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Moderator Peter Urban im Interview : „Beim ESC funktioniert Europa“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Moderator Peter Urban ist die deutsche Stimme des Eurovision Song Contests.

Er kennt sie alle: Jimi Hendrix und Janis Joplin hat er live gesehen, David Bowie interviewt und den total verschwitzten Bruce Springsteen nach dessen Konzert in seiner Kabine getroffen. Und ihm gehört eine der berühmtesten Stimmen Deutschlands: Seit gut 40 Jahren moderiert Peter Urban beim NRD Musiksendungen mit handverlesener Songauswahl. Und seit fast 20 Jahren kommentiert der heute 68-Jährige die größte Fernsehshow der Welt, den Eurovision Song Contest.

Herr Urban, Sie sind seit fast drei Jahren im Ruhestand. Trotzdem treffen wir uns hier in Hamburg im NDR Funkhaus. Warum?
Weil ich hier fast täglich bin. Ich arbeite für den Sender als sogenannter freier Mitarbeiter, mache meine Radiosendungen weiter, betreue die Konzertreihe NDR 2 Radiokonzert.

Ihre Doktorarbeit hatte einen interessanten Titel: „Die Poesie des Rock“. Gibt es denn auch eine Poesie des ESC?
Darüber würde ich eher nicht schreiben (lacht). Aber Poesie gibt es. Dort schreiben Songwriter aus ganz vielen Ländern, oft in einer ihnen fremden Sprache, etwa in Englisch. Nur geht da manchmal die Poesie etwas verloren, weil die Songschreiber in ihren Texten nicht so tief gehen können, wie etwa ein Bob Dylan das kann. Der Zweck der Songs für den ESC ist aber auch ein anderer, dort geht es nicht um bestimmte Themen oder Aussagen, sondern um allgemeinere Themen. Liebe, Schmerz, Triebe. Politischere Themen sind selten und werden, wenn überhaupt, nur angerissen.

Zwischen Ihrer Musikwelt und der ESC-Welt klafft offensichtlich eine Lücke.
Das stimmt in gewisser Weise. Ein glühender ESC-Fan bin ich persönlich eher nicht. Ich beschäftige mich eigentlich auch mit ganz anderer Popmusik. Aber ich betrachte es als meinen Job, das zu kommentieren, so gut wie möglich einzuschätzen. Ich versuche, das, was ich sehe und höre, so zu kommentieren, wie es die Zuschauer zu Hause tun würden. Und ich glaube, oft sage ich das, was die Zuschauer vorm Fernseher gerade denken. Nur, dass ich es ausspreche. Man muss ja auch sehen, dass ich damals wie die Jungfrau zum Kinde dazu gekommen bin.

Wie kamen Sie zum ESC?
In den 90-ern war der Song Contest in Deutschland praktisch niedergegangen, er dümpelte auf einem schlimmen Schlager-Niveau, keine gute Zeit für den ESC aus deutscher Sicht. Irland gewann damals mehrfach mit Singer-Songwriter-Beiträgen, und bei uns fehlte die Weiterentwicklung. Die Aufmerksamkeit für den ESC ging zurück. Damals übernahm der NDR vom MDR die Verantwortung für die Show. Der Verantwortliche beim NDR, Jürgen Meier-Beer, hat mich angesprochen. Mit ihm hatte ich schon gearbeitet und große Rockereignisse fürs Fernsehen kommentiert, etwa Live Aid und das Konzert für Nelson Mandela. Als er mich fragte, ob ich den ESC kommentieren möchte, dachte ich erst: Der spinnt. Und dann dachte ich, vielleicht ist es doch ganz interessant? Es ist ja eine Art Europameisterschaft der Musiker und Sänger. Früher wollte ich mal Sportreporter werden, was nicht geklappt hat. Mit dem ESC konnte ich nun doch einen Wettbewerb kommentieren.

Wie hart ist die Konkurrenz unter den Teilnehmern?
Ehrlich gesagt, herrscht dort immer eine richtig positive, harmonische Stimmung. Das ist nie so, dass sich die Teilnehmer anzicken. Es ist echt sportlich. Eigentlich ist es, wie die europäische Einheit sein sollte. Oder noch mehr, denn es sind ja mehr als 40 Länder dabei, auch Israel und weitere. Man weiß ja auch vorher gar nicht, wer ist wirklich Hauptkonkurrent, das schält sich erst kurz vor dem Finale heraus. Musiker untereinander sind sowieso sehr kollegial, im Gegensatz zu anderen Berufssparten.

Könnten Angela Merkel und andere Staats- und Regierungschefs davon lernen?
Ja, klar, die sollten mal vorbeikommen und sich das anschauen (lacht).

Fühlen Sie sich seit den Anschlägen in Paris oder Brüssel unsicherer?
Der ESC war schon immer ein riesiges Sicherheitsevent, ähnlich wie bei Gipfeltreffen, mit aufwendigen Sicherheitschecks wie beim Flughafen und massenweise Security. Eigentlich hat sich das vom Gefühl her nicht verändert. Seitdem ich dabei bin, waren die Sicherheitsvorkehrungen immer sehr aufwendig, vor allem 1999 in Israel. Bei meinem ersten ESC, 1997 in Dublin, hatte die IRA Anschläge angedroht. Am Tag des Finales kamen Polizisten mit Hunden, es hatte eine Bombendrohung gegeben. Dann wurde die ganze Halle durchsucht, auch unsere Kabinen. Das war nicht gerade beruhigend.
 

Haben Sie nach den Terroranschlägen in Brüssel und Paris Sorge, dass dieses Jahr beim ESC etwas passieren könnte?
Nein. Es ist ein extrem gut organisiertes Projekt, das ist total abgesichert. Und ehrlich gesagt: Das würde ja auch keinen Sinn machen. Beim ESC sind Leute aus christlichen Ländern, aus Ländern, die keiner bestimmten Religion angehören, aus muslimischen Ländern dabei. Es wäre ja vollkommen verrückt, diese Veranstaltung anzugreifen. Also, Angst davor habe ich wirklich nicht.

Kritiker des ESC monieren, der Contest wäre zu teuer, zu altbacken, musikalisch eine Katastrophe und sowieso überflüssig. Was entgegnen Sie ihnen?
Erstens: Es ist eine Unterhaltungsshow, und zwar die größte in der Welt, allein von den Zuschauerzahlen her. Und zweitens ist diese Show auch von der Fernseh- und Bühnentechnik her absolut State of the Art. Immer wieder werden dort technische Neuerungen ausprobiert und eingeführt, beispielsweise ein mit Videos bespielbarer Bühnenboden und viele andere Tricks. Diese ganzen Sachen würden gar nicht entwickelt ohne den ESC.

Und die Musik?
Dass die Musik unterschiedlich ausfällt, liegt auf der Hand. Es sind Beiträge aus über 40 Ländern mit unterschiedlichen Vorlieben. Einige bemühen sich, sich anzupassen an Trends, an das, was vielleicht erfolgreich ist. Wenn in einem Jahr ein Duo gewinnt, sind im nächsten Jahr fünf Duos dabei oder zehn. Was dämlich ist. Man kann sich doch ausrechnen, dass das nicht gewinnt.

Und die Kosten? Das Millionenspektakel zahlen die Gebührenzahler.
Wenn man es richtig ausrechnet, ist die Show gar nicht so teuer. Sie ist günstiger als Shows, die allein vom NDR gestemmt werden, oder als Spielfilme, die mit mehr Aufwand gemacht werden und weniger Zuschauer anlocken. Über die Qualität der Musik kann man streiten. Aber es gibt immer wieder auch Songs, die einen echt zufrieden stellen, die zum Teil auch große Hits werden. Solche Sachen und Songs versuche ich dann immer, zu unterstützten, und freue mich darüber.

Dennoch haben viele Songs, auch die Siegerlieder, heute eine sehr kurze Halbwertzeit. Im Gegensatz zu Abbas „Waterloo“, das 1974 gewonnen hat und das man immer noch kennt.
Das ist wahr, sogar ich vergesse viele Songs. Es gab ein paar Highlights, etwa Abba oder Udo Jürgens mit „Merci Chérie“. Aber auch zwischen diesen Supersongs gab es viele, die nicht so toll waren und die keiner mehr kennt.

An was wird man sich erinnern?
Sicher an skurrile Auftritte, an Conchita Wurst, eine Frau mit Bart. Aber ich erinnere mich auch gerne an Loreen oder an gute Titel, die auf Platz zwei oder drei gelandet sind, etwa die Common Linnets aus Holland, die vor drei Jahren dabei waren. Ob ich an den letztjährigen Gewinner noch lange denken werde, weiß ich nicht. Bei ihm war es ja eher die Show, der Auftritt, der so erfolgreich war. Aber ich gebe Ihnen Recht, dass man Titel vergisst. Doch es gibt immer wieder Highlights, etwa Lena, die man eben nicht vergisst.

Wie bereiten Sie sich auf den ESC vor?
Ich habe mir schon alle Titel angehört und die Videos gesehen. Aber erst vor Ort bekommt man einen wirklichen Eindruck davon, wie die Songs und die Sänger sind, was sie können oder auch nicht. In den Videos sieht man ja eher Menschen, die an einem Strand entlanglaufen. Das hat mit einer Live-Performance wenig zu tun. Die Arbeit fängt an, wenn man da ist, wenn man sich die Proben anschaut. Auch wenn man heutzutage die Titel ja schon vorher kennt, weil sie schon im Radio gespielt und im Netz kommentiert werden.

Dieses Jahr hat die deutsche Kandidatin Jamie-Lee einen schweren Stand. Letztes Jahr holte Ann Sophie für Deutschland null Punkte und landete auf dem letzten Platz.
Ja, das war hart. Der Song war nicht Weltklasse. Aber Ann Sophie war auch nicht schlechter als andere. Das fand ich schon unfair, was auch am Bewertungssystem liegt. Dieses Jahr gibt es ein neues Punktesystem. Nach der neuen Wertung wäre Ann Sophie auf Platz 22, nicht auf 26 gelandet. Was nicht so schlimm gewesen wäre. Ich muss mir nur noch überlegen, wie ich das neue System dem Publikum erkläre. Es ist etwas kompliziert.

Wie sehen Sie Jamie-Lees Chancen?
Gut, denke ich. Es ist jedenfalls ein gutes Lied. Und Jamie-Lee ist für ihr Alter eine erstaunliche Sängerin. Auch ihr Manga-Stil gefällt sicher vielen. Ich denke, ihre Chancen sind nicht schlecht. Allerdings sind auch andere starke Songs dabei, etwa der aus Schweden. Es wird spannend.

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erstellt am 14.Mai.2016 | 16:00 Uhr

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