USA : „Das ist Freiheit“ – Üben auf einem Schießstand in den USA

Auf dem Schießstand zu üben ist ein beliebtes Hobby in den USA
Auf dem Schießstand zu üben ist ein beliebtes Hobby in den USA

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10. Februar 2014, 00:33 Uhr

Es knallt. Ununterbrochen. So ähnlich muss Krieg klingen. Schon auf dem Parkplatz der Schießanlage „Maryland Small Arms Range“ sind die Schüsse zu hören – trotz Schallschutzwänden. Im Schießraum fliegen leere Patronenhülsen im Sekundentakt durch die Luft. Eine trifft den achtjährigen Cameron an der Brust. Schmerzhaft verzieht der Junge das Gesicht, öffnet den Reißverschluss seiner tarnfarbenen Jacke und reibt mit der Hand über die getroffene Stelle.

Die „Shooting Range“ liegt vor den Toren der US-Hauptstadt Washington. Es ist ein Sonntag Ende Januar, bitterkalt, doch die Sonne scheint vom blauen Himmel. Ein gutes Dutzend Schützen ist im Schießraum versammelt. Sie sind zwischen 7 und 76 Jahre alt, die meisten sind Männer.

Die Schützen tragen Ohrschützer und Schutzbrillen, die an den Chemie-Unterricht erinnern. Weitere Sicherheitsvorkehrungen gibt es nicht. Keine abgetrennten Kabinen, kein Panzerglas zwischen den einzelnen Bahnen, keine Sicherheitstüren. Jeder kann hier reinspazieren – als wäre es ein Spielplatz. Der kleine Cameron besucht den Schießstand gemeinsam mit seinem Großvater und Urgroßvater. „Je früher die Kinder anfangen zu üben, desto besser“, sagt Billy Schrader senior. Er muss schreien, um sich im Höllenlärm Gehör zu verschaffen.

Auf die laienhafte Frage, ob die halbautomatische Waffe in der Hand des Kleinen echt sei, reagiert der Urgroßvater mit Gelächter. „Natürlich ist die echt.“ Billy Schrader ist 76, ein Hobbyschütze aus Leidenschaft und Überzeugung. Er trägt die Kappe der National Rifle Association (NRA), der mächtigen Waffenlobby. Auf der Kappe steht: „Stand and Fight“. Im Klartext heißt das: Wenn Du angegriffen wirst, darfst Du schießen.

Das Recht, eine Schusswaffe zu besitzen, ist in der US-Verfassung ausdrücklich verankert. Laut einer Statistik des US-Kongresses vom November 2012 gibt es in den USA 310 Millionen Schusswaffen in privater Hand – mehr als in jedem anderen Land. Laut Regierung werden jedes Jahr 32 000 Amerikaner erschossen – Selbstmorde und Erschießen „aus Versehen“ nicht mitgerechnet. Das bedeutet: Alle 20 Minuten stirbt in den USA statistisch gesehen ein Mensch durch Schusswaffengewalt.

Um auf dem Schießstand „Maryland Small Arms Range“ zu ballern, reicht die Vorlage des Führerscheins; Besucher unter 21 Jahren dürfen nur in Begleitung von Volljährigen rein. 20 Dollar (rund 15 Euro) kostet die Tageskarte, 7 Dollar die Leihwaffe. Die Anlage kann auch für Geburtstage und Junggesellenabschiede gebucht werden.

Die Schützen, die dicht nebeneinanderstehen, schießen auf Zielscheiben, auf Bilder von Clowns und Zombies - und auf das Porträt vom getöteten Terrorchef Osama bin Laden. „Bin Laden ist als Ziel besonders beliebt“, sagt der Mann an der Kasse.

Donny Gonzalez, ein muskulöser 30-Jähriger, der in Washington wohnt, kommt regelmäßig zum Schießen. „In Washington gibt es leider keinen Schießstand“, sagt Gonzalez. „Ich will meine Familie im Ernstfall beschützen und mich selbst verteidigen. Wenn jemand in unser Haus einbricht, kann es tödlich sein, erst auf die Polizei zu warten“, sagt Gonzalez. „Ich fühle mich sicherer, weil ich weiß, wie ich meine Waffe bedienen kann.“

Jeden Abend vor dem Schlafengehen lädt er seine Pistole – eine halbautomatische Glock 22, Kaliber 40. „Die Patronen, die ich benutze, zerfetzen sogar schusssichere Westen“, sagt er. Ein Einbrecher könnte schließlich eine solche Weste tragen. Nachts liege die geladene Waffe neben seinem Bett, morgens entlade er sie wieder. Bisher habe Gonzalez seine Waffe aber nicht gebraucht.

Seine Ehefrau Rose ist an diesem Tag zum dritten Mal auf der Range. Mit beiden Händen und pink lackierten Fingernägeln umgreift sie den Pistolengriff. Die zierliche 26-Jährige steht breitbeinig auf Pumps mit hohen Absätzen. Konzentriert fokussiert sie die Zielscheibe, hält kurz inne und drückt ab. Funken sprühen. „Guter Schuss, Baby“, ruft ihr Mann.

Nachdem die beiden mit 100 Kugeln Munition drei Zielscheiben durchlöchert haben, besucht das Paar den Shop der Schießanlage. Das günstigste Gewehr gibt es für 50 Dollar (37 Euro), das teuerste kostet über 1000 Dollar. Gonzalez erkundigt sich nach einem Safe für sein Haus. „Das ist sicherer mit einem kleinen Kind.“

Nachrichten über Schießereien an Schulen und Unfälle zwischen Kindern machen Gonzalez tief betroffen. „Aber für mich ist das Recht, dass jeder eine Waffe zur Selbstverteidigung besitzen kann, eine der großartigsten Dinge unseres Landes. Das ist Freiheit.“


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