Kunst für alle : Das homosexuelle Outing feiern

Plakat zur Wanderausstellung.
Plakat zur Wanderausstellung.

Wanderausstellung zu Lesben, Schwulen und Bisexuellen in MV.

svz.de von
05. Juli 2018, 12:00 Uhr

Bianka H. feiert jedes homosexuelle Outing. Wenn sie hört, dass sich jemand geoutet hat, tanzt sie, freut sich und stellt eine Kerze auf den Balkon. „Ich könnte durchdrehn vor Freude.“ Diese Selbstaussagen der älteren Frau können Besucher der neuen Wanderausstellung „Wir* hier! Lesbisch, schwul und trans* zwischen Hiddensee und Ludwigslust“ im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus an einer Hörstation verfolgen. Da berichtet Bianka H. auch davon, dass sie früher Minderwertigkeit und Herabwürdigung für sich empfand, etwa wenn ihr eine Kollegin Kontaktanzeigen von Männern in einer Zeitung anstrich.

Und H. erzählt, wie befreiend es für sie war, als sie sich Ende der 1990er Jahre nach einem Nervenzusammenbruch als lesbische Frau outete und ihrer Therapeutin sagte: „Ich mag Frauen“. Das Gefühl der Befreiung sei für sie gewesen „als würde man auf einem hohen Turm stehen und Trompete spielen“.

Die Ausstellung vom Verein „Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern“ (Ludwigslust), deren erste Station Schwerin ist, beleuchtet Lebensalltag und Geschichte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen. Vorgestellt werden Lebensgeschichten von etwa 20 Menschen aus dem Gebiet von Mecklenburg-Vorpommern von der Zeit des Kaiserreiches bis heute. Dargestellt werden auch ihre Überlebensstrategien, Organisierung und Alltag. Die Schau präsentiert sich in Form von lebensgroßen, plastischen Silhouetten, die dem Publikum entgegentreten.

Ergänzt wird dies durch Filmausschnitte, Literatur und Musik. Darunter der Dokumentarfilm „Unter Männern. Schwul in der DDR“ (2012) oder Musik der in MV geborenen Rapperin Sookee (Berlin). Sookee engagiert sich auch gegen Homophobie und Sexismus im deutschen Hip-Hop.

In den geschichtlichen Beiträgen wird auch darüber informiert, dass in der NS-Zeit zwischen 1933 und 1945 in den zentralen mecklenburgischen Haftanstalten Dreibergen-Bützow über 300 Männer wegen homosexuellen Verhaltens eingesperrt waren. Um sich zu schützen, zogen sich viele Homosexuelle ins Private zurück oder schlossen Scheinehen. Zum Schutz vor homosexuellenfeindlicher Diffamierung und Verfolgung heirateten beispielsweise die in Rostock geborene Schauspielerin Marianne Hoppe (1909-2002) und der Schauspieler, Regisseur und Intendant Gustaf Gründgens (1899-1963).

Auch zu DDR-Zeiten war Homosexualität ein Tabu, heißt es in der Ausstellung. Wenn sie sichtbar wurde, galt sie „als kriminell, irgendwie verdächtig oder krankhaft“. Bereits in den 1950er Jahren bildeten sich private schwul-lesbische Zirkel. In den 1980er Jahren gründeten sich oppositionelle Arbeitskreise unter dem Dach der evangelischen Kirche, so am 10. Mai 1985 in der Evangelischen Studentengemeinde Rostock.

Nach der Friedlichen Revolution von 1989 entstand in MV mit neuen Vereinen und Gruppen eine Infrastruktur für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle. Die Finanzierung der Vereine sehe jedoch „alles andere als rosig aus“, heißt es von den Ausstellungsmachern.

Die Erfahrungen Betroffener seien heute sehr verschieden. Sie erlebten Unterstützung und Solidarität, aber auch Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt.

Da könnten die Äußerungen von Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos) ermutigend sein. Gleich am Eingang zur Ausstellung wird Witt so zitiert: „...dass ich schwul bin, ist für mich selbstverständlich“.

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