Mehrteiler im ZDF : "Das Boot": Wie gut ist die Neuverfilmung?

Zwischen dem Kommandanten des U-612, Kapitänleutnant Klaus Hoffmann (Rick Okon, r.), und seinem ersten Wachoffizier Oberleutnant zur See Tennstedt (August Wittgenstein) kommt es  nach dem Auslaufen zu ersten Konflikten.  ZDF/Nik Konietzny
Zwischen dem Kommandanten des U-612, Kapitänleutnant Klaus Hoffmann (Rick Okon, r.), und seinem ersten Wachoffizier Oberleutnant zur See Tennstedt (August Wittgenstein) kommt es nach dem Auslaufen zu ersten Konflikten. ZDF/Nik Konietzny

Die Neuverfilmung des Klassikers „Das Boot“ ergänzt die bekannte Geschichte um eine reizvolle neue Ebene.

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03. Januar 2020, 12:00 Uhr

Osnabrück | In der hiesigen Film- und Fernsehbranche ist der Klassiker „Das Boot“ so etwas wie ein Mythos. Der Kriegsfilm (1981) über die Erlebnisse einer im südwestfranzösischen La Rochelle stationierten U-Boot-Besatzung war für gleich sechs „Oscars“ nominiert (darunter auch Regie und Kamera) und zählt nach wie vor zu den teuersten und erfolgreichsten deutschen Kinoproduktionen. Weil Wolfgang Petersen (Buch und Regie) die Vorlage von Lothar Günther Buchheim zudem als 300 Minuten langen TV-Mehrteiler adaptiert hatte, war die Verfilmung auch im Fernsehen ein großer Erfolg (ARD, 1985).

„Das Boot“ bedeutete den Durchbruch für eine ganze Reihe von bis dahin kaum bekannten Schauspielern, darunter Herbert Grönemeyer, Heinz Hoenig, Uwe Ochsenknecht oder Jan Fedder. Neben den darstellerischen Leistungen zeichnen sich Film und Serie vor allem durch die fast dokumentarisch wirkenden klaustrophobischen Szenen an Bord des U-Boots aus. Gerade die beklemmenden Momente, wenn die Mannschaft in atemloser Stille hofft, dass die feindlichen Wasserbomben am Boot vorbeitrudeln, haben hohe Maßstäbe gesetzt. Für Petersen öffnete das in der großen Zeit der Friedensbewegung zudem als Antikriegsfilm konzipierte Werk die Tür nach Hollywood.

Nach der Premiere bei Sky im Herbst 2018 zeigt nun auch das ZDF die neue Adaption des Romans. Wie jede Neuverfilmung muss sich die Sky-Serie nicht nur am Original messen lassen, sondern auch der Frage nach ihrem Status stellen: Ist sie ein bloßes Remake oder gelingt es ihr, den Stoff neu zu erfinden? Tatsächlich stimmt beides. Das beengte Leben an Bord – „vierzig Mann, keine Dusche, ein Scheißhaus“ –, die Stimmung in der Mannschaft und die Eintönigkeit des Alltags entsprechen dem Klassiker, zumal Filmmusikkomponist Matthias Weber auch Klaus Doldingers berühmte Erkennungsmelodie leitmotivisch verarbeitet hat. Das Konzept (Tony Saint, Johannes W. Betz) enthält aber auch Motive aus weiteren Buchheim-Romanen („Die Festung“, „Der Abschied“) und erzählt eine ganz andere Geschichte. Das wird schon im Vorspann deutlich: Der erste Name, der erscheint, ist Vicky Krieps. Die Luxemburgerin spielt eine linientreue elsässische Dolmetscherin: Simone Strasser wird zu Beginn der ein Jahr nach den Ereignissen von Petersens Film angesiedelten Handlung nach La Rochelle versetzt und dort unfreiwillig in die Résistance hineingezogen: Ihr Bruder Frank (Leonard Scheicher) ist Funker, hat sich in eine jüdische Barfrau verliebt, will mit ihr nach Amerika fliehen und zu diesem Zweck beim französischen Widerstand Informationen gegen gefälschte Pässe tauschen. Weil er aber überraschend auf das Boot U-612 abkommandiert wird, kann er den Übergabetermin nicht wahrnehmen; das soll nun Simone übernehmen, die zu diesem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung hat, worauf sie sich einlässt, und schließlich sogar zur Mörderin wird.

Parallel zu den Abenteuern der Übersetzerin erzählt die achtstündige Serie von den Ereignissen auf See, oder richtiger: von der Ereignislosigkeit. Die erste Folge beginnt mit einer spektakulären Sequenz, die in Echtzeit die Folgen eines Bombardements zeigt; das U-Boot wird zum schwimmenden Sarg. Doch dieser neun Minuten lange Auftakt noch vor dem Vorspann ist ein typischer Cliffhanger-Einstieg und fast ein falsches Versprechen; oder zumindest eins, das die Serie erst viel später einlöst, denn auf dem Schiff geht es in erster Linie um die Animositäten zwischen dem jungen Kommandanten Hoffmann (Rick Okon) und seinem ersten Wachoffizier Tennstedt (August Wittgenstein). Eine ähnlich ambivalente Rolle wie der „Kaleu“ ist die männliche Hauptfigur der Landszenen: Der von Tom Wlaschiha durchaus als Sympathieträger verkörperte Gestapo-Chef von La Rochelle ist ein Mann mit Kultur und Manieren, was bei Simone prompt einen gewissen Eindruck hinterlässt.

Im Grunde laufen die beiden Handlungsstränge – hier das Boot, dort La Rochelle – über weite Strecken nebeneinander her. Trotzdem wird die Serie gerade durch den regelmäßigen Wechsel interessant. Regie führte der Wiener Andreas Prochaska(„Spuren des Bösen“); die enorme Dichte des Prologs erreicht seine Inszenierung allerdings nur selten. Das Budget der Serie lag bei 26,5 Millionen Euro; Prochaska konnte also umgerechnet ähnlich viel Geld ausgeben wie damals Petersen (32 Millionen Mark). Sein „Boot“ ist damit eine der teuersten deutschen TV-Produktionen und im Vergleich sogar kostspieliger als „Babylon Berlin“.

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