Eine Entwicklung in sechs Porträts : Barenboim und die Folgen: Die Ablösung der Patriarchen

Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin beim Staatsoper für alle 2018 Event auf dem Bebelplatz. Foto: xT.xBartillax/xFuturexImage
Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin beim Staatsoper für alle 2018 Event auf dem Bebelplatz. Foto: xT.xBartillax/xFuturexImage

Der Fall Barenboim steht für eine Entwicklung in der Kunstwelt: Die Patriarchen machen einem neuen Führungsstil Platz. Sechs Porträts vom Pultstar bis zur Documenta.

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10. März 2019, 16:11 Uhr

Osnabrück | Für Johannes Maria Schatz kam der Aufschrei nicht überraschend. "Ich weiß es seit drei Jahren", sagt der Vorsitzende der Künstlerbewegung "art but fair" zu einem Artikel des Onlinemagazins "VAN" über Daniel Barenboim. Der Dirigent habe Musiker der Staatskapelle Berlin beschimpft, beleidigt, unter Druck gesetzt, heißt es da; mittlerweile sind Musiker aus der Deckung der Anonymität gekommen und haben die Vorfälle bestätigt. Ein Einzelfall? In Cottbus musste Generalmusikdirektor Evan Christ wegen seiner cholerischen Ausfälle gehen, in Erl Dirigent Gustav Kuhn, weil ihm sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden. Befördert das hierarchische System der klassischen Musik solche Vorfälle? Vielleicht. Doch auch die bildende Kunst kennt die polternden, narzisstischen Männer, die auf absolutistische Macht pochen. Das passt in eine Welt, in der der Ruf nach starken Männern immer lauter wird. Doch Künstlerinnen und Künstler heutiger Prägung leben einen neuen Stil vor: Sie setzen dabei auf Kooperation statt Konfrontation, auf Augenhöhe statt Hierarchie. Sechs exemplarische Beispiele dokumentieren diesen Wandel.

Daniel Barenboim

Wenn Daniel Barenboim in der Berliner Staatsoper "Tristan" oder "Fidelio" dirigiert, garantiert das Opernkunst auf Spitzenniveau. Eine schöne Geste ist dabei immer, dass Barenboim sein Orchester, die Staatskapelle Berlin, zum Applaus mit auf die Bühne holt - der Mann weiß, was sich gehört. Nur in der Öffentlichkeit? So recht verstehen kann Barenboim nicht, was ihm vorgeworfen wird, wie er der "Zeit" im Interview erzählt. Natürlich kann es in Proben mal hitzig zugehen, und "Höchstleistung fordern, gehört dazu", sagt Gerald Mertens, der Geschäftsführer der Musikergewerkschaft Deutsche Orchestervereinigung. Nur: Der wutschnaubende Choleriker, der wie Arturo Toscanini seinen Taktstock zerbricht, ist heute nicht mehr gefragt. Die Musiker sind besser geworden, sie sind dank digitaler Konzerthallen und Youtube, "permanent online", und "Musiker, die heute im Orchester spielen, sind einfach aufgeklärter", sagt Mertens. In den 50ern des letzten Jahrhunderts habe man die Allüren eines Dirigenten eher akteptiert - heute wollen sie auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Schwere Zeiten für einen Menschen wie Daniel Barenboim, der als Dirigent und Pianist höchste Anerkennung genießt und verdient, der kulturpolitisch mitmischt und die Sanierung der Staatsoper mit einer eigenen Musikhochschule, der Barenboim-Said-Akademie, krönt, und der mutig für die Annäherung von Israel und Palästina kämpft. Ein Allround-Genie - aus einer vergangenen Welt? Nun, es gibt Künstler, die sich in ganz anderen Sphären wähnen.

Markus Lüpertz

Alpha-Männer traut vereint: Markus Lüppertz (links) und Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Foto: dpa
Alpha-Männer traut vereint: Markus Lüppertz (links) und Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Foto: dpa

Jetzt hilft nur noch der liebe Gott. „Der liebe Gott hat die Maler auserkoren, den Menschen die Welt zu erklären“, findet Markus Lüpertz. Sein Satz aus einem kürzlich geführten Interview mit der Augsburger Allgemeinen bringt die Not eines Patriarchen der Kunst auf den Punkt. Er muss himmlische Sphären bemühen, um seinen Anspruch auf Meinungsführerschaft noch begründen zu können. Aber hatte sich die Kunst nicht schon vor langer Zeit von Gott und Kirche gelöst? Lüpertz schert das nicht. Er sieht sich als Genie, mindestens. In Karlsruhe wird er jetzt die U-Bahn mit Majoliken zur Schöpfungsgeschichte ausstatten – an sieben Stationen. Sieben Schöpfungstage für den selbst ernannten Gottvater der Kunst? Mit steifem Kragen und Gehstock wirkt Lüpertz wie eine Klischeefigur aus dem 19. Jahrhundert. Schmunzeln ist dennoch verboten. Denn dieser Patriarch ist kein Ermöglicher, keiner, der Verbindungen schafft. Dafür ist Markus Lüpertz viel zu sehr auf sich fixiert. Ein Patriarch durch und durch eben und damit ein Rollenmodell, das nicht mehr in die Gegenwart passt.

Kasper König

So sehen Macher aus: Kasper König. Foto: dpa
So sehen Macher aus: Kasper König. Foto: dpa

Als Miterfinder der Skulptur Projekte in Münster, als Kurator berühmter Ausstellungen wie „Westkunst“ (1981) und „Von hier aus“ (1984) ist Kasper König eine lebende Legende der Kunstszene. Weise hat ihn das nicht gemacht. Berühmt ist er inzwischen für flapsige Bemerkungen, die er in Gesprächen ganz gern mal herausrutschen lässt. In München hat er damit im Dezember 2018 einen Eklat produziert. In einer Gesprächsreihe der Kammerspiele zog König über türkische Einwanderer her. Der ebenfalls auf das Podium geladenen Künstlerin Cana Bilir-Meier sagte er im Vorgespräch unumwunden, sie habe Kunstpreise wohl nur wegen ihres exotischen Namens gewonnen. Bilir-Meier beschwerte sich danach über „toxische Maskulinität“ und Rassismus. Die Empörungswelle im Netz folgte prompt. Alles kein Einzelfall? Die Entgleisungen Königs ramponieren das Image, das sich die Kunstszene gern selbst gibt. Die Kunstwelt als Raum des freien, sich gern postkolonial nennenden Diskurses und der Toleranz? Das gilt wohl nicht. Königs Auftritt demaskierte die simplen Denkmuster jener Alphamänner, die ihre Position verteidigen, indem sie andere abwerten – auch in der schicken Kunstwelt. Königs zerknirschte Entschuldigung änderte an diesem Eindruck wenig.

Teodor Currentzis

Exaltiert, aber kooperationsbereit: Dirigent Teodor Currentzis. Foto: dpa
Exaltiert, aber kooperationsbereit: Dirigent Teodor Currentzis. Foto: dpa

Wenn Teodor Currentzis dirigiert, klimpert er mit den Fingern, rudert mit den Armen, wippt in den Knien; ein bisschen erinnert er an ein Kind, das einen Dirigenten spielt. Dabei ist Currentzis dabei, die Musikwelt aus den Angeln zu heben, weil er Farben aus dem Orchester holt und der Musik Dimensionen erschließt, die niemand vorher gekannt hat. Musica Eterna, sein Orchester in Perm, hat er ganz auf sich eingeschworen; geprobt wird bis in die späte Nacht hinein, buchstäblich bis zum Umfallen. Doch wie ist es mit dem SWR Symphonieorchester, das er seit dieser Saison leitet? Tariforchester pochen auf Pausen und festgelegte Probenzeiten - ein Widerspruch zum exaltierten Star? Offenbar nicht. Die künstlerischen Ergebnisse sind überwältigend - und hinter den Kulissen läuft es anscheinend ebenfalls prima. "Auf den Fluren des Funkstudios gibt es keinen, dessen Augen nicht zu leuchten beginnen, wenn von dem 46-jährigen die Rede ist", schreiben die Stuttgarter Nachrichten über die Atmosphäre beim SWR. Und bei der "Stuttgarter Zeitung" heißt es, "Er beschwört gekonnt die Aura alter "Dirigentenmagie" herauf" - ein Vertreter des alten "Maestro"-Typen im Hipster-Look? Nein. Denn Currentzis "lässt sich dabei buchstäblich in die Karten schauen und legt Wert auf Diskussion." Fazit: "Das Verhältnis zwischen Orchester und Dirigent scheint vorzüglich zu sein." Augenhöhe statt Hierarchie.

Ruangrupa

Die Zukunft der Documenta - und ein Modell für die Kunstwelt von morgen? Die Künstlergruppe Ruangrupa. Foto: Gudskul Jin Panji_
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Die Zukunft der Documenta - und ein Modell für die Kunstwelt von morgen? Die Künstlergruppe Ruangrupa. Foto: Gudskul Jin Panji_

Wie aber geht es weiter mit den Patriarchen? Bei der Documenta erst einmal gar nicht. Die Ära der großen, bisweilen einsam erscheinenden Anführer, die mit Harald Szeemann und seiner Documenta 5 von 1972 begann, könnte mit Adam Szymczyk 2017 und seiner Documenta in Kassel und Athen zu Ende gegangen sein. Für die Documenta 15 tritt kein Chefkurator mehr an, 2022 übernimmt mit Ruangrupa ein Kollektiv. Sicher, auch die Starkuratoren der Documenta arbeiteten mit ganzen Mitarbeiterstäben, aber Ruangrupa markiert nun doch einen deutlichen Wandel. Die Gruppe aus dem indonesischen Jakarta entspricht nicht nur einem modischen Diskurs, der mit gestelzt klingenden Leitbegriffen wie Partizipation und Andersheit operiert. Ruangrupa könnte eine neue Form der Kunst verwirklichen, eine Form, die der Welt von heute besser entspricht als alle Großausstellungen, die Patriarchen dirigierten. Denn nun tritt an die Stelle des Stars die Kooperation, ersetzt Zusammenarbeit den Kult um große Männer. Das Projekt wird wichtiger sein als jeder Auftritt im Rampenlicht. Entspricht das nicht der Weltlage und ihren komplexen Problemen mehr als jede Hoffnung auf einsame Erlöser und letzte Beweger?

Barbara Hannigan

Hier als Sängerin zu sehen: Barbara Hannigan als Mélisande in Debussys 'Pelléas et Mélisande' bei der Ruhrtriennale. Aber Hannigan steht auch Beispielhaft für die Zukunft des Dirigenten. Foto: Ben van Duin / Ruhrtriennale
Hier als Sängerin zu sehen: Barbara Hannigan als Mélisande in Debussys "Pelléas et Mélisande" bei der Ruhrtriennale. Aber Hannigan steht auch Beispielhaft für die Zukunft des Dirigenten. Foto: Ben van Duin / Ruhrtriennale

Fehlt nur noch eines: Die weibliche Sicht der Dinge. Noch bilden Frauen die Ausnahme am Dirigentenpult, aber das ändert seit geraumer Zeit. Die Australierin Simone Young leiteteein paar Jahre lang die Staatsoper Hamburg in der Doppelfunktion als Intendantin und Chefdirigentin, und sie hat dabei einige Erfolge gefeiert. Ebenfalls mehrgleisig ist Barbara Hanngin unterwegs: Sie singt und verkörpert Alban Bergs Lulu an der Hamburgischen Staatsoper in überwältigender Weise, singt bei der Ruhrtriennale eine bezaubernde Melisande in Debussys "Pelléas et Melisande" - und sie ist eine anerkannte Dirigentin. Das heißt: Die Kanadierin kennt beide Seiten der musikalischen Medaille. Und egal, auf welcher Seite sie steht: "Ich bevorzuge die Zusammenarbeit", hat sie dem Bayerischen Rundfunk gesagt. "Natürlich übernimmt mal der eine, mal der andere die Führungsrolle. Klar hat der Dirigent per se auch eine - sagen wir - administrative Position, aber gleichzeitig sollte diese Position auch Inspiration sein. Und das bedingt doch nicht automatisch seine Allmacht." Schwer vorstellbar, dass so jemand tobt, schreit, wütet.

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