zur Navigation springen

Meister leuchtender Farben : «Das ganze Bild» - Zum 150. Geburtstag Emil Noldes

vom

Episch, farbensatt und romantisch: Der Künstler Emil Nolde ist einer der großen deutschen Künstler. Bekannt für seine dramatischen Landschaften und leuchtenden Blumenstillleben. In diesem Jahr wäre Nolde 150 Jahre alt geworden.

svz.de von
erstellt am 04.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Dramatische Himmel in Orange-Rot über lilafarbenen Landschaften, leuchtende Blumenstillleben, aber auch groteske Bergansichten und Figuren - der Expressionist Emil Nolde hat in seinem langen Leben ein umfangreiches Werk geschaffen.

Ein Werk, das weniger mit dem Intellekt als mit dem Gefühl zu verstehen ist. Ein Werk ohne theoretischen Überbau, wie der Direktor der Nolde Stiftung Seebüll, Christian Ring sagt. Vielmehr forderten die Bilder die Betrachter heraus, deren Fantasie. Am 7. August wäre der führende deutsche Aquarell-Künstler seiner Zeit 150 Jahre alt geworden. Neben seiner Kunst, der zahlreiche Ausstellungen in Deutschland und im Ausland gewidmet sind, rückt im Jubiläumsjahr auch ein lange verdrängtes Thema immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit: Noldes Rolle im Nationalsozialismus.

Nolde wurde 1867 als Emil Hansen im deutsch-dänischen Grenzland im Dörfchen Nolde als vierter Sohn eines Landwirts geboren. Schon als Kind begeistert er sich für die Kunst, das Malen, beginnt mit 17 Jahren aber zunächst eine Lehre als Holzbildhauer und Zeichner in Flensburg. In den nächsten Jahren arbeitet Hansen als Schnitzer in Möbelfabriken in verschiedenen Städten, wird später Fachlehrer für gewerbliches Zeichnen im schweizerischen St. Gallen. Hier zeichnet er auch groteske Berggipfel mit grimassenartigen Gesichtern, die er in hoher Auflage als «Bergpostkarten» drucken lässt. Ein finanzieller Erfolg, der es Nolde ermöglicht, seine Stellung aufzugeben, «um Maler zu werden», wie Nolde selbst in seinen Erinnerungen schreibt.

1902 heiratet Hansen, der sich nun nach seinem Geburtsort Nolde nennen wird, die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup. Sie glaubt an ihn, sieht in Nolde den großartigen Künstler, obwohl er zu dieser Zeit noch erfolglos ist. «Sie war diejenige, die die Kommunikation geführt, die Fäden geknüpft hat», sagt Ring. Ihr zuliebe nimmt Nolde, der deutsche Maler, auch die dänische Staatsbürgerschaft an, als ihre Heimat durch die neue Grenzziehung 1920 plötzlich dänisch wird.

Seine Heimat ist trotz der Winter in Berlin und der Reisen, die Nolde und seine Ada bis in die Südsee führen, die karge Marschlandschaft im deutsch-dänischen Grenzgebiet. Sie ist sein «Wunderland von Meer zu Meer». Hier, auf dem künstlichen Hügel Seebüll, ließ Nolde 1927 bis 1937 nach eigenen Entwürfen das imposante Wohnhaus mit Atelier bauen und einrichten. Ein Gesamtkunstwerk mit wunderschönem historischen Garten (samt Gartenhäuschen). Seit 1957 ist es das Zentrum der Stiftung, die Nolde vor seinem Tod testamentarisch bestimmt hatte, und Anziehungspunkt für Nolde-Fans aus aller Welt.

Stiftungsdirektor Ring hat von seinem Büro in einem modernen Erweiterungsbau Noldes früheres Wohnhaus im Blick. Der «Mythos Nolde» schwebt noch immer über dem Ort. Ein Mythos, den Ring und seine Mitstreiter nicht zerstören, aber doch ergänzen wollen: um die widersprüchliche Rolle des Künstlers in der Nazi-Zeit.

Nolde war ein von den Nazis verfemter Künstler, dessen Werke 1937 in deutschen Museen beschlagnahmt und in der kunstverachtenden Ausstellung «Entartete Kunst» gezeigt wurden. 1941 wurde Nolde aus der «Reichskunstkammer» ausgeschlossen, erhielt Berufsverbot. Ein Opfer des Regimes. Aber gleichzeitig war Nolde Antisemit, ein Anhänger des Nationalsozialismus, bis zum Schluss Parteimitglied.

Inwieweit Nolde wirklich mit den politischen Ideen der Nazis sympathisiert habe, wisse er nicht, sagt Ring. Nolde sei jemand, der sich gerne auch als Opfer gesehen habe: «Er ist für seine Kunst ausgelacht und verachtet worden.» Weder in der Kaiserzeit noch in der Weimarer Republik fand Nolde die gewünschte Anerkennung. Dann kam der Nationalsozialismus auf; auf einmal sei von einer urdeutschen Kunst gesprochen worden, erinnert Ring. Und genauso verstand Nolde seine Kunst. Urdeutsch. Es waren letztendlich die gleichen Vokabeln, mit denen Nolde seine Kunst und die Nationalsozialisten ihre Kunst beschrieben haben. «Aber inhaltlich gesehen gab es überhaupt keine Deckung», sagt der Kunsthistoriker.

Wie Nolde mit dem Regime sympathisieren konnte, trotz der Anfeindungen, «das ist ein spannender Punkt, den auch ich noch nicht richtig verstanden habe», sagt Ring. Leider habe Nolde sich nach dem Krieg nie dazu geäußert. Man wünsche sich von dem alten Nolde eine Einsicht, dass er sich geirrt habe. «Aber das fehlt.»

Ein neuer Film, der im Jubiläumsjahr fertiggestellt wurde, thematisiert die bis heute ungeklärte Rolle Noldes während der Nazi-Diktatur. Bis Ende 2017 wollen zudem die Wissenschaftler Aya Soika (Bard College Berlin) und Bernhard Fulda (Cambridge) die Ergebnisse ihrer Aufarbeitung präsentieren. Dazu plant die Nolde-Stiftung auch ein Symposium.

Sorge um Nolde und sein Oeuvre hat Ring nicht. «Es ist einfach Zeit, das ganze Bild zu zeigen.» Auf der einen Seite der grandiose Künstler und auf der anderen Seite der Mensch Emil Nolde, der kein unbelasteter Held im «Dritten Reich» war. «Er war kein Täter, aber er war einer von vielen Millionen Deutschen, die an Hitler und Nazi-Deutschland geglaubt haben.»

Ausstellungsprojekt Nolde im Norden

Nolde Stiftung

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen