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Elbphilharmonie Hamburg : Beschwerden über die Elbphilharmonie häufen sich

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Zu wenige Toiletten, gefährliche Treppen: Besucher haben einiges an der neu eröffneten Elbphilharmonie in Hamburg zu bemängeln.

svz.de von
erstellt am 18.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Sie ist endlich eröffnet, die Musik spielt und jeden Tag strömen Tausende Besucher in die Konzerte, die im ersten Halbjahr ausverkauft sind. Dennoch: Wer rechtzeitig in der Elbphilharmonie ankommt, hat es noch nicht pünktlich ins Konzert geschafft. Erschwerte Zugänge zu den Sälen, zu wenige Toiletten und rutschige Treppen machen den Konzertbesuch derzeit noch für einige zu einem Hürdenlauf.

Die Besucherbeschwerden häufen sich in der Hamburger Kulturbehörde. „Es stimmt, es gibt Probleme“, räumt Pressesprecher Enno Isermann ein und verspricht Verbesserungen dort, wo es möglich ist.

Parkhaus

Das größte Ärgernis für Besucher ist derzeit der Zugang vom Parkhaus in die Elbphilharmonie − weil es ihn quasi nicht gibt: Wer sein Auto im Parkhaus eingeparkt hat, muss wieder hinunter ins Erdgeschoss und nach draußen zur Einlasskontrolle am Haupteingang − egal, ob er ins Konzert, ins Restaurant oder auf die Plaza möchte. Und das geht nur mit einem von fünf Fahrstühlen im Parkhaus, da das Treppenhaus nicht öffentlich zugänglich ist. „Viel zu wenig“, klagen Gäste wie etwa Axel Meyer und seine Frau Sabine, die mit anderen Besuchern eine halbe Stunde vor einem der Fahrstühle im Parkhaus Schlange standen. Behördensprecher Isermann weiß von den Problemen und hat durchaus Verständnis dafür, dass das „vielen Leuten nicht schmeckt“. „Kapazität und Ausschilderung sind nicht optimal.“ Die Kulturbehörde sei bereits in Gesprächen mit dem Parkhausbetreiber „apcoa“, um die Situation zu verbessern. Möglicherweise werde das Treppenhaus doch noch für die Öffentlichkeit geöffnet. Noch wahrscheinlicher ist nach Auskunft der Kulturbehörde, dass Parkhausnutzer künftig direkt mit dem Fahrstuhl zu den Sälen und zum Restaurant gelangen können. Dafür werde eine Lösung erarbeitet.

Toiletten

Wer es zum Konzertsaal und zu seinem Platz geschafft hat, sollte − zumindest als Frau − genügend Zeit einplanen für einen Toilettengang − vorher oder in der Pause. Behördenmann Isermann hat davon gehört, dass „ein paar mehr Damentoiletten dem Gebäude gut getan hätten“, die Anzahl von 51 Damen-WC, 28 Herren-WC sowie 46 Urinalen entspreche aber den amtlichen Vorgaben. Besucherinnen geraten trotzdem in Bedrängnis − bei nur vier Toiletten auf einer Etage. Regelmäßig staut es sich bei den „Damen“ zurück bis auf den Gang, so manche schon musste unverrichteter Dinge aufgeben, weil der Gong das Ende der Pause einläutete. Kleiner Tipp: Auf Etage 13 stehen deutlich mehr Örtlichkeiten zur Verfügung.

Treppen

Für Besucher, die wackelig auf den Beinen sind oder nicht gut sehen können, werden die Treppenaufgänge zu einem Hürdenlauf. Der Parkettboden sei rutschig, berichten Gäste. Noch mehr Probleme bereiten die ungewöhnlich tiefen Treppenstufen und fehlende Absatzstreifen an den Stufenkanten. Die Treppen „zerlaufen optisch zu einer großen massigen Fläche“, berichtet ein Konzertbesucher, auf der das Auge nur schwer Orientierung finde − stolpern inklusive. Dass sich ein Besucher sogar schon ein Bein gebrochen hat, wie es gerüchteweise hieß, bestätigt Enno Isermann auf Nachfrage. Das sei aber im Saal passiert an „einer unkritischen Stelle“ und habe deshalb nichts mit der baulichen Ausstattung zu tun. Allerdings sei auch jemand bei einem Testkonzert vor der Eröffnung gestürzt, Hochtief habe daraufhin Geländer nachgerüstet.

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Die Kulturbehörde verspricht, alle Klagen ernst zu nehmen und ihnen nachzugehen, der Sprecher nennt aber auch Grenzen: „Es ist ein komplexes Gebäudekonstrukt durch die festgelegte Grundfläche auf dem alten Kaispeicher und unterschiedliche Nutzungen innerhalb des Hauses.“ Und die Architekten haben auch immer ein Wörtchen mitzureden.

Hintergrund: Etappen beim Bau der Elbphilharmonie

  • Oktober 2001: Der Architekt Alexander Gérard tritt an den Hamburger Senat mit der Idee heran, eine neue Konzerthalle auf dem Kaispeicher A zu realisieren.
  • Juni 2003: Die Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron präsentieren den ersten Entwurf der Elbphilharmonie: eine «Gläserne Welle» auf dem alten Kaispeicher.
  • Juli 2005: Die erste Machbarkeitsstudie geht von Gesamtkosten in Höhe von 186 Millionen Euro aus. Der Anteil der öffentlichen Hand soll bei 77 Millionen Euro liegen. Geplante Eröffnung 2010.
  • November 2006: Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gibt bekannt, dass die Elbphilharmonie teurer wird als geplant. Die Kosten steigen auf 241,3 Millionen Euro, der Anteil der Stadt auf 114,3 Millionen Euro.
  • 2. April 2007: Grundsteinlegung Elbphilharmonie.
  • November 2008: Kultursenatorin Karin von Welck räumt ein, dass sich die Kosten für den Steuerzahler um 209 Millionen Euro auf 323 Millionen Euro erhöhen. Neuer Eröffnungstermin ist im Mai 2012.
  • Mai 2010: Der von der Hamburger Bürgerschaft eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss nimmt seine Arbeit auf, um die Ursachen der Kostensteigerungen herauszufinden.
  • 28. Mai 2010: Richtfest auf der Baustelle der Elbphilharmonie. Die Feierlichkeiten werden von Protesten begleitet.
  • Juli 2011: Der Baukonzern kündigt erneut eine Verzögerung an. Nun soll die Elbphilharmonie am 15. April 2014 übergeben werden.
  • November 2011: Stillstand auf der Baustelle: Hochtief stellt die Arbeiten am Dach wegen Sicherheitsbedenken ein.
  • 2. Februar 2012: Ex-Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sagt vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss aus. Er übernimmt die politische Verantwortung, würde aber wieder so entscheiden.
  • 14. April 2012: Der Senat legt einen Plan zum Weiterbau der Elbphilharmonie vor. Gleichzeitig setzt die Stadt Hochtief ein Ultimatum, das Dach bis zum 31. Mai abzusenken.
  • 23. November 2012: Das Saaldach der Elbphilharmonie wird erfolgreich abgesenkt, das heißt mit dem Gebäude verbunden. Der Streit darüber war einer der wesentlichen Gründe für den Baustillstand.
  • 15. Dezember 2012: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) verkündet, dass die Stadt die Elbphilharmonie mit Hochtief zu Ende bauen will. Dafür erhält der Baukonzern erneut 200 Millionen Euro, übernimmt aber auch sämtliche Risiken. Fertigstellungstermin: Oktober 2016.
  • Juni 2013: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gibt bekannt, wie viel die Elbphilharmonie insgesamt - mit Hotel und Parkhaus - die Stadt kosten wird: 789 Millionen Euro, zehnmal so viel wie geplant.
  • April 2014: Der Untersuchungsausschuss legt seinen Abschlussbericht vor. Danach sind eine unfertige Planung, Chaos auf der Baustelle und überforderte Politiker für das Baudesaster verantwortlich.
  • 26. Juni 2015: Die öffentliche Plaza in 37 Metern Höhe wird der Presse vorgestellt. Kommentar von Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos): «Da bleibt einem die Spucke weg.»
  • 3. Februar 2016: Die «Weiße Haut» des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota im Großen Saal ist fertig. Die innovative Wandverkleidung soll auf 2100 Plätzen vollen Klanggenuss ermöglichen.
  • 11. April 2016: Generalintendant Christoph Lieben-Seutter stellt das Programm für die erste Saison in der Elbphilharmonie vor. Das «Who is Who» der klassischen Musik will in dem Konzerthaus auftreten.
  • 30. Juni 2016: Der große Konzertsaal mit 2100 Plätzen wird vom Bauunternehmen Hochtief an die Stadt übergeben. Neben Restarbeiten stehen nun die Abnahme des Saals und der technische Probebetrieb an.
  • September 2016: Erste Geheimprobe des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock. Sein Kommentar: «Prima, Herr Toyota. Den nehmen wir!»
  • 31. Oktober 2016: Der Baukonzern Hochtief übergibt intern das fertige Gebäude an die Stadt Hamburg. Auf der gläsernen Fassade erscheint durch erleuchtete Fenster das Wort «FERTIG».
  • 4. November 2016: Festakt zur Übergabe des Gebäudes. Die Plaza, das Hotel und die Gastronomie werden für die Besucher geöffnet.
  • 1. Januar 2017: Uraufführung der Performance «Figure Humaine» von Sasha Waltz & Guests in den Foyers der Elbphilharmonie.
  • 11. Januar 2017: Eröffnung der Elbphilharmonie mit einem Festakt und einem Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock. Erwartet werden auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

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