Roman : Chris Kraus: New York, die Neunziger und Sex

Der Autor Chris Kraus versteht sich auf einen lakonischen Stil.
Der Autor Chris Kraus versteht sich auf einen lakonischen Stil.

Ein Regiestudent soll in New York einen Film über Sex drehen, wird mit der Nazi-Vergangenheit seines Opas konfrontiert und trifft eine Frau, in die er sich besser nicht verlieben sollte. Chris Kraus' neuer Roman «Sommerfrauen, Winterfrauen» ist absurd und witzig.

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11. September 2018, 17:27 Uhr

«Ich drehe keinen Nazischeiß!», lautet der erste Eintrag in Jonas' Tagebuch. Es ist Herbst 1996, der junge Regiestudent gerade in New York angekommen und alles was ihm im Verlauf eines Monats passiert, schreibt er auf.

Chris Kraus' Roman «Sommerfrauen, Winterfrauen» ist schon dank seiner Konstruktion kurzweilig: Jonas' turbulenter Alltag in New York ist durch die Tagebuch-Form so verdichtet, dass die Geschichte umso witziger wird. Lesen kann man sie übrigens nur, weil seine Tochter Puma die Tagebücher veröffentlicht. Dazu gibt es ein Vorwort, das gegen Ende des Plots nochmal wichtig werden wird.

Keinen «Nazischeiß» will Jonas also drehen, als er 1996 von seinem verschrobenen Filmprofessor Lila nach New York geschickt wird, um einen Film über Sex zu machen. Eine Nazi-Geschichte liegt näher, denn in der US-Metropole lebt Tante Paula, die den Holocaust überlebt hat und mehr über den Großvater von Jonas weiß, als er erfahren möchte. Das ist der Grundkonflikt des Protagonisten, und natürlich kann man sich vorstellen, dass es vielleicht doch eher zu einem NS-Film als einem über Sex kommen wird.

Tante Paula ist nicht sein einziges Problem. Da ist noch seine eifersüchtige Freundin Mah, die in Deutschland geblieben ist und wahnsinnige Angst hat, er könne sie betrügen. Die Telefongespräche gehen so: «Bist Du mir treu?» - «Ja, natürlich, wie ein Seepferdchen» - «Seepferdchen sind schwul!».

Und dann ist da Jeremiah, bei dem Jonas wohnen muss. Problematisch daran ist, wo die Wohnung liegt: in der düstersten Ecke der Lower East Side, in den Neunzigern weit weg von Gentrifizierung, sondern Revier von Dealern. Er wird gleich mal überfallen. Problematisch ist auch Jeremiah, den er so beschreibt: «In der Uni ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft. Zu Hause ein Typ, der allmählich vergisst, wie sich fester Stuhlgang anfühlt.»

Der Filmprofessor, ein alter Freund von Jonas' eigenem Prof. Lila, wohnt in einer total verdreckten, viel zu kleinen Wohnung mit spleenigen Katzen und Hunden, von denen Jonas nie genau weiß, wie viele es sind. «Meine Nerven sind dünn wie die Fäden der kleinen Spinne, die sich über meiner Couch ein Netz baut», schreibt er.

Als dann noch Nele auftaucht, eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts, die Jonas und seine Kommilitonen betreuen soll, ist das Chaos perfekt. Nele ist eine «Sommerfrau». So nennt seine Freundin Mah Frauen, die anders ticken als sie selbst. «Sommerfrauen sind Schönwetterfrauen. [...] Sie lieben Handtaschen und sich selbst». Mah ist, logisch, eine «Winterfrau». Und die liebt «knallharte Exklusivität». Die Jonas anfängt schwerzufallen.

Kraus' lakonischer Stil macht die Lektüre sehr unterhaltsam. «Alles unglaublich zäh. Die Leute sind nett, aber haben wenig Zeit», heißt es über New York. «Unbedarft, tapsig, treuherzig, weißbrotartig sind wir, und wir lieben lange Schlangen» über Deutsche, die eine Parade an der Fifth Avenue abhalten. Jonas' Beobachtungen sind immer wieder rasend komisch.

Die Falle des Romans sind die verschiedenen Stränge. Man kann den Plot überfrachtet finden. Kraus hält die Fäden aber zusammen, schafft es, selbst den NS-Part so zu erzählen, dass er nicht wie ein Fremdkörper in der lustigen Geschichte wirkt. Das liegt auch an der Figur der Tante Paula, deren lettisches Deutsch immer wieder unfreiwillig witzig ist: «Dejn Leben dampft vor dir wie ein frisch jebrühter Tee am Morjen», sagt sie zu Jonas.

Man kann sich die Geschichte auch gut im Kino vorstellen - was bei Chris Kraus naheliegt. Der 55-Jährige ist ein prämierter Regisseur und Drehbuchautor. Für den Film «Vier Minuten» etwa bekam er 2007 den Deutschen Filmpreis. Seinen Roman «Die Blumen von gestern» verfilmte er unter anderem mit Lars Eidinger.

- Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen. Diogenes, Zürich, 416 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-257-07040-8

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