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Geheime Liebe : Das Frankfurter Willemer-Häuschen: Wo Goethe Suleika fand

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Zu seiner Geburtsstadt Frankfurt hatte der alte Goethe ein eher gespaltenes Verhältnis. Ausgerechnet dort kommt er in einem Gartenhäuschen einer jungen Frau näher - einer Dichterin. Die ungläubige Welt hat erst Jahrzehnte später davon erfahren.

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erstellt am 25.Aug.2017 | 09:37 Uhr

Der Blick vom Ausguck im zweiten Stock auf Frankfurt und den Taunus muss überwältigend gewesen sein: Dort auf dem Balkon des turmartigen Weinberghäuschens am südlichen Mainufer stand am 18. Oktober 1814 Johann Wolfgang von Goethe.

Mit Wohlgefallen beobachtete der Dichterfürst (1749-1832) die Leuchtfeuer, mit denen Frankfurt ringsherum den ersten Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht feierte. Sie hatte 1813 die Herrschaft Napoleons in Europa beendet. An Goethes Seite war Marianne von Willemer, Ehefrau eines mit Goethe gut befreundeten Bankiers.

Der romantische Abend im Willemer-Häuschen ließ den damals 65-Jährigen für die 35 Jahre jüngere Frau voll entflammen. Das ist von Goethe selbst überliefert, der damals wohl vor allem wegen Marianne nach 17-jähriger Abwesenheit wieder in seiner Geburtsstadt weilte. Er hatte die Schauspielerin zusammen mit dem Bankier erst wenige Wochen zuvor bei der Kur in Wiesbaden kennengelernt. Weitere Begegnungen fanden ein Jahr später in Frankfurt auf dem Willemerschen Landgut Gerbermühle und in Heidelberg statt.

Beide verband danach bis zum Tod Goethes eine tiefe Brieffreundschaft - mit dem Austausch von chiffrierten Botschaften. Zugleich mündete die heimliche Liebesbeziehung in ein literarisches Projekt. In dem vom persischen Dichter Hafis inspirierten «West-östlichen Divan», den Goethe als Gedichtband 1819 veröffentlichte, geht es auch um die Liebe zwischen Hatem und Suleika. Niemand ahnte, dass darin der Dichter und seine Muse ihr eigenes Liebesglück besangen.

Marianne, die als uneheliche Tochter einer Schauspielerin aus Österreich mit ihrer Mutter im Alter von 14 Jahren nach Frankfurt gekommen war, hat selbst mehrere Gedichte dazu beigesteuert. Darunter die am häufigsten vertonten Lieder des «Divans», jene vom «Ostwind» und «Westwind». Jahrzehntelang wusste niemand von ihrer Rolle als Ko-Autorin. Erst 1852 im Alter von 68 Jahren offenbarte Marianne dies einem Gelehrten. Es war der Sohn des berühmten Märchensammlers Wilhelm Grimm, Hermann Grimm.

Der enthüllte das Geheimnis - es war eine Sensation und sorgte bei den Philologen für ungläubiges Erstaunen. Heute steht für die Forschung fest, dass keine andere Frau dichterisch so eng mit Goethe im Austausch war. «Sie sind wirklich auf Augenhöhe», sagt Joachim Seng zur Kooperation der beiden am «Divan». Der Literaturwissenschaftler leitet die Bibliothek des Freien Deutschen Hochstifts, das als führende Forschungsstelle zur deutschen Romantik gilt.

Zum Hochstift gehört auch Goethes Geburtshaus in der Frankfurter Innenstadt. Dorthin pilgern alljährlich Zehntausende von Goethe-Fans aus aller Welt. Das Willemer-Häuschen ist dagegen sogar unter Einheimischen kaum bekannt. Dabei hat das schieferbekleidete Gartenhäuschen auf dem Mühlenberg in Frankfurt-Sachsenhausen nichts von seinem Reiz eingebüßt, auch wenn heute hohe Bäume und Häuser den Blick auf den Main versperren.

Das im klassizistischen Stil errichtete achteckige Häuschen hatte der Bankier Johann Jakob Willemer - seine dritte Frau Marianne war ursprünglich seine Pflegetochter gewesen - im Jahr 1809 gekauft. Damals war Frankfurt noch von Weinbergen umgeben. Anfang des 20. Jahrhunderts rettete die Stadt das Häuschen vor dem Verfall und ließ es herrichten. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde es wiederaufgebaut und im Oktober 1964 - genau 150 Jahre nach der denkwürdigen Begegnung Goethes mit Marianne - eröffnet.

Es wirkt immer noch sehr idyllisch. Im ungeheizten Häuschen, das leider nur sonntags offensteht, erinnert nicht nur der originale Toilettentisch an Marianne von Willemer. Zu den Preziosen gehört auch eine Kopie mit dem berühmten Gedicht Gingko biloba, das Goethe handschriftlich 1815 mit zwei Gingko-Blättern verziert Marianne gewidmet hat. «Fühlst du nicht an meinen Liedern, daß ich Eins und doppelt bin?», endet es mit Hinweis auf das fächerartig zweigeteilte Blatt des ursprünglich aus China stammenden Laubbaums.

Ein untrüglicher Hinweis zugleich auf die innige Beziehung der beiden, so wie sie es im «Divan» zum Ausdruck gebracht haben. Passend dazu stehen im verwunschenen Garten des Willemer-Häuschens auch zwei Gingkobäume.

Bleibt die Frage, wieso Goethe nie etwas über die Ko-Autorenschaft seiner Geliebten verraten hat. Der Dichterfürst habe dies nicht absichtlich totgeschwiegen, meint Experte Seng. «Es passierte im gegenseitigen Einverständnis, um die verheiratete Marianne nicht in Schwierigkeiten zu bringen.» Schließlich sei Frankfurt damals für Tratsch und Klatsch berühmt gewesen.

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