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„Tatort“ aus Münster : Das Phänomen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wieder ein Rekordwert für den „Tatort“ aus Münster: 13,13 Millionen Zuschauer – Der Versuch einer Erklärung

svz.de von
erstellt am 23.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Das WDR-„Tatort“-Team Thiel und Boerne – Axel Prahl (54) und Jan Josef Liefers (50) – scheint kaum zu stoppen. Die Folge „Mord ist die beste Medizin“ vom Sonntagabend durchbrach sogar die 13-Millionen-Zuschauer-Marke. Warum ist der Witzelkrimi aus Münster so erfolgreich? Sieben mögliche Gründe:

Die WM unter den Krimis: Es soll ja Leute geben, die gucken nur Fußball im Fernsehen, wenn Weltmeisterschaft ist. So ähnlich ist das auch beim „Tatort“. Offensichtlich gibt es in Deutschland einige Millionen, denen der ARD-Sonntagskrimi weitgehend egal ist. Die durchschnittliche Zuschauerzahl von „Tatort“-Erstausstrahlungen liegt bei etwa neun Millionen. Nur zweimal im Jahr, wenn der Münster-Krimi kommt, wird der Sonntagabend zum „Tatort“-Abend bei weiteren drei bis vier Millionen. Ein Ereignis.

Liebe zur Provinz: Entgegen mancher Wahrnehmung durch die Medien besteht die Bundesrepublik nicht nur aus Berlin und Co. Die Mehrheit der Menschen lebt nicht in Metropolen, sondern in mittleren und kleineren Städten. So wie zurzeit der SC Paderborn, der überraschende Bundesliga-Spitzenreiter aus der Provinz, bestaunt wird, so wird auch der erfolgreiche Krimi aus der beschaulichen Fahrrad- und Studentenstadt Münster bewundert – als Sittenbild deutscher Befindlichkeit. Er repräsentiert das Land wahrscheinlich mehr als der typische gesellschaftskritische „Tatort“ aus München, Köln, Berlin oder Frankfurt am Main.

Schmunzelkrimi: Der „Tatort“-Experte François Werner („tatort-fundus.de“) meint: „Die Münsteraner können machen was sie wollen – die eingefleischten Fans haben mittlerweile eine ganz andere Erwartungshaltung. Bei Facebook geht es während der Ausstrahlung fast nur um die Qualität der Sprüche und Witze, alles andere scheint unwichtig geworden zu sein.“ Mancher sage, es sei einfach schön, mal wieder herzhaft lachen zu können. „Der Münster-,Tatort‘ schafft offenbar eine große Entlastung, einen Ausgleich beim Publikum – zwischen den schlimmen Nachrichten und Themen unserer heutigen Zeit.“

Prahl und Liefers: Auch wenn die Drehbücher vielleicht nicht immer optimal sind – die beiden Hauptdarsteller des Münster-„Tatorts“, Axel Prahl und Jan Josef Liefers, sind einfach gute Schauspieler. Oder vielleicht besser formuliert: Sie sind in den vergangenen zwölf Jahren (seit Oktober 2002 wurden 26 Fälle ausgestrahlt) mit ihren Rollen verschmolzen.

Gesellschaftliches Spiegelbild: Der etwas unkonventionell und alternativ wirkende Thiel und der großbürgerliche, eher konservative Boerne – das Ermittlerduo aus Münster kann man als Spiegelbild deutscher Typen lesen. SPD und CDU? Die zwei politischen Volkspartei-Lager als Filmfiguren? Jedenfalls arrangieren sich die zwei irgendwie und arbeiten trotz Asympathie zusammen (so ähnlich wie die große Koalition?). Als wandelndes Klischee bereichert außerdem noch Thiels Vater Herbert (Claus Dieter Clausnitzer) die Krimis: ein Alt-68er, Taxifahrer und Kiffer.

Die Frauen: Beim „Tatort“ fehlen oft große, komplexe Frauenrollen. Im Münster-„Tatort“ gibt es gleich drei interessante weibliche Figuren: Friederike Kempter als Assistentin Nadeshda Krusenstern, die Stimmgewalt Mechthild Großmann als rauchende Staatsanwältin Wilhelmine Klemm, die unter ihrem staatstragenden Job irgendwie zu leiden scheint, sowie die kleinwüchsige ChrisTine Urspruch als Rechtsmedizinerin Silke Haller, genannt „Alberich“, die sich wacker gegen ihren blasierten Chef Boerne schlägt.

Wiedererkennungswert: Das Feuilleton kann noch so schimpfen über die Krimis aus Westfalen – viele TV-Zuschauer fühlen sich offenbar abgeholt von den urdeutschen Filmen. („Spiegel Online“ etwa wetterte gegen den Fall vom Sonntag „Wenn Sie Witze im Ärztekittel mögen, schauen Sie sich lieber ein paar Folgen ,Scrubs‘ an“). Es geht aber wohl Millionen Deutschen darum, eben nicht hochgelobte Fernsehware aus den USA zu konsumieren, sondern Produktionen aus der Heimat mit Wiedererkennungswert.

Die fünf erfolgreichsten „Tatort“-Fälle

Eine Übersicht der fünf erfolgreichsten „Tatort“-Krimis seit dem Start der gemeinsamen Quoten-Messung in Ost und West ab 1992:

1. Den Rekord hält das Hamburger Ermittler-Duo Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer). Am 5. Juli 1992 sehen „Stoevers Fall“ im Schnitt 15,86 Millionen Zuschauer.

2. Auf Platz zwei schob sich am Sonntag (21. September 2014) das Münsteraner Gespann Thiel/Boerne mit dem Film „Mord ist die beste Medizin“ mit 13,13 Millionen Zuschauern.

3. Am 26. September 1993 erreicht das damalige Hamburg-Team Manfred Krug und Charles Brauer mit dem Krimi „Um Haus und Hof“ etwa 12,83 Millionen Menschen.

4. Die Spürnasen Thiel und Boerne locken mit der Produktion „Summ, summ, summ“ am 24. März 2013 rund 12,81 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm. In einer Nebenrolle: Schlagerstar Roland Kaiser.

5. Zwei Wochen zuvor, am 10. März 2013, gibt Til Schweiger sein „Tatort“-Debüt. Als Ermittler Nick Tschiller ist er „Willkommen in Hamburg“ und 12,57 Millionen Menschen fiebern mit.


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