Interview : Axel Bosse singt für Menschlichkeit und Empathie

Axel Bosse fühlt sich eher als ein Texter, der seine eigenen Worte interpretiert.
Axel Bosse fühlt sich eher als ein Texter, der seine eigenen Worte interpretiert.

Sänger zeigt auf seinem neuen Album Haltung. Für ihn ist die heutige Zeit eine hoch komplizierte.

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03. November 2018, 05:00 Uhr

Er ist in einem winzigen Dorf in Niedersachsen aufgewachsen, jetzt singt er seine sehr persönlichen Songs in großen Hallen: Axel Bosse. Seine Markenzeichen: Dreitagebart, legerer T-Shirt-Look und blond-braunes Haar, das unter einem Baseballkäppi hervorlugt. Olaf Neumann sprach wenige Tage vor seinem bereits ausverkauften Konzert im Rostocker M.AU.-Club mit ihm.

Wie entstehen Ihre Songs?
Ich brauche immer einen Grund, einen Text zu schreiben. Über den Text kommt dann meistens die Musik. Und im besten Fall schreibe ich dann beides zusammen fertig.

Ist der Gesang bei einem Song das Wichtigste überhaupt?
Der Text ist auf jeden Fall ein Schwerpunkt. Diesmal fand ich auch die Rhythmussektion sehr wichtig. Ich war nie der Typ, von dem die Leute sagen, er hätte eine besonders tolle Stimme. Ich fühle mich eher als ein Texter, der seine eigenen Worte interpretiert.

Sie gelten als Autodidakt mit unverwechselbarem Sound.
Ich war nie auf einer Musikschule, ich habe mir fast alles im Proberaum beigebracht. Ich hatte aber mal Klavierunterricht und spiele gut Schlagzeug, weil ich das wirklich gelernt habe.

In Ihrem neuen Song „Alles ist jetzt“ singen Sie von „vielen dummen Menschen, die ihren Hass weitergeben“ Fühlen Sie sich verstrickt in diesen Hass?
Ich finde, dass die heutige Zeit eine hoch komplizierte ist. Es geht ein immenser Rechtsruck durchs Land und es herrscht eine große Unzufriedenheit. Gerade über die Montagsdemos war ich immer geschockt, wenn ich vor dem Fernseher saß. Die Reaktion darauf muss sein, Haltung zu zeigen und für ein buntes Land zu plädieren, für Mitmenschlichkeit und Empathie. Und das versuche ich auf dem Album hier und da.
Die dümmsten Menschen waren schon immer Nazis. Und der ganze Rest, der da so mitläuft, muss bekehrt werden. Zumindest muss man es probieren. An den Menschen, die ich auf meinen Konzerten treffe, merke ich, dass da gerade eine Jugendkultur anfängt, sich zu politisieren. Die haben alle eine Haltung. Ich kenne viele 18-Jährige, die in die Politik gehen wollen, um Dinge zu verändern.

Hat sich bei Ihnen in letzter Zeit viel Wut aufgestaut?
Jeder schlimme Seehofer- oder AfD-Kommentar macht mich unfassbar wütend. Diese Wut kann ich mir aber zunutze machen, indem ich mich mit meiner Musik, in meinen sozialen Netzwerken und auf meinen Konzerten äußere. Damit kann ich etwas bewirken. Ich habe jetzt das erste Mal in meinem Leben richtig Haltung gezeigt mit einem Album. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass Dinge wie Pressefreiheit, Multikultur und Mitmenschlichkeit die Hauptgründe waren, warum ich Musiker geworden bin.

Ist Deutschland noch das Land, in dem es sich zu leben lohnt?
Ich habe schon in vielen Ländern gelebt und muss sagen: Deutschland ist ein Land, in dem man super leben kann. Es gibt hier viele tolle Leute, eine tolle Kulturszene, eine freie Presse, ein tolles soziales System, das sicherlich noch ausgebaut werden muss. In vielen anderen Ländern gibt es nicht mal einen ausreichenden Krankenversicherungsschutz. Die Altersversorgung in Deutschland muss aber noch besser werden, weil das einer der Hauptgründe ist, weshalb Leute unzufrieden sind und plötzlich anfangen, die AfD zu wählen.

Wofür möchten Sie sich gern mehr Zeit nehmen?
Besonders gut im Nichtstun bin ich immer dann, wenn ich ganz viel geschafft habe und der Körper sich nicht mehr so richtig bewegen kann. Bei Verschleißmuskelkater kann ich mich richtig entspannen und drei Tage lang nur irgendwo hingucken. Irgendwann fängt es aber wieder an zu kribbeln und ich muss etwas tun.

Sie sind im niedersächsischen Dorf Hemkenrode aufgewachsen. Auf ihrer neuen Platte besingen Sie Ihre „Hometown“. Welche Orte Ihres Lebens werden Sie nie vergessen?
Das ist ein Riechen-Fühlen-Erinnern-Song. Wenn ich heute so durch mein altes Dorf tapse und rieche, wie die Nachbarin gerade etwas mit Speck kocht und wie die Wäsche in ihrem Garten nach Perwoll riecht, dann fühle ich mich wieder wie fünf und habe noch mein BMX-Rad. Und wenn ich in Berlin an meiner ersten Wohnung vorbeigehe, ist da zwar noch mein Balkon, aber daneben stehen all diese komischen neuen Glasbauten, in denen Agenturen sind. Dann ist dieses Gefühl irgendwie weg. In Hamburg habe ich lange auf St. Pauli gewohnt. Ich hätte unsere Straße mit verbundenen Augen am Geruch erkannt.

Sie sind sehr erfolgreich. Wie groß ist da die Gefahr, dass man sich verkauft?
Diese Gefahr sehe ich bei mir überhaupt nicht. Die Herausforderung ist, es mit seinen Mitteln zu schaffen, so viele Leute happy zu machen. Aber ich will es schaffen, dass auch in der Sporthalle der Junge in der letzten Reihe noch einen Tropfen Schweiß abkriegt.

 

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