-Rolle als Katharina Lorenz an den Nagel gehängt haben?

Vielleicht im entfernteren Sinne. Ich habe einfach gemerkt, dass mein Lebens-Arbeits-Gleichgewicht nicht mehr stimmte. Ich war mehr bei der Arbeit als zu Hause und Arbeit heißt bei uns ja immer gleich aus der Stadt und weg. Dieses Gefühl, eine Wochenend-Mama zu sein, ging für mich nicht. Ich wollte neben dem „Tatort“ eben auch all die anderen Filme machen, und am Ende habe ich gespürt, dass Katharina Lorenz jetzt nicht die Rolle ist, zu der ich zweimal im Jahr gerne antrete.

Was plant das Reisebüro Schmidt-Schaller stattdessen?

Das Reisebüro macht gerne Last Minute-Reisen, das ist nicht so gut im Planen. Aber immerhin ist gerade ein Hörbuch fertig geworden und als Nächstes mache ich einen Kinofilm mit Jürgen Prochnow.

Und wann geht’s zu den Walen?
Vielleicht ja im Sommer.

 

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